Zwanzig Klientinnen und Klienten der Stiftung für Behinderte Aarau-Lenzburg verwandelten sich in Moderatoren, Quizmaster, Geschichtenerzähler, Discjockeys und Musikanten. In der Reihe «Du bist Radio» von Radio Kanal K gestalteten sie mit erstaunlicher Lockerheit ein Programm, das dann im März ausgestrahlt wird.

Ohne Hemmungen schilderten die behinderten Menschen ihre tristen Lebensläufe: wie sie als Kinder gehänselt, ausgestossen, ja geradezu fertig gemacht wurden. Selbst Stiftungsleiter Charly Suter war bass erstaunt, mit welcher Offenheit seine Schützlinge im Bewusstsein, dass man sie im Radio wird hören können, in ihren traurigen Erinnerungen kramten.

Die Crew des Aarauer Radios Kanal K unter Redaktionsleiter Ralf Stutzki hatte es verstanden, die Behinderten aus ihrer Reserve zu locken und ihnen die Angst vor dem Mikrofon und damit der Öffentlichkeit zu nehmen.

Singen mit Korken im Mund

«Moderatoren müssen locker sein», erklärte Stutzki vor Aufnahmebeginn und liess die Klienten mit einem Korken im Mund das Lied von den drei Chinesen mit dem Kontrabass singen. Dazu trugen sie bereits das weiss-blaue T-Shirt mit dem Logo «Du bist Radio». So heisst die Sendereihe, die seit März 2009 bei Kanal K läuft und alle zwei Monate ausgestrahlt wird. 2009 wurde das Projekt als «bestes alternatives Radio» von der Nürnberger Medienakademie aus 130 Bewerbungen zum Sieger gekürt.

Zu Wort kommen in den Sendungen stets Leute, die sonst nie zu Wort kommen. Leute, die am Rande der «normalen» Gesellschaft leben. Vor der Stiftung für Behinderte waren dies etwa die Bewohner der Wohn- und Arbeitsstätte Murimoos, Gefangene des Hochsicherheitstraktes in der JVA Lenzburg, die Schüler der Jüdischen Primarschule in Zürich, die Benediktinerinnen des Klosters Fahr oder Menschen mit amyotropher Lateralsklerose.

Die Sendung dauert in der Regel zweimal eine Stunde; in der ersten wird die Institution vorgestellt, in der zweiten kommen die Bewohner, Patienten, Klienten, Schutzbefohlenen zu Wort. Da können sie sagen, was sie wollen, ohne dass ihnen die Radio-K-Leute dreinreden. Für die Texte gibt die Radio-Crew nur Hinweise, worüber sie sprechen könnten und wie sie mit dem Mikrofon umzugehen haben.

Nachhaltige Eindrücke

Die Texte wurden von den Klienten selber geschrieben und gesprochen, auch wenn Sprachbehinderungen das Verstehen nicht einfach machten. «Erstaunlich, wie sich Leute während des Radiomachens verändert haben», stellte Charly Suter während der Aufnahmen fest. Das dürfte nachhaltige Eindrücke hinterlassen, etwa bei Chrigu, der ein angefressener Faustballer war, ehe er als 32-Jähriger beinahe einem schweren Arbeitsunfall erlegen wäre und seither an einem gravierenden Schädel-Hirn-Trauma leidet. Oder bei Tobias, von dem alle sagten, man wolle ihn nicht und der deshalb gnadenlos schikaniert wurde.

Doch in der Sendung ist nicht nur vom Elend der Behinderten die Rede, sondern da wird auch Musik gemacht, ausgewählt und angesagt von den Klienten. Da reicht das Spektrum vom Rock bis zum Hudigäggeler. Und schliesslich legten die Klienten auch Zeugnis ab von ihrer eigenen musikalischen Begabung: Juliana mit der Trompete, Sara mit ihrer Klarinette, auf der sie den Ohrwurm «El Condor pasa» spielte, Uygur und Jenny mit dem Klavier, wobei sich Jenny auch von ihrem gebrochenen Handgelenk nicht irritieren liess.

Sendetermine auf www.du-bist-radio.ch