Angst? Nein, Angst hätten sie doch nicht vor dem hiesigen Weibervolk, lachen Stefan, Daniel, Philipp und Martin. Die vier stehen im aufgeheizten Festzelt des Meisterschwander «Speuzli» und stossen auf die alte Meitlidonnschtigs-Tradition an. Dabei wäre doch eigentlich Vorsicht geboten vor dem schwarzverhüllten Weibervolk, das draussen trommelnd und schreiend durch die Gassen zieht.

Schliesslich haben die Meisterschwander und Fahrwanger Frauen im 2. Villmergerkrieg von 1712 bewiesen, wie furchteinflössend sie sein können. Damals schlugen sie mit ihrem Geschrei und Getrommel die Urkantönler aus der Innerschweiz in die Flucht und verhalfen den Bernern zum Schlachtsieg. Deren Oberst Tscharner schenkte ihnen zum Dank «drei eigene Tage», an denen sie über das Männervolk regieren dürfen.

Doch was kann man mit drei Tagen Herrschaft schon bewirken? Die Welt verbessern? Das geht kaum. Drum machen sich die Seetaler Damen seit Jahrhunderten jeweils am Meitlidonnerstag auf Männerfang. Den prächtigen Exemplaren, die sich im «Speuzli» am Donnerstagabend zuprosteten, wurde es schon ein bisschen «gschmuuch», als sie aus der Ferne das lauterwerdende Getrommel der Tambourinnen und das Geschrei der Dorffrauen vernahmen.

Brauchtum und bitterer Ernst

Kurz nach neun brach die Meisterschwander Meitlisonntigs-Präsidentin Manuela Schneiter mit ihrer schwarzen Gefolgschaft zur «Speuzli»-Tür herein und rief die versammelten Männer zum Tanz. Aus dem Tanz wurde Jagd, und am Ende der Jagd zappelte Philipp im Netz der Weiberschar und wurde über die Strasse in die nächste Beiz geschleikt. Dort kaufte er sich mit ein paar Flaschen Wein frei. «Ich fühlte mich wie der Hecht im Netz, einfach wunderbar», rief Philipp durch die prostende Menge.

Manchmal aber wird aus dem spassigen Brauchtum, der traditionellen Tanznacht, aber auch bitter-süsser Ernst. Keine weiss das besser als die 86-jährige Fulvia Siegrist. Vor 64 Jahren ging ihr an der Meisterschwander Meitlizyt ihr zukünftiger Ehemann ins Netz. Die traditionelle Liebschaft zwischen der zugewanderten Italienerin und dem jungen Dorfbäcker sorgte damals für einiges Ungemach.

«Seine Mutter hatte gar keine Freude, dass ihr Sohn einem ‹Tschinggeli› ins Netz ging, stelled Sie sech vor!», erzählt Fulvia Siegrist im Fahrwanger «Multi-Pizza». Damals habe sich das Weibervolk noch nicht in schwarzer Robe durch die Nacht getanzt, sondern sei farbig gewandet gewesen. «Und es hatte oft viel Schnee, in dem wir die gefangenen Männer wälzen konnten», erinnert sich Fulvia und verabschiedet sich mit ihrem Partner Siro auf die Tanzfläche.

Fremde Fötzel nicht mehr Tabu

Ein besonderer Fang gelang dieses Jahr auch den Meisterschwander Meitli. Zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte nahmen sie am Sammelanlass «Jeder Rappen zählt» auf dem Bundesplatz in Bern teil und verkauften Lebkuchen für einen guten Zweck. 1500 Franken hätten sie mit den Lebkuchen eingenommen, freut sich Vereinspräsidentin Manuela Schneiter. «Und dann haben wir auf dem Bundesplatz den Schweizer Popstar Baschi entdeckt und ihn kurzerhand gefangen genommen. Der hat mächtig gezappelt und sich riesig gefreut», ruft Schneiter durch die laute Musik im «Speuzli».

Noch vor fünf Jahren hätten sich die Meisterschwander Meitli einen solch exotischen Fang nicht erlauben dürfen. Bis dahin durften sie nur einheimische Männer in ihren Grasbogen entführen. Fremde Fötzel waren tabu. Vielleicht hat es also doch auch sein Gutes, dass sich Traditionen ändern, dass alte Bräuche überdacht und den Gegebenheiten angepasst werden. Denn welche Weiberschar will schon nicht von sich sagen können, Baschi habe in ihrem Netz gezappelt.