Jeden Herbst, wenn die Birnen geerntet sind, startet die Winterhilfe ihre Verkaufsaktion für Birnel. Viele kennen die goldfarbige, zähe Flüssigkeit von früher. Aus dem Müesli der Grossmutter vielleicht oder von den Regalen im Reformhaus. In den Küchen junger Menschen dürfte der Birnendicksaft kaum zur Standardausrüstung gehören.

Warum eigentlich nicht? «Birnel ist in Vergessenheit geraten», bestätigt Esther Güdel von der Winterhilfe. «Birnel ist sehr beliebt, bei denen, die es kennen», fügt sie hinzu. Doch die, die es kennen, werden immer älter. Folglich nehmen die Bestellungen ab. Letztes Jahr vertrieb die Winterhilfe in der Schweiz 45 Tonnen Birnel, heuer waren es bis jetzt 34 Tonnen. Abnehmer sind unter anderem Claro-Läden, kleinere Bioläden und die Gemeinden, wo die Einwohnerinnen und Einwohner Birnel zu vergünstigten Preisen beziehen können.

Ein Leben mit Birnel

So wie in Seengen, wo Rita Hoerni jedes Jahr Birnel kauft. In grossen Mengen: In ihrer Küche posiert sie mit einem 12-Kilogramm-Eimer. Doch der ist gerade leer. «Ich habe im letzten Jahr weniger bestellt und jetzt hat es nicht bis zur nächsten Lieferung gereicht», sagt Hoerni. Die birnellose Zeit überbrückt sie mit Honig. Wenn dann der neue Kessel zur Abholung bereit ist, schleppt die 77-Jährige ihn nach Hause an die Oberdorfstrasse, wo sie oberhalb der ehemaligen Seetaldruckerei wohnt.

Früher ratterten hier die Druckmaschinen ihres verstorbenen Mannes Paul Hoerni. Birnel kennt Rita Hoerni, seit sie denken kann. «Früher hatten wir Birrehung, der war etwas dunkler als Birnel», sagt sie. Ein leichter Einschlag in ihrem Dialekt verrät ihre Herkunft aus der Innerschweiz. Die Mutter habe mit dem dunklen Birnenprodukt Birrewegge und Lebkuchen gemacht. Aber auch aufs Brot hätten sie es geschmiert.

Auch heute kann die fröhliche Rentnerin etliche Verwendungszwecke für Birnel aufzählen: «Ich brauche es überall zum Süssen», sagt sie. Im Tee und im Müesli, zu den Apfelschnitzli, beim Backen. Aus ihrem Kessel fülle sie auch oft ein kleines Gläschen ab zum Verschenken. «Es ist gut für die Ernährung und ein Schweizer Produkt», zählt sie die Vorteile von Birnel auf. Dass mit der Produktion von Birnel Hochstammobstbäume gefördert werden, gefällt ihr. «Sie sind ein Wahrzeichen der Schweizer Landschaft.»

Das bessere Birnenprodukt

Die Geschichte von Birnel ist eng verknüpft mit Alkohol. Lässt sich doch aus der Birne auch hervorragend Schnaps brennen. Zu hervorragend vielleicht, weshalb 1932 ein neues Alkoholgesetz erlassen wurde, mit welchem die «brennlose Obstverwertung» staatlich unterstützt wurde. 1952 wurde der Vertrieb von Birnel exklusiv der Winterhilfe übertragen. Der Birnendicksaft erfüllte so zwei verschiedene Zwecke. Zum einen wurde vermieden, dass die Birnen als Schnaps den Alkoholismus fördern konnten. Zum andern wurde Birnel an Bedürftige abgegeben. So ist auch heute Birnel noch vielen als «Zucker für die Armen» bekannt. «Manchmal höre ich von Leuten, die Birnel heute nicht mehr sehen können, weil es bei ihnen nur Birnel zum Süssen gab», sagt Esther Güdel.

Heute müssen von Armut betroffene Personen kein Birnel aufs Brot schmieren, wenn sie das nicht möchten. Helfen tut ihnen der Birnensaft trotzdem: Der Verkaufserlös fliesst in die Hilfstätigkeit der Winterhilfe. «Im letzten Jahr haben wir 32'000 Menschen unterstützt», sagt Güdel. «Das sind Leute in der Schweiz, die knapp am Existenzminimum leben und von der Sozialhilfe kein Geld bekommen.» Die Winterhilfe hilft zum Beispiel, wenn eine unerwartete Arztrechnung bezahlt werden muss. Birnel wird von einem einzigen Hof in der Schweiz produziert, einem Familienbetrieb in Steinmaur ZH. Das goldene Birnel ist ein Konzentrat, das aus dem Saft von Mostbirnen hergestellt wird. Aus zehn Kilo Birnen gibt es ein Kilo Birnel. Die Hochstammbäume gefallen nicht nur Rita Hoerni, sondern auch den Insekten und Vögeln, die in diesen Kulturen leben.

Birnel hat Konkurrenz bekommen

Die Winterhilfe würde Birnel gern wieder populärer machen. «Aber ohne grosses Werbebudget ist das schwierig», sagt Güdel, die mit Birnel gern ihr Naturjoghurt verfeinert oder dem selbst gemachten Tomatensugo einen Hauch Süsse verleiht. In der Region konnte die Winterhilfe diesen Herbst unter anderem in Staufen, Niederlenz, Möriken, Seengen, Seon Birnel verkaufen. Insgesamt mehr als 1700 Kologramm, wovon ein Grossteil nach Seon geht, wo 1144 Kilogramm Birnel bestellt wurden.

Ein Grund, warum der Birnendicksaft heute nicht mehr so bekannt ist, sei die Konkurrenz, zum Beispiel Ahornsaft oder Agavendicksaft, sagt Esther Güdel. Aber Birnel hätte eigentlich alle Voraussetzungen, um vom Arme-Leute-Honig zum Lifestyle-Süssprodukt zu werden: Es ist vegan, enthält keine Zusatzstoffe und muss nicht aus dem fernen Ausland eingeflogen werden. Und Rita Hoerni erwähnt noch einen Vorteil von ihrem geliebten Birnel, auf den sie allerdings nicht angewiesen ist: «Birnel ist unbegrenzt haltbar.»