«Malaga» ist derzeit in vieler Munde. Nicht als süsser Likör, der Lieblings-Dessertwein und Heilstrank von Mitte des 19. Jahrhunderts. Vielmehr ist das magische Wort «Malaga» als Marke in Lenzburg vierfach verankert:

Im Zusammenhang mit der Affäre Padrutt (Villa Malaga), dem Malagarain (1964 erste Etappe einer Stadtumfahrung), der Malaga-Kellerei (umstrittenes Denkmalschutz-Objekt 1983), und neuerdings das Malagagebäude (Geschäftshaus von 1991 mit integrierter maurischer Fassade), wo der Ersatzbau für Bezirksgericht und Kantonspolizei als Annexbau erstellt werden soll.

Der erste «Leuchtturm» in Lenzburg

Die Malaga-Kellerei wurde 1889 vom Weinimporteur Alfred Zweifel erstellt, ein exotisches Gebäude, den spanischen Bodegas nachgebildet, mit einer bunten Fassade aus üppigen Dekorationsmalereien in maurischem Stil, der Alhambra in Granada und dem Alcazar in Sevilla nachempfunden, weitem Hof und ausgedehnten Kellern für die Lagerung der Weinfässer.

Am Rundgiebel prangt in Stuck der Leuchtturm El Faro, das eigentliche Markenzeichen der Zweifel’schen Weine, auf deren Etiketten die Kellereigebäude abgebildet sind.

Der älteste und einzig wahre «Leuchtturm» von Lenzburg – lange vor Schloss und Stapferhaus – diente, wie damals üblich, «als grossformatiges Werbeplakat», wie Kunsthistoriker Dr. Hans Martin Gubler in einem Gutachten festhielt.

Ein ähnliches «Denkmal» bildet das Feldschlösschen in Rheinfelden. Fachleute setzen sich deshalb für den Schutz dieser selten gewordenen Zeugen eigentlicher Industriekultur ein.

In Lenzburg gelang es nach hartnäckigem Kampf – ähnlich wie bei der Stadtmauer 1992 – das vom Stadtrat bereits zum Abbruch verurteilte Bauwerk in Kombination mit Neubauten wenigstens als Fassade noch der Nachwelt zu erhalten. Auch hier galt es, nicht nur die Behörden, sondern auch die Bevölkerung und den Heimatschutz zu mobilisieren.

Das Baugeschäft P. Doninelli AG hatte 1981 die seit einigen Jahren ungenutzte Liegenschaft an der Niederlenzerstrasse zwecks Abbruch für ein Bürohaus gekauft. Diese Pläne wurden zwar allenthalben bedauert. Widerstand wuchs wie immer last minute, als alles schon gebrettelt war. Doch bereits zuvor geriet rund um das «Malaga» einiges in Bewegung.

Aktion der bewegten Jugend

Im Frühling 1981 spross auch in Lenzburg die Jugendbewegung, die subito ein autonomes Jugendhaus forderte. Objekt der Begierde war das pittoreske, leer stehende Gebäude.

Dieses wurde denn auch okkupiert, doch rief die Aktion wenige Tage später der Reaktion durch die «andere Jugend»: Die «Pintebrüeder» warfen die ungebetenen Gäste während einer der vielen «Vollversammlungen» ohne Gewalt kurzerhand aus dem Tempel. Um Mitternacht konnte der Eigentümer das Tor wieder abschliessen.

Am 1. Mai wurde eine symbolische «Grundsteinlegung» für ein Jugendhaus durchgeführt. Eine friedliche Demo von 70 Jugendlichen und wer sich noch dazuzählte, zog später mit angriffigen Transparenten «Stoppt Kriminelli», «Malaga wämmer ha» zum Metzgplatz, wo Musik und Theater dargeboten wurden. Ein Malaga-Kulturfest platzte mangels Bewilligung.

Anfangs 1981 formierte sich, nachdem Doninellis Abbruchgesuch vom Stadtrat bewilligt worden war, von neuem Opposition.

Proteststurm in Presse

Beflügelt vom Proteststurm in der lokalen und überregionalen Presse lancierte ein Komitee «Pro Malaga» eine Petition zur Erhaltung der Kellereien, welche 2700 Personen aus der ganzen Schweiz, davon über 1000 aus Lenzburg, unterschrieben hatten. Die Bemühungen um diesen «Edelstein unter Kieseln» (Leserbrief) wurden vom 1983 gegründeten Verein Pro Malaga auf breiter Basis verstärkt.

Gegen die Abbruchbewilligung wurde beim Kanton Beschwerde eingelegt, die kantonale und die eidgenössische Denkmalpflege eingeschaltet.

Erstere sah sich ohne Einwilligung des Eigentümers trotz Erhaltungswürdigkeit zur Unterschutzstellung ausserstande; von Bundesrat Egli kam positive, aber unverbindliche Post: Ohne feststehende Neunutzung sei der Fall hoffnungslos.

Vivarium im Vordergrund

Das Problem: Der Verein verfügte über mehr Idealismus denn Realismus, weil er sich für fremdes Eigentum einsetzte, und kein Geld hatte.

So machte man ich auf die Suche nach einer Trägerschaft mit einem konkreten Projekt. Geworben wurde unter anderem beim Weinhandel, bei Bund und Kanton, bei Branchenverbänden, dem «Verein Humorhaus Schweiz».

Als letzte Hoffnung wurde das Projekt Gifttier-Vivarium lanciert: Gegen 3000 Personen besuchten eine «Probe-Ausstellung» im Kirchgemeindehaus.

Eine von allen Parteien getragene Motion im Einwohnerrat sollte bei der Finanzierung helfen. Doch dazu kam es auch nicht.

Das «Weihnachtswunder 1983»

Als Retter in allerhöchster Not trat über die Weihnachtstage 1983 der Lenzburger Architekt Martin Hauri auf den Plan, welcher die Malaga-Liegenschaft für 1,5 Millionen von Doninelli übernahm.

Ihm schwebte eine Nutzung als Freizeit- und Begegnungsstätte vor, eine Paarung von Kommerz und Kultur. Allerdings räumte er ein, dass «keine unbeschränkten Mittel da sind», weshalb eine Trägerschaft gegründet werden müsse.

In engem Kontakt mit «Pro Malaga» entwickelte er Pläne, welche durch seinen tragischen Tod abrupt abgebrochen werden mussten. Im Gedenken an seinen Bruder erstellte Architekt Hans Hauri, Reinach, 1991 den Neubau, wobei die Malaga-Fassade mit einbezogen wurde.

Die Beschwerde wurde obsolet, der Verein Pro Malaga aufs Eis gelegt: Ziel zum Teil erreicht.