Lenzburg
Lyrikfestival: «Gedichte lassen das Unaussprechbare aufscheinen»

Bettina Spoerri will am Lyrikfestival Neonfische Leser und Autoren vereinen. Lenzburg sei der ideale Ort dafür, wie sie der az im Interview erklärt.

Markus Christen
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Seit Herbst 2013 leitet Bettina Spoerri die Geschicke des Aargauer Literaturhauses Lenzburg, das im Müllerhaus beheimatet ist. Hier sitzt Bettina Spoerri neben einem Plakat des Lyrikfestivals Neonfische.

Seit Herbst 2013 leitet Bettina Spoerri die Geschicke des Aargauer Literaturhauses Lenzburg, das im Müllerhaus beheimatet ist. Hier sitzt Bettina Spoerri neben einem Plakat des Lyrikfestivals Neonfische.

Markus Christen

Am Samstag und am Sonntag findet im Müllerhaus Lenzburg das Lyrikfestival «Neonfische» statt. 20 Dichterinnen und Dichter aus der Schweiz und aus Deutschland geben in Werkstattgesprächen Einblick in den kreativen Schaffensprozess und diskutieren mit dem Publikum über ihre lyrischen Texte.

Inmitten der Vorbereitungsarbeiten findet Bettina Spoerri, die Leiterin des veranstaltenden Aargauer Literaturhauses, Zeit für ein Gespräch über die Dichtkunst und das spezielle Ambiente des Lyrikfestivals.

Frau Spoerri, im Vorfeld des Lyrikfestivals rief das Aargauer Literaturhaus zur Einsendung von Lieblingsgedichten auf. Haben Sie selbst auch ein Lieblingsgedicht?

Bettina Spoerri: Da gibt es viele. Sicher dazu gehören «Hälfte des Lebens» von Hölderlin. Auch «Der Panther» von Rilke. Oder «Todesfuge» von Paul Celan. Das sind Gedichte, die mich schon lange begleiten, die ich immer wieder lesen kann und die mir wichtig sind.

Das Lyrikfestival Neonfische findet an diesem Wochenende zum zweiten Mal statt. Was hat Sie zu einer neuerlichen Auflage des Festivals bewogen?

Zum einen gibt es viele neue Lyrikerinnen und Lyriker, die wir unserem Publikum vorstellen möchten. Zum anderen haben wir auf das vergangene Lyrikfestival sehr viele begeisterte Reaktionen erhalten. Voraussetzung für eine neuerliche Auflage war, dass wir genügend Geldgeber finden. Das ist uns gelungen und natürlich sehr erfreulich.

Welchen Zweck erfüllt die Lyrik ihrer Meinung nach in der heutigen Zeit? Oder anders gefragt, welches Bedürfnis befriedigt das Lyrikfestival?

Die Lyrik ist ein sprachlicher Gegenstand, der Konzentration erfordert. Sie ist Reduktion auf das Wesentliche. Gleichzeitig bewirken Reduktion und Konzentration einen grossen sprachlichen Reichtum. In diesem Sinne steht die Lyrik dem lauten und ausschweifenden medialen Dauerfeuer, das heute herrscht, entgegen. Gedichte erlauben die Akzentuierung von Zwischentönen. Und unser Leben besteht, so sehe ich das, auch aus Unaussprechbarem. Dieses vermag ein Gedicht aufscheinen zu lassen.

Was für ein Publikum wünschen Sie sich für den Samstag und den Sonntag?

Da bin ich ganz offen. Jeder, der interessiert ist, darf gerne kommen. Auf jeden Fall richtet sich das Festival an alle, keineswegs nur an Lyrikliebhaber. Es sollen Menschen kommen, die neugierig sind und vielleicht auch mitdiskutieren möchten. Wir verteilen alle Gedichttexte auch an das Publikum und man ist als Besucher Teil des Ganzen. Es geht, um es zusammenzufassen, um Teilhabe und die Auseinandersetzung mit der Sprache.

Was macht gerade Lenzburg zu einem geeigneten Standort für ein Lyrikfestival?

Man kann sagen, Lenzburg befindet sich etwas abseits vom Trubel, es ist hier alles etwas ruhiger. Aber abgesehen davon, ist es im Besonderen das Müllerhaus, das den speziellen Rahmen des Festivals ausmacht. Es gibt viele verschiedene Räume, in die man sich auch einmal zurückziehen kann. Das Haus bietet sich an für Gespräche in einem kleineren sowie in einem grösseren Rahmen. So werden vielfältige Begegnungen ermöglicht. Man kann hier verweilen oder auch nur für eine Lesung oder ein Werkstattgespräch vorbeischauen.

Was zeichnet das Festival Ihrer Meinung nach im Besonderen aus?

Wir sind darum bemüht, alles sehr informell zu halten. Es ist uns wichtig, eine vielleicht bestehende Hemmschwelle gegenüber lyrischen Texten, die nicht immer leicht zugänglich sind, abzubauen. Was ich im letzten Jahr beobachten konnte, ist, dass die Leute miteinander ins Gespräch kommen. Es besteht eine sehr persönliche Atmosphäre während des Festivals. Die Autoren werden von uns ja auch nicht abgeschirmt. Die Besucher haben nach dem offiziellen Teil die Möglichkeit, vielleicht bei einem Glas Wein, die Dichter direkt auf ihr Schreiben anzusprechen. Für mich sind das fast die schönsten Momente.