Luis Alvarez schätzt das Leben in der Region Lenzburg. Der 35-jährige Account-Manager bei einem Telekommunikationsanbieter ist 2010 mit seiner Familie von Rafz ZH in die Stadt Lenzburg gezogen. Ausschlaggebend war nebst der Lebensqualität die Lage: «Die Nähe zur Autobahn ist ideal, genauso der Bahnhof mit Verbindungen in alle Richtungen», sagt Alvarez. In Lenzburg lebte er sich schnell ein: Luis Alvarez sitzt im Organisationskomitee vom Lenzburger Lauf und kämpft beim Freischarenmanöver gegen die Kadetten.

Was Alvarez tat, tun viele andere auch: Die Region Lenzburg boomt seit einigen Jahren, überall schiessen Mehrfamilienhäuser aus dem Boden. Ein Ende ist nicht in Sicht: Im 2. Halbjahr 2016 wuchs der Bezirk im kantonalen Vergleich am stärksten. 1034 Personen zogen in die Region. Das zeigen neue Zahlen, die der Kanton diese Woche veröffentlicht hat. Auch relativ betrachtet verzeichnete der Bezirk Lenzburg mit einem Plus von 1,74 Prozent das grösste Wachstum. Der kantonale Schnitt lag bei 0,73 Prozent.

1000 Neuzuzüger in Staufen

Ein starker Treiber dieses Trends ist die Gemeinde Staufen. Im neuen Quartier Esterli-Flöösch entstehen seit 2012 rund 500 Wohnungen sowie Gewerberäume. Etwa die Hälfte der Wohnungen ist inzwischen bezogen. In zwei bis drei Jahren, wenn sich alle rund 1000 Neuzuzüger aus dem Quartier Esterli-Flöösch bei der Gemeinde angemeldet haben, wird Staufen voraussichtlich etwa 3600 Einwohner zählen. Ein Drittel mehr als 2012.

Die vielen Wohnungen füllen sich schnell. Ein Grund ist Coop: Der Grossverteiler hatte 2016 in Schafisheim sein Verteilzentrum mit Grossbäckerei eröffnet, also praktisch vor den Toren Staufens. Hier beschäftigt Coop rund 1900 Mitarbeitende. Staufen hat zudem einen grossen Trumpf: einen attraktiven Steuerfuss von 89 Prozent.

Lenzburger zügeln nach Staufen

Woher stammen all die Neuzuzüger, die sich in Staufen niederlassen? Die Gemeindeverwaltung hat der «Schweiz am Wochenende» eine Statistik zur Verfügung gestellt. Diese überrascht: Knapp jeder vierte Neuzuzüger wird Lenzburg untreu und zieht in die Nachbargemeinde. In den Jahren 2015 und 2016 haben sich total 149 Lenzburger in Staufen niedergelassen – vor allem im Quartier Esterli-Flöösch. Ins Gewicht fällt auch der Kanton Zürich: Aus diesem stammt jeder zehnte Neuzuzüger.

Der Anteil der Lenzburger bei den Neuzuzügern hat sich 2015/2016 gegenüber den Vorjahren 2013/2014 von 18 auf knapp 23 Prozent erhöht. Diese Vorliebe ist interessant, denn das Verhältnis zwischen den Gemeinden ist manchmal etwas speziell. Das beginnt beim Wettstreit um den grössten Weihnachtsbaum. Manche Lenzburger haben zudem das Gefühl, Staufen profitiere stark von der Stadt.

Es gibt jedoch auch Staufner, die nach Lenzburg ziehen. Jeder dritte Neuzuzüger in der Stadt stammt aus der Nachbargemeinde.

Staufen: Im neue Quartier Esterli- Flöösch entstehen rund 500 Wohnungen. Staufen wächst damit um etwa 1000 Einwohner.

Staufen: Im neue Quartier Esterli- Flöösch entstehen rund 500 Wohnungen. Staufen wächst damit um etwa 1000 Einwohner.

Enge Verhältnisse in Lenzburg?

Von Lenzburg nach Staufen gezogen ist in der Zwischenzeit auch Luis Alvarez. Seine Familie kaufte vor knapp einem Jahr im Quartier Esterli-Flöösch eine Wohnung. «Wir suchten in Lenzburg zwei Jahre eine Wohnung, wurden aber nicht fündig», sagt Luis Alvarez. Das erstaunt, denn auch in Lenzburg wird viel gebaut. Alvarez suchte jedoch eine bezahlbare Mietwohnung mit Weitsicht ins Grüne. Solche seien in Lenzburg schwierig zu finden. «Die Stadt ist teilweise verbaut und viele Wohnungen stehen nahe beieinander.»

Luis Alvarez und seine Familie geniessen die Wohnlage in Staufen – obwohl auch im Esterli-Flöösch unzählige Mehrfamilienhäuser stehen oder noch gebaut werden. «Wir haben eine schöne Aussicht nach Schafisheim», sagt er. Staufen sei zudem attraktiv: «Ich bin von hier aus schneller am Lenzburger Bahnhof als von unserem früheren Wohnort.» Attraktiv seien auch die Steuern, was nicht der Hauptgrund für den Umzug nach Staufen war. Alvarez: «Die Lage ist toll und der Steuerfuss ein schöner Nebeneffekt.»

Ganz als Staufner fühlt sich Luis Alvarez nach knapp einem Jahr noch nicht. «Berufsbedingt hatte ich noch wenig Zeit, mich ins Dorfleben einzubringen». Sein Sohn mache beim Staufberg-Theater mit. «Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis sich das alte und neue Staufen zu einer Einheit verbinden», sagt Luis Alvarez. «Ich glaube, das wird funktionieren. Die Staufner sind offene Leute, und die Gemeinde hat einen guten Geist mit vielen Vereinen.»