«Man soll gehen, ehe die andern sagen, die Alte muss weg. Auf die Formulierung bin ich stolz. Ich möchte, dass Sie das so schreiben.» Das sagt Marianne Tribaldos. Sie ist in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden. 17 Jahre sass sie für die CVP im Einwohnerrat. Jetzt verabschiedet sich die dienstälteste Frau vom Ratsbetrieb. Alleiniger Spitzenreiter ist nun Michael Häusermann (SVP), der gleichzeitig mit Marianne Tribaldos Anfang 2002 in den Einwohnerrat Lenzburg kam.

Tribaldos serviert dem Besuch selbst gebackene Weihnachtsguetzli und Tee. In der guten Stube steht der Christbaum. Geschmückt mit vielen farbigen Kugeln und reich mit Lametta behangen. «Wir sind eine grosse Familie. Weihnachten ist ein wichtiges Fest für uns. Wenn man frühzeitig anfängt mit Vorbereiten, gibt es weniger Stress», sagt sie und schmunzelt.

Dabei macht Marianne Tribaldos weder einen müden noch einen abgekämpften Eindruck. Im Gespräch ist sie spritzig, humorvoll und geistreich wie eh und je. Sie geizt nicht mit träfen Bemerkungen, die sie auch im Einwohnerrat ausgezeichnet haben und die oft für grosse Erheiterung gesorgt hatten im Saal. Trat Tribaldos ans Rednerpult, so hielt man als Schreibender besser einen gespitzten Bleistift in der Hand. Die Frau besitzt nicht nur eine tüchtige Portion Humor, ihre Voten hatten stets Hand und Fuss. «Ich liebe passende, scharfe Formulierungen, das ist meine Art», sagt Tribaldos, die ihre Wurzeln in Deutschland hat.

Nochmals zurück zum Grund ihres Rücktritts. Etwas nachdenklich meint Marianne Tribaldos: «Die Zahl 70 macht was mit einem und ich bin zum Schluss gekommen, mich nun an die Seitenlinie zu stellen.» Sie fühle sich nicht mehr so frisch und munter wie früher. Keinesfalls wolle sie die Spielverderberin markieren, wenn die Jungen in den politischen Diskussionen mit «neuen» Ideen kämen, die Thematik jedoch vor Jahren schon debattiert worden war. «In solchen Momenten ist nichts so fürchterlich, wie wenn die Alten die Jungen ausbremsen.» Und sie fügt an, dass sie sich in den letzten Jahren im Einwohnerrat als Vertreterin der Menschen im Rentenalter verstanden habe. Mehrere Jahre lang hat sie die Kommission für Altersfragen präsidiert.

Suche nach Kompromissen

Mit Marianne Tribaldos ein Gespräch auf Kommunalpolitik reduziert führen zu wollen, ist verlorene Liebesmühe. Die Welt hört für die Frau, die in Hamburg aufgewachsen, mit einem Südamerikaner verheiratet ist und deren Kinder teilweise mit Ausländern verheiratet sind, nicht an der Stadtgrenze auf. Auch wenn die Familie seit bald zwanzig Jahren den roten Pass besitzt, so ist die Geisteshaltung von Marianne Tribaldos multikulturell geprägt. Triebfeder ihres Schaffens sei ein ausgeprägter Sinn für soziale Gerechtigkeit und keinesfalls ein Streben nach persönlicher Auszeichnung, erklärt sie. So verhält sie sich auch im Gespräch. Es ist müssig, mit ihr über persönliche Befindlichkeiten, über Lust und Frust der vergangenen 17 Jahre im Einwohnerrat, den sie übrigens 2016–17 präsidiert hat, reden zu wollen. «Darauf kann ich keine Antwort geben», sagt sie. «Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, was ich für gut halte, sondern darum, eine gute Sache voranzutreiben. Und das endet am Schluss immer in einem Kompromiss.»

Dann lässt sich Tribaldos doch noch ein paar konkrete Statements entlocken. Zur Entwicklung Lenzburgs der letzten zwei Jahrzehnte sagt sie: «Die Einwohnerzahl von Lenzburg hat in dieser Zeit um rund einen Drittel zugenommen. Es ist grossartig, wie Schulinfrastruktur und Strassen in Schuss gehalten werden.»

Das neue Quartier «Widmi» hat Tribaldos vom Wohnzimmerfenster aus im Blickfeld. Auch wenn ihrem Unterton zu entnehmen ist, dass ihr die grüne Wiese von einst besser gefallen hat, so hat sie mit dem nun überbauten Areal leben gelernt. Über den Widmi-Park sagt sie: «Der Park ist sehr nett gemacht.» Vom zweiten neuen Stadtquartier hinter dem Bahnhof zeigt sie sich hingegen weniger begeistert, meint jedoch mit einem Achselzucken. «Auch das befriedigt offensichtlich ein Bedürfnis, das ist gut so.»

Grosse Lobesworte hat die scheidende Einwohnerrätin für die gelebte Ratskultur in Lenzburg. «Anders als andernorts geht es in Lenzburg harmonisch zu und her. Man ist konzentriert auf sachliche Diskussionen.» Das sei ein grosser Unterschied zu ihrem Herkunftsland. «In Deutschland diskutiert man, um zu gewinnen, in der Schweiz sucht man den kleinsten gemeinsamen Nenner.»

Ausgeprägte Herzlichkeit

Im Gegenzug geizt auch Tribaldos’ Nachfolgerin als Ratspräsidentin nicht mit Lob über die scheidende Kollegin: «Ihr trockener Humor und ihre Herzlichkeit bleiben unvergessen. Ebenso die Extra-Lektion Geschichtsunterricht der ehemaligen Geschichtslehrerin zu Beginn jeder Ratssitzung», sagt Brigitte Vogel (SVP).

Der früheren Bezirksschullehrerin und Mutter von vier Kindern und neun Enkeln (der zehnte ist unterwegs) liegen die Themen Bildung und Familie besonders am Herzen. Mit ihrer Partei, der CVP, hat sich Marianne Tribaldos in den vergangenen Jahren stark für die institutionalisierte Kinderbetreuung in der Stadt engagiert. «Die Bedingungen für Familien sind noch nicht so toll in Lenzburg. Aber es geht voran.» Es müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, welche den Frauen eine Berufstätigkeit ermöglichten. Diese sind in der Schweiz jedoch noch weit entfernt von Tribaldos’ Wunschvorstellungen. «Da kann ich mich trotz meines Alters immer noch darüber ereifern», sagt sie.

Grossmutter näht

Ausgleich zur übrigen Tätigkeit findet Marianne Tribaldos im Handarbeiten. Sie näht und strickt fürs Leben gern. Alle ihre Kleider näht sie selber. Daran wird sich nichts ändern. Im Gegenteil. «Ich benähe die ganze Familie», sagt sie und lacht. Sie freut sich riesig darüber, dass die Enkelkinder nicht mit Markenklamotten, sondern mit Grossmutters selbst genähten Kleidern die Schulgspänli mächtig beeindrucken können. «Vor vierzig Jahren, wenn Kinder mit Selbstgenähtem in die Schule kamen, war damit kein Blumentopf zu gewinnen», sagt sie. Zum Handarbeiten wird Marianne Tribaldos jetzt mehr Zeit haben.

Mit Tribaldos’ Ausscheiden aus dem Einwohnerrat wird die politische Diskussion in der Familie nicht verebben: Der Sitz von Marianne Tribaldos geht an Tochter Sonia Dahl (47). Schwiegersohn Daniel Blaser ist für die gleiche Partei bereits seit einiger Zeit im Rat.