Seengen
Marktfahrer müssen mehr bezahlen

Der neue Preis für den Laufmeter gab am gestrigen Frühlingsmarkt zu reden – ein Stimmungsbericht.

Janine Gloor
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Die Liste des Marktchefs Adrian Müller gibt vor, wo die Marktstände hinkommen. Abweichungen werden keine geduldet. Chris Iseli

Die Liste des Marktchefs Adrian Müller gibt vor, wo die Marktstände hinkommen. Abweichungen werden keine geduldet. Chris Iseli

Chris Iseli

Dienstags um sechs Uhr in der Früh ist in Seengen weder vom Frühling noch vom Markt viel zu sehen. Die Stände der Gemeinde stehen im Dunkeln am Strassenrand, die Temperatur ist unter dem Gefrierpunkt. Die letzten Autos biegen beim Rebstock in Richtung Hallwil ab. Dann sperrt ein Mitarbeiter des Gemeindewerks die Strasse für den Durchgangsverkehr. Ab jetzt dürfen die Marktfahrer zufahren. Arbeitsbeginn für Marktchef Adrian Müller. In den nächsten drei Stunden überwacht er die eintreffenden Marktfahrer.

Langsam wechselt die Farbe des Himmels von Schwarz zu einem dunklen Blau. «Wo ist die Grenze meines Platzes?», will ein Mann wissen. Müller zeigt es ihm. In seinen orangefarbenen Arbeitskleidern ist er unübersehbar. Die Kälte scheint ihn nicht zu stören, Handschuhe braucht er keine, der Kragen seiner Jacke ist geöffnet. Unermüdlich schreitet er die Strasse auf und ab. «Ihr seid viel zu weit auf der Strasse», sagt er zu zwei Männern, die ihren Stand schon aufgebaut haben.

Preis für Laufmeter verdoppelt

Adrian Müller ist für die «Sächeli und Sörgeli» zuständig, wie er es nennt. Um neun Uhr, wenn der Markt eröffnet ist, wird er die Platzgebühren einziehen. Diese gehören heuer zu den Sörgeli. Die Gemeinde hat im neuen Marktreglement die Platzgebühren für Marktfahrer angepasst. Die Gebühr für Marktfahrer mit eigenem Stand wird nach Laufmetern berechnet. Ein Laufmeter kostet neu 10 Franken, doppelt so viel wie früher. Dafür wurden die Nebenkosten, die insgesamt 26 betrugen, auf 12 Franken reduziert. «Wir haben die Platzgebühren 22 Jahre lang nicht angepasst», sagt Vizeammann Dieter Gugelmann.

Man habe die neuen Preise an diejenigen der umliegenden Gemeinden angeglichen. Für den Berufsverband der Marktfahrer ist eine Verdoppelung des Laufmeterpreises zu viel. «Für einen kleinen Regionalmarkt wie Seengen sind die Kosten zu hoch», sagt Helmuth Achermann vom Berufsverband des Schweizerischen Markthandels. Gugelmann kann den Ärger der Marktfahrer nicht verstehen. «Wir verdienen nichts mit dem Markt», sagt er. «Wenn sich die Marktfahrer beschweren, dass der Seenger Markt zu wenig attraktiv sei, so liegt das an ihrer Präsenz. Mehr Marktfahrer, attraktives Angebot, mehr Besucher. Dann geht die Rechnung für alle auf.»

Heute sind alle 83 Plätze besetzt. Der letzte Platz erhält eine Marktfahrerin, die ohne eine Zusage angereist ist. «Manchmal kommen angemeldete Händler nicht. Diese Plätze werden spontan vergeben», erklärt Müller. «Nur drei Meterli», bittet die Frau und schaut ihn hoffnungsvoll an. Sie hat Glück, Müller hat eine einzige Absage erhalten.

Immer mehr Marktfahrer kommen im Seenger Zentrum an und erkundigen sich bei Müller nach ihrer Platznummer. Die Nummern sind längst zugeteilt und mit Kreide am Boden markiert. Doch nicht alle sind mit dieser Einteilung einverstanden. «Warum bin ich an einem anderen Platz als sonst?», fragt einer. Müller ist nicht auf den Mund gefallen. «Weil heute so ein schöner Tag ist», antwortet er im Vorbeigehen. Die Einteilung hat er selbst vorgenommen. Dabei gilt es zu beachten, dass keine Stände mit gleichem Angebot nebeneinander platziert werden. «Das ist gar nicht so einfach», sagt Müller, während er bei den gemeindeeigenen Marktständen Namenschilder anbringt. Diese sind auch um sieben Uhr noch leer. «Landfrauen» steht auf einem Schild. «Die Landfrauen können erst kommen, wenn sie ihre Waren fertig gebacken haben», sagt Müller und lacht.

80 Prozent der Marktfahrer am Seenger Frühlingsmarkt sind Stammgäste. Sie begrüssen einander wie alte Bekannte. Auch mit dem Marktchef werden ein paar freundliche Worte ausgetauscht. Als sich ein weiterer Marktfahrer über seinen Platz beschwert, zeigt Müller, dass er bei weitem nicht der gemütliche Typ ist, den er auf den er auf den ersten Blick zu sein scheint. Bestimmt verweist er den Herrn auf seinen Platz. «Als Marktchef muss man einen breiten Rücken haben», erklärt er mit einem Lächeln, während er schon wieder von einer Gruppe Marktfahrern belagert wird. «Kann man dort unten wenden?» Händler, die ihm negativ in Erinnerung bleiben, laufen Gefahr, auf der schwarzen Liste zu landen. «Mit den meisten Marktfahrern habe ich aber ein gutes Verhältnis», versichert Müller.