Literatur
«Meine Figuren sind aus Prinzip homosexuell»

Olga Grjasnowa ist für drei Monate im Atelier Müllerhaus in Lenzburg zu Gast. Ein Besuch bei der 29-jährigen Schriftstellerin.

Babina Cathomen
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«Wenn ich die Wahl hätte zwischen Spaghetti und Koks – ich würde die Pasta wählen, immer»: Schriftstellerin Olga Grjasnowa. Peter-Andreas Hassiepen

«Wenn ich die Wahl hätte zwischen Spaghetti und Koks – ich würde die Pasta wählen, immer»: Schriftstellerin Olga Grjasnowa. Peter-Andreas Hassiepen

Ihre Romanfiguren leben auf der Überholspur, sind orientierungs- und wurzellose Kosmopoliten, bisexuell und multikulturell. Ein Abbild der Autorin selbst, würde meinen, wer ihre Biografie anschaut. Olga Grjasnowa ist in Aserbaidschan geboren, mit elf Jahren nach Deutschland geflüchtet und hat in Polen, Russland und Israel gelebt. In Leipzig, Moskau und Berlin hat sie Literaturinstitute besucht, bis sie 2012 mit ihrem Debütroman «Der Russe ist einer, der Birken liebt» für Aufsehen im Literaturbetrieb sorgte. «Mein eigenes Leben ist viel spiessiger als das meiner Romanhelden», sagt hingegen die Autorin und tischt dem Besuch auf ihrer Terrasse im Atelier Müllerhaus Zopf, Schokolade und Detox-Tee auf. «Das Schreiben ist für mich eine Auseinandersetzung mit Fragestellungen, nicht mit mir selbst. Ich glaube, wenn ich über mich selbst schreiben würde, wäre ich nicht kaltblütig genug.»

Das Club-Leben in Berlin, die Drogen- und Grenzerfahrungen ihrer Protagonisten im neuen Roman «Die juristische Unschärfe einer Ehe» – «alles bloss recherchiert», betont die Autorin, die heute in Berlin lebt. «Wenn ich die Wahl hätte zwischen Spaghetti und Koks – ich würde die Pasta wählen, immer», sagt sie und lacht herzhaft. Tatsächlich wirkt sie wie das nette Mädchen von nebenan. Dass es da noch eine andere Seite gibt, wird beim Lesen ihrer Werke klar: Mit spitzer Feder kritisiert sie politische und gesellschaftliche Zustände und erzählt von den Unzulänglichkeiten der behüteten, aber orientierungslosen Generation der unter 30-Jährigen.

Starkes Gerechtigkeitsempfinden

Und auch im Gespräch dreht Olga Grjasnowa auf, spricht rasend schnell, wenn es um ihre bevorzugten Themen geht: «In meinen Texten geht es immer um die Ausgrenzung oder Gewalt gegenüber Minderheiten. Zurzeit beschäftigt mich die Asylfrage: Ich empfinde es als grosse Selbstermächtigung, wenn bestimmt wird, wer wo leben darf. In Deutschland gibt es diese pompösen Holocaust-Gedenkveranstaltungen – aber bei der Aufnahme von syrischen Flüchtlingen wird gezögert.» Die junge Autorin mit dem starken Gerechtigkeitsempfinden ist geprägt durch ihre eigenen Flüchtlings-Erfahrungen und die Geschichte ihrer jüdischen Familie, die während des Nationalsozialismus viel Leid erfahren hat. Beim Schreiben wählt sie stets die Minderheiten-Perspektive. «Meine Figuren sind aus Prinzip homosexuell», sagt sie. «Ich will mit der Selbstverständlichkeit brechen, dass Romanhelden heterosexuell sind.»

Von Berlin in den Kaukasus

Ihr neuer Roman ist eine Dreiecks-Geschichte: Im Mittelpunkt steht die junge aserbaidschanische Balletttänzerin Leyla, die ihren Körper einem fast unmenschlichen Drill unterzieht. Sie ist mit dem muslimischen, eigentlich homosexuellen Psychiater Altay in einer nicht nur platonischen Scheinehe verbunden, fühlt sich aber auch zu der jüdischen Kunststudentin Jonoun hingezogen. Während der erste Teil im hippen Berlin Kreuzberg spielt, entdeckt das Dreiergespann im zweiten Teil den Kaukasus. Diese Reise nach Aserbaidschan, Georgien und Armenien hat die Autorin im Vorfeld selbst unternommen. Mit kritischem Blick schaut sie auf die Länder, in denen die postsowjetische Oligarchie ihre Spuren hinterlassen hat und Homophobie verbreitet ist. Der aserbaidschanischen Übersetzerin ihres Romans habe das Buch nicht sonderlich gefallen, erzählt Olga Grjasnowa. Sie ist nun gespannt auf das Ergebnis und darauf, ob ihr mittlerweile in 12 Sprachen übersetzter Roman just in ihrem Heimatland eine Zensur erfahren hat.

Ihr temporäres Schreibdomizil in Lenzburg nutzt die Schriftstellerin, die immer in Grossstädten gelebt hat, zum Ruhetanken. Auf dem Gartentisch im idyllischen Grünen liegt Rafik Schamis Roman «Die dunkle Seite der Liebe». «Hier ist im positiven Sinne gar nichts los, und ich habe viel Zeit zum Lesen, Recherchieren und Schreiben.» Einen Roman über den Kaukasus soll es aber kein drittes Mal geben, meint sie. Momentan recherchiere sie zum Thema «Kochen», das vermutlich in unkonventioneller Form in das nächste Werk einfliessen wird. Zudem will sie sich dem dramatischen Schreiben widmen: «Das Theater ist meine grosse Liebe – aber bisher ist aus meinem Textmaterial immer ein Roman entstanden.»

Und ihre privaten Zukunftspläne? Geplant ist eine neue Wohnung in Berlin – samt Hund und Heirat. Für Letzteres fehlen nur noch die Papiere: «Das ist ein schwieriges Unterfangen bei mir als Eingebürgerter und meinem Freund als Nicht-EU-Bürger». Ein fast ganz normales Leben eben.

Olga Grjasnowa. Die juristische Unschärfe einer Ehe, Hanser-Verlag 2014, 272 Seiten.

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