Lenzburg
Meister der Böllerschüsse: Keiner schoss in Lenzburg schon so viel wie er

Stadtkanonier Luigi Marchesin feiert am Jugendfest vom nächsten Freitag sein 50-Jahr-Jubiläum. Das Amt musste er sich nach langjähriger Schulung hart erarbeiten – 17'000 Böllerschüsse feuerte er bis heute schon ab.

Heiner Halder
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Stadtkanonier Luigi Marchesin zündet zum Jubiläum die Lenzburger Tischbombe. HH.

Stadtkanonier Luigi Marchesin zündet zum Jubiläum die Lenzburger Tischbombe. HH.

Das ist ihm in seiner 50-jährigen Karriere als Kanonier noch nie passiert: In Ausübung seiner Pflicht wurde Luigi Marchesin just im Jubiläumsjahr von der Polizei angehalten und in hochnotpeinlichem Verhör betreffend Bewilligung für die lautstarke Betätigung befragt. Das war ausgerechnet bei der Brauchtums-Demonstration für Lenzburger Neuzuzüger.

Zwar schoss der Stadtkanonier in offizieller Mission auf dem Freischarenplatz nur mit einem Mini-Kanönchen, doch war der Widerhall in der Stadt bis zur heiligen Hermandad vorgedrungen.

Ihre Argumentation: Die stillschweigende Duldung der Böllerschüsse gelte nur für traditionelle Festlichkeiten wie etwa am Jugendfest. Ironie des Schicksals: Darum war es bei der ganzen Übung ja gegangen.

Rundum gelungene Integration

Für Luigi ist die Welt unterdessen wieder in Ordnung. Die hochoffiziellen Ehrungen im Rahmen der Weinprobe der Jugendfestkommission durch Jugendfestpräsident Martin Stücheli und im Rathaus vor dem Stadtrat in corpore durch Stadtammann Daniel Mosimann lassen keinen Zweifel am Status des Stadtkanoniers:

Der darf das, und seine Dienste sind weiterhin gefragt.

Der Werdegang des einst aus Italien eingewanderten Jünglings vom Ladenstift zum unentbehrlichen «donnernden Sprachrohr» des Jugendfestpräsidenten ist ein Musterbeispiel rundum gelungener Integration.

Dieser ist nämlich für das Wetter verantwortlich und jener für die Vermittlung der Entscheide über Schönwetter- oder Schlechtwetterprogramm. Ein Relikt aus den Zeiten, als all der elektronische Schnickschnack das Leben noch nicht verkomplizierte.

Ein früher Logistiker

«Südländisches Temperament, Herzlichkeit, eine grosse Portion Schlauheit und die Gabe, aus allem etwas Nützliches zu machen, prägen den Luigi», führte Martin Stücheli in seiner Laudatio aus.

Dessen Schicksal ist eng verbunden mit der Persönlichkeit von Walter Bertschi-Röschli, dem legendären Eisenwarenhändler und Vorgänger von Ottos im Handel mit allerhand «Warenposten» unten in der Rathausgasse im Haus zum roten Schild.

Der Gemischtwarenladen führte nebst Schrauben, Nägeln und Werkzeugen, Christbaumschmuck, Emailschildern und ausrangierten Militär-Brotsäcken auch Schwarzpulver und Zündhütchen, um Baumstrünke zu sprengen, Vulkane, Raketen und Knallfrösche zur lautstarken Äusserung von Lebenslust am 1. August.

Luigi lernte in all dem auf mehrere Altstadthäuser verteilten Gnosch mit Regalen, Gestellen, Kisten und Kasten den Beruf des Logistikers, als es diesen noch gar nicht gab.

Und nicht zuletzt vermittelte der Lehrmeister, der alte Artillerist und Militärfanatiker Bertschi-Röschli, dem gelehrigen Lehrling die Freude am Knall und damit auch die Freude am Jugendfest und am Manöver.

17 000 Schüsse in 50 Jahren

Im hintern Teil des Ladens herrschte vor dem Jugendfest jeweils explosive Stimmung, wenn die beiden Papiertüten mit Holzwolle und Schwarzpulver stopften und die Petarden für die Festkanonen vorbereiteten. Nach langjähriger strenger Schulung wurde Luigi Marchesin schliesslich zum Nachfolger als Stadtkanonier gekürt.

Seit einem halben Jahrhundert übt er nun das verantwortungsvolle Handwerk, mittlerweile schon längst zu Hause und mithilfe seiner Söhne, zum Wohlgefallen seiner neuen Heimatstadt aus. Er schätzt, insgesamt rund 17 000 Schüsse gefertigt und gefeuert zu haben.

Mit ausdrücklicher Sonderbewilligung durch den Stadtrat durfte Luigi zum Dienstjubiläum mitten in der Altstadt einen ganz besonderen Urknall zünden: Die Original Lenzburger Tischbombe enthielt unter anderem eine 50-jährige Jugendfest-Rosette.

Vielleicht gelingt dem wackeren Kanonier damit erstmals in seinem Leben der Zugang zum hoch verdienten Frühschoppen im Rathaus.