Es war die Zeit der Fabrikanten. Ende des 19. Jahrhunderts verdienten sich Tabak- und Textilindustrielle im Seetal ein goldenes Näschen. Einen guten Riecher für Geschäfte hatte auch der gelernte Bonbonmacher Otto Halter aus Beinwil am See. Er war noch keine 30, als er sein eigenes Unternehmen gründete: Halter Bonbons. Beinahe 110 Jahre blieb die Traditionsfirma im Seetal bestehen, jetzt verschwindet sie und zieht nach Dietikon (nebenstehender Artikel).

Viele ältere Beinwiler erfüllt der Wegzug mit Wehmut. Einige von ihnen haben ihr Leben lang bei Halter gearbeitet. Andere erinnern sich an den Zuckerduft, den sie beim Vorbeigehen an der Fabrik erhaschten. Und andere wiederum kauen just in diesem Augenblick an einem Karamell: «Caramel Original» ist einer der bekanntesten Markenartikel von Halter.

Auch Manfred Halter, der heute in Erlinsbach lebt, liebt die Karamells. «Ihre Rezeptur stammt aus England und ist bis heute einzigartig in der Schweiz», sagt er. Die Bürofrauen von Halter, so erinnert er sich, hätten gleich ganze Karamellstangen gelutscht. Der 75-Jährige wuchs in Beinwil am See auf und ist der Enkel von Otto Halter. Bis 2003 führte er die Bonbonfirma in dritter Generation, dann verkaufte er sie an die Familie Hunziker in Dietikon.

Bruder war Konkurrent

Doch zurück in die Anfangszeit. Schon als Jüngling setzt es sich Otto Halter in den Kopf, Bonbonmacher zu werden. Nach der Schule arbeitete er drei Jahre in der Konditorei seines älteren Bruders Emil in Reinach. 1897 fand er endlich eine Lehrstelle als Bonbonkocher in der damals grössten und renommiertesten Bonbons- und Biscuitsfabrik der Region, bei der Firma Schneebli in Baden. Nach seiner Lehrzeit ging der stolze Berufsmann auf Wanderschaft: In Wien, Berlin, Prag und Lemberg stellte er köstliche Bonbons her. 1903 war es allerdings mit der Wanderschaft vorbei, denn sein Bruder Emil forderte ihn in einem Brief auf, ins beschauliche Beinwil am See zurückzukehren, um gemeinsam eine Confiserie- und Biscuitsfabrik zu betreiben.

Otto Halter folgte dem Ruf seines Bruders. Dieser hatte vis-à-vis der alten Turnhalle ein Haus mit einer Bäckerei gekauft, die zu einer Bonbonfabrik ausgebaut werden sollte. Emil, offensichtlich ein gewiefter Geschäftsmann, hatte auch schon Briefpapier für die neue Fabrik drucken lassen – allerdings nur mit seinem Namen darauf. Welch bittere Enttäuschung für Otto Halter. Trotzdem, er stieg ins Geschäft seines Bruders ein.

1907 erfüllte sich Otto Halter den Traum einer eigenen Firma: Zusammen mit dem Geschäftsfreund Albert Schillig gründete er die Kollektivgesellschaft Halter & Schillig. Kühn wie Otto Halter war, mietete er sich bloss 100 Meter entfernt von der Bonbonfabrik seines Bruders Emil in eine ehemalige Woll- und Stickereifabrik ein. Lustigerweise ähnelte der Briefkopf von Otto Halter so sehr demjenigen seines Bruders und Konkurrenten Emil, dass er diesen mit dem Hinweis «man bittet, genau auf die Firma zu achten» versehen musste.

Haschi war auch umstritten

Die Belegschaft von Halter & Schillig bestand aus fünf Leuten, wobei die Frauen der zwei Patrons ebenfalls Hand anlegen mussten: In Heimarbeit wickelten sie Schleckstängel oder 5er-Mocken ein. In der Fabrik gab es lediglich eine offene Kochstelle mit Kupferkessel, und die Walzen für das Formen der Bonbons mussten die Mitarbeiter mit einem Handrad antreiben. 1911 schafften sich Halter & Schillig einen Elektromotor an und auch dieser frühe Fortschritt wurde auf dem Briefkopf der Firma hervorgehoben: «Elektrischer Betrieb!».

Halter & Schillig produzierte leckere Bonbons und Biscuits: Beerenfrüchte, Sternminze-Rollen, Malzzucker, Maitrank oder Liliput-Rocks. 1919 kam das bekannte Kräuterbonbon Haschi auf den Markt. Einige Kunden assoziierten den Begriff mit «Hatschi» (niesen), andere kritisierten die Firma, weil Haschi zu sehr an die Droge erinnere. Mit einer solch ernsten Sache wie Haschisch dürfe nun wirklich kein Geschäft gemacht werden, empörten sich die Leute. Doch die Bonbonfirma blieb bei «Haschi», denn die Namensgebung war eine simple: Halter und Schillig.

Ohrfeige wegen eines Fluchs

Otto Halter starb wenige Jahre, nachdem sein Enkel Manfred Halter 1940 auf die Welt gekommen war. Als kleiner Junge sei er seinem Grossvater auf den Knien gesessen, erzählt er. Doch sonst habe er keine Erinnerungen mehr an ihn. Als Zehnjähriger half Manfred Halter bereits in der Bonbonfabrik mit. Diese gehörte jetzt seinem Vater Arthur und Edwin Haller Schillig, dem Schwiegersohn von Albert Schillig. Im Sommer stand Sohn Manfred auf dem Estrich und wusch mitten im Dampf die grossen Büchsen sauber, in die man damals noch Bonbons abfüllte. Es war heiss, der Junge litt und in seiner Verzweiflung stiess er einen Fluch aus. Zufällig hörte ihn sein Vater und gab ihm kurzerhand einen «Watsch». «Seither habe ich dieses Fluchwort nie mehr benützt», sagt Manfred Halter und lacht. Das «Büchsenwascher-Diplom» habe er dennoch erhalten.

Mit Bonbons zu den Kunden

Noch während seines Studiums zum Betriebswirtschafter hätte Manfred Halter wegen eines personellen Engpasses plötzlich nach Hause gehen und im Betrieb mithelfen müssen. Doch der junge Student schloss sein Studium ab und trat erst danach – zusammen mit seinem Bruder Hermann – in die Fussstapfen seines Vaters. War das sein Wunsch? Seine Antwort passt zu jener Zeit: «Man wurde nicht gross gefragt, sondern musste in den Familienbetrieb einsteigen.» 1976 kauften die beiden Brüder ihrem Vater Arthur Halter die Firma Confiseriefabrik Halter AG ab. Es sei nicht einfach gewesen, den Vater trotz seiner 65 Jahre zum endgültigen Ausscheiden aus dem Betrieb zu bringen, erinnert sich Manfred Halter.

In den kommenden Jahrzehnten erlebte Manfred Halter einen enormen Struktur- und Technologiewandel in der Bonbonindustrie. Anfänglich standen seine Angestellten in der Fabrik noch an Tischen: Sie kochten, kneteten, formten und verpackten die «Täfeli». Um 11.30 Uhr wurden die Maschinen abgestellt, um 13 Uhr wieder angestellt. Neun von zehn Mitarbeitern seien aus Beinwil am See gekommen, sagt Manfred Halter. Später gab es zwar moderne Maschinen, aber die Schulpflegen bedrängten die Bonbonfabrik, weil die Kinder wegen des Zuckers in den Bonbons Karies bekämen. Ab den 80er-Jahren produzierte Halter Hartbonbons mit dem zahnschonenden Isomalt.

Zu Beginn ging Manfred Halter noch mit dem Musterkoffer in der Hand zu den Detaillisten. Damals gab es noch viele Bäckereien und Kolonialwarengeschäfte. Als innovativer Geschäftsmann führte er eine Neuheit ein: Er platzierte die Bonbonschachteln selber direkt bei den Kassen. Das habe viel schneller zu Nachbestellungen geführt, sagt er. Doch mit der Zeit gingen die kleinen Läden ein und an deren Stelle traten Grossverteiler. Der persönliche Kontakt an der Verkaufsfront verschwand, neue Formen des Marketings waren gefragt.

In der Region habe es viele Bonbonfabriken gegeben, erzählt er, alleine in Beinwil am See deren drei. In Aarau, Baden, Boniswil und Othmarsingen wurden ebenfalls «Täfeli» hergestellt. Natürlich seien die Unternehmen Konkurrenten gewesen, sagt Halter. Mit einigen habe man zusammengearbeitet, «an unserer Unabhängigkeit hielten wir aber stets fest».

In Schweizer Händen geblieben

Mit 63 Jahren, kurz vor von dem Pensionsalter, entschied sich Manfred Halter 2003 dennoch, die Bonbonfabrik zu verkaufen. Eine Nachfolge in der Familie habe nicht zeitgerecht zur Verfügung gestanden, sagt er. Manfred Halter erschien es wichtig, den Betrieb an eine schweizerische Unternehmerfamilie weiterzugeben. Der Verkauf fiel ihm nicht leicht, doch er sagt: «Das ist der Wandel der Zeit.»

Halter Bonbons isst Manfred Halter immer noch liebend gern. Im Besondern Caramel Original.