Lenzburg
Linda Kleiner wünscht sich mehr Querköpfe im Einwohnerrat

Halbzeit als Präsidentin des Einwohnerrats – auch beruflich ist Kleiner letztes Jahr neue Wege gegangen. Ein Rück- und Ausblick.

Ruth Steiner
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Linda Kleiners politische Ambitionen machen an der Stadtgrenze Halt.

Linda Kleiners politische Ambitionen machen an der Stadtgrenze Halt.

Emanuel Freudiger

Noch vor wenigen Tagen grüsste Linda Kleiner über Facebook aus rund 7000 Kilometern Entfernung, vor dem berühmten Mausoleum Taj Mahal in Indien posierend. Die Stätte sei unglaublich, unbeschreiblich beeindruckend, mache sie fast ein wenig wortlos, liess sie ihre Freunde rund um den halben Erdball wissen.

Jetzt ist die Lenzburger Einwohnerratspräsidentin wieder daheim, ausgeruht und fit für das zweite Amtsjahr. Doch bevor es wieder so richtig ernst wird, blickt sie zurück auf das erste Präsidialjahr – und gibt sich dabei auch etwas selbstkritisch.

Gab es im vergangenen Jahr etwa auch in der politischen Arbeit Momente, die sie tatsächlich sprachlos werden liessen? Die 31-Jährige wiegt ab und sagt dann, der Begriff sei ihr in diesem Kontext etwas zu krass. Leer geschluckt habe sie hingegen schon, beispielsweise, als das Projekt Bahnhofplatz Anfang Mai auf Eis gelegt wurde.

Dann schweigt Kleiner einen kurzen Moment, überlegt, und sagt: «Dass man noch einmal über die Bücher gehen muss, kann auch eine Chance sein für das Projekt. Die vorgesehene Lösung hat durchaus auch kritische Stimmen aufs Tapet gerufen. So kann jetzt eine Variante erarbeitet werden, die hoffentlich mehr Zuspruch findet in der Bevölkerung.»

Acht Jahre lang hat sich die junge Lenzburgerin für die Anliegen der Linken im Rat ins Zeug gelegt. Dann wurde sie Anfang 2014, noch nicht ganz 30 Jahre alt, die zweitjüngste Lenzburger Ratspräsidentin (jünger war mit 26 Jahren nur Benedikt Lüthi in den Jahren 2000-2001).

Und wie geht sie – die das Wort ergriff, wenn es etwas zu sagen gab – damit um, dass sie aktuell in den politischen Diskussionen etwas isoliert ist, sich mit der persönlichen Meinung zurückhalten muss? Kleiner schmunzelt und gibt zu, dass es schon Momente gegeben habe, wo sie in Richtung der SP-Reihen geschaut und gedacht habe: «So, Kollegen steht auf, sagt etwas.» Doch sei das nicht überzubewerten, denn grundsätzlich komme sie mit ihrer jetzigen Rolle sehr gut zurecht.

Wenig Interesse – gibt zu denken

Dann kommt Linda Kleiner auf die Höhepunkte des ersten Amtsjahres zu sprechen: In besonderer Erinnerung geblieben sind ihr dabei die harten Diskussionen im Rat rund um die Weiterfinanzierung des Familienzentrums. Trotz ablehnender Haltung des Stadtrats habe man sich von Links bis Rechts zusammengerauft und für die Sache schlussendlich einen guten Kompromiss gefunden.

Das war an der September-Sitzung. Da sei sie zum ersten Mal so richtig gefordert worden. «Da habe ich zeigen können, was in mir steckt. Und mir selber bewiesen, dass ich auch anspruchsvolle Sitzungssituationen meistern kann.»

Kleiner verhehlt dabei nicht, dass sie sich über positive Feedbacks von Einwohnerräten oder gar aus den Reihen der Zuschauer schon freue. Wenn es heisst, «das hesch guet gmacht», tue einem dies einfach nur gut. Hingegen mache ihr manchmal der Blick auf die normalerweise sehr spärlich besetzte Gästetribüne während der öffentlichen Einwohnerratssitzungen etwas zu schaffen. «Etwas mehr sichtbares Interesse aus der Bevölkerung an der politischen Arbeit wäre halt schon schön.»

Was die Diskussionskultur im Rat anbelangt, so hat sie eine klare Haltung: «Ich schätze es, wenn um eine Sache hart diskutiert wird, hart, aber fair, wenn sich auch Querköpfe zu Wort melden.» Querköpfe, die etwas zu sagen haben, präzisiert sie. Und wie hat es die zierlich gebaute Frau mit den lauten Stimmen im Ratssaal? Kleiner lacht und beschwichtigt: «Alles halb so schlimm. So laut sind Kollegen und Ratsbetrieb nun auch wieder nicht.»

Zufrieden mit der Arbeit von Kleiner äussern sich die politischen Gegner: «Den Rat führt sie souverän. Sie ist akzeptiert», sagt SVP-Fraktionspräsident Michael Häusermann kurz und bündig. Jürg Haller, in gleicher Funktion bei den Freisinnigen, meint: «Linda reiht sich würdig in den Kreis ihrer Vorgänger ein. In unseren Reihen ist noch nie ein kritisches Wort über sie gesagt, ja nicht einmal gedacht worden.»

Auch beruflich ein Neustart

Ein Halbzeit-Kränzlein windet ihr auch die eigene Partei. SP-Präsident Martin Killias sagt: «Sie beherrscht die Abstimmungen gut, es gab nie Pannen oder Unsicherheiten, und sie macht das in einem angenehmen, nicht schulmeisterlichen Ton.» Sie sei kompetent, komme direkt zur Sache, ohne allzu viele Schnörkel zu machen. Schnörkel, so findet der SP-Präsident, gebe es im Rat sonst etwas reichlich.

Mit der Übernahme des Ratspräsidiums hat sich die politische Arbeit intensiviert. Kann die Kauffrau mit Weiterbildungen in Immobilien und Betriebsökonomie dies mit ihrem beruflichen Kalender vereinbaren? Bisher habe sie es richten können, sagt sie. Die zwei Abende vor den Einwohnerratssitzungen sind fest reserviert für die Vorbereitungsarbeiten. Speziell geniesse sie die Repräsentationsaufgaben, da öffneten sich ihr neue Türen.

Gar eine völlig andere Welt erschlossen hat sich Kleiner mit einer beruflichen Neuorientierung im vergangenen Jahr. Weg vom Milliardenbetrieb eines nationalen Detailhändlers hin zur Bereichsleiterin Geschäftsliegenschaften der Asylorganisation der Stadt Zürich (AOZ). «Nach dem jahrelangen harten Wettbewerb in der Detailhandelsbranche tauche ich in eine völlig neue Kultur ein», blickt sie zurück auf die ersten Monate an der neuen Stelle.

Sie habe im ersten Amtsjahr viele neue Erfahrungen gemacht. Gibt es dabei etwas, das die Präsidentin ändern will? «Ja, die Einwohnerräte mit teilweise ausschweifenden und langen Voten sollen sich vermehrt wieder auf den Reglementsauszug ‹Sie haben sich kurz zu fassen und zur Sache zu sprechen› besinnen.»

Gehen Kleiners Gedanken bereits in Richtung der nächsten Wahlen? Noch dauert es eine Weile. Doch ist für Linda Kleiner schon jetzt klar: «Zum Aufhören bin ich noch zu jung. Ich werde weiterhin politisieren und mich für die Stadt einsetzen, in der ich zu Hause bin.»

Über die Stadtgrenzen hinausgehende politische Ambitionen räumt sie jedoch strikt aus. «Meine politische Bühne steht in Lenzburg. Denkbar ist einzig ein Wechsel in die Exekutive.» Das werde allenfalls erst später ein Thema werden, im Stadtrat sei die Partei derzeit «bestens aufgestellt».