Während 23 Tagen bereiste Markus Kirchhofer vor drei Jahren das Land des Lächelns. Genug Zeit, um die Millionenmetropolen Peking und Schanghai zu erkunden, die Grosse Mauer mit ihren unzähligen Stufen zu besuchen, die Terrakotta-Armee des ersten Kaisers Qin Shi Huangdi zu bestaunen und der Reisernte in Ping’an in der Provinz Yunnan beizuwohnen.

Die prägnantesten Eindrücke seiner Reise sammelte der im Ruedertal aufgewachsene und in Oberkulm wohnhafte Autor in seinem Notizbuch. Durch poetische Verdichtungen entstanden in der Folge 48 lyrische Miniaturen, die mit ihrer sprachlichen Präzision und ihrer gleichzeitigen Offenheit gegenüber dem Leser zu bestechen wissen.

Am Freitagabend stellte Markus Kirchhofer im Aargauer Literaturhaus nun seinen neuen Lyrikband vor. In «aushub» sind die durch den Chinaaufenthalt inspirierten Gedichte weiteren Versen mit Bezug zu Europa gegenübergestellt. Diese formale Besonderheit bewirkt eine faszinierende kulturelle Spiegelung, welche die Distanz zwischen Ost und West auf einen Seiten-, Zeilen-, ja Gedankensprung einschmilzt und für den Leser ein frei wucherndes Spiel von Assoziationen in Gang setzt. «Es ist mir ein Anliegen, die Leserin, den Leser ernst zu nehmen», sagt Kirchhofer. «Ich will ihnen viele Zugänge zu den Gedichten bieten und viele Assoziationsräume eröffnen.»

Lyrik mit Lautenklängen

Ausgangspunkt für Markus Kirchhofers Lyrik ist das Haiku, dem der 55-jährige Autor vor Jahrzehnten in der ersten Schulklasse ein erstes Mal begegnete. «Als ich dann vor rund zehn Jahren angefangen habe, Gedichte zu publizieren, erwies sich das Haiku aufgrund seiner strengen Form als hilfreich. Und auch heute noch bin ich erstaunt, wie viel sprachliche Substanz man in 17 Silben verpacken kann», sagt Kirchhofer, der seit 2013 als freier Autor arbeitet und in der Vergangenheit unter anderem die Texte für zehn Comic-Bände verfasste.

In «aushub», seinem dritten Lyrikband, erfolgt auf der Grundlage des Haikus nach und nach eine Öffnung hin zu umfangreicheren Versgattungen. Wobei die Gedichte mit ihren sinnenreichen und überraschenden Perzeptionen lyrische Keime bilden, von denen Denken, Hoffen und Wünschen ihren Ausgang nehmen können. Schön zu lesen und zu hören etwa in den Zeilen: «die hähne ping’ans/ krächzen das morgenlicht/ auf die reisterrassen».

Bei der Vernissage im Literaturhaus wurden die Lesungen von Kirchhofer begleitet durch die höfischen Lautenklänge von Andreas Schlegel, welche die Sanftheit der Lyrik auf betörende Weise unterstrichen. Ein Experiment stellte am Freitag die Zusammenarbeit mit dem Medienkünstler Marc Lee dar, der einzelne Reizworte aus den Gedichten in Echtzeit mit Einträgen auf der Social-Media-Plattform Instagram abglich und Instagram-Beiträge, die das entsprechende Wort enthielten, auf eine Leinwand projizierte.

So wurden auf amüsante Weise der intime und präzise Rhythmus des poetischen Ausdrucks mit den schwallartigen, ephemeren Plaudereien der Sozialen Netzwerke in Bezug gesetzt.