Leutwil
Leutwiler Ortsbürger planen Rückzug aus Bern

Der Gemeinderat Leutwil prüft den Verkauf des Ortsbürgerhauses in der Stadt Bern. Mit dem Erlös von 3,1 Millionen Franken sollen im Dorf neue Wohnungen entstehen. Der Gemeinderat erhofft sich dadurch höhere Steuereinnahmen.

Pascal Meier
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Soll verkauft werden

Soll verkauft werden

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Nur wenige Minuten vom Berner Bahnhof entfernt besitzen die Leutwiler Ortsbürger ein repräsentatives Mehrfamilienhaus an bester Lage.

Juristisch gehört dieses dem Roland-Aeschbach-Fonds, der den Ortsbürgern untersteht. Der Erlös aus den Mieteinnahmen der fünf Wohnungen wird als Stipendien an Lehrlinge und Studenten ausgeschüttet, die in Leutwil als Ortsbürger heimatberechtigt sind, aber nicht zwingend in der Gemeinde wohnen müssen.

Die Stiftung

1959 hat Mathilde Aeschbach der Ortsbürgergemeinde die Berner Liegenschaft Sahlistrasse 27 vermacht. Nach dem Willen der
Verstorbenen schieden die Ortsbürger das Haus als Fonds aus und verwenden die Zinsen seither für die Ausbildung finanziell schlecht gestellter Jungbürger. Der jährliche Mietertrag beträgt rund 102 000 Franken, woraus ein Netto-Ertrag von 62 000 Franken resultiert. Abzüglich Amortisation werden jährlich rund 10 000 Franken Stipendien ausgeschüttet. (pi)

Nun will der Gemeinderat das Ortsbürgerhaus an der Sahlistrasse verkaufen. «Wohnungen in Bern nützen Leutwil nicht viel», begründete Gemeinderat Ulrich Gloor an einer öffentlichen Orientierung die Pläne des Gemeinderats. «Unsere Berner Mieter zahlen ihre Steuern der Stadt, und nicht Leutwil.» Zudem hätten nicht mehr viele Ortsbürger eine Beziehung zum altehrwürdigen Haus.

Mehr Wohnraum in der Gemeinde

Das Ortsbürgerhaus könnte für netto 3,1 Millionen Franken verkauft werden - vorausgesetzt, die Ortsbürger sagen am 16. November 2012 an ihrer Versammlung Ja dazu.

Als Käufer hat sich der Gemeinderat aus 15 Interessenten für eine Gemeinschaft aus vier Familien entschieden. Diese wohnen im gleichen Quartier und wollen die Liegenschaft im Stockwerkeigentum übernehmen. Die heutigen Mieter müssten ausziehen (siehe Text unten rechts).

Der Erlös aus dem Verkauf soll in Leutwil investiert werden. Der Gemeinderat schlägt vor, das Areal bei der Gemeindehofscheune mit Mehrfamilienhäusern zu überbauen.

«Leutwil könnte so wachsen und wir verschieben Steuereinnahmen zu uns», sagte Ulrich Gloor. Die Überbauung würde im Besitz des Roland-Aeschbach-Fonds bleiben und der Mietertrag auch weiterhin als Stipendien ausgeschüttet. Gloor: «Von dieser Lösung profitieren alle.»

Neue Wohnungen für Neuzuzüger

Die Pläne des Gemeinderates sorgten an der Orientierung für Diskussionen. Unbestritten ist: Mietwohnungen in Bern nützen Leutwil wenig, und mit der Überbauung des Areals bei der Gemeindehofscheune könnte diese endlich gewinnbringend und nachhaltig genutzt werden.

Kritische Stimmen erntete die Idee, mit dem Verkaufserlös Mehrfamilienhäuser zu bauen. «Seien wir ehrlich: Leutwil ist keine attraktive Wohngemeinde», sagte ein Ortsbürger. Andere äusserten die Befürchtung, dass mit Mehrfamilienhäusern der Ausländeranteil steigt.

Ulrich Gloor hielt dazu fest: «Es wird im Moment überall viel gebaut und Leutwil ist nicht unattraktiv.» Die Angst vor zu viel Ausländern sei zudem unbegründet: «Als Vermieter können wir entscheiden, wer einzieht.»

Hausverkauf: Die Mieter müssen raus

Ein Leutwiler Ortsbürger ist am Sonntag mit dem Zug nach Bern gereist und hat sich ein Bild vom Zustand des Mehrfamilienhauses an der Sahlistrasse 27 gemacht. «Alles sieht tipptop aus, Fenster und Fassade müssen jedoch saniert werden», bestätigte der Ortsbürger an der öffentlichen Orientierung die Aussagen des Gemeinderates. Zu denken gegeben hätten ihm jedoch Aussagen der Mieter, dass sie nach dem Verkauf des Hauses die Kündigung erhalten würden. «Einige wohnen schon seit 30 Jahren im Haus», hielt der Ortsbürger fest. Gemeinderat Ulrich Gloor bestätigte dies: «Die Mieter müssen raus, können aber die Wohnungen der neuen Käufer-Familien übernehmen, die frei werden.» Der Gemeinderat habe darauf geachtet, dass die Liegenschaft nicht in die Hand von allfälligen Spekulanten fällt. «Die neuen Familien haben uns versichert, dass unser Haus in Bern kein Renditeobjekt wird», hielt Gloor fest und verwies auf persönliche Gespräche mit den Käufern. (pi)

Ein weiterer Ortsbürger stellte die Frage in den Raum, ob der Verkauf der Berner Liegenschaft grundsätzlich sinnvoll ist. «Die Mieteinnahmen in der Stadt sind attraktiv.»

Ulrich Gloor verwies darauf, dass das Berner Ortsbürgerhaus letztmals 1990 renoviert worden war und - trotz guten Zustands - bald neue Sanierungen anstehen würden; vor allem an Fassade, Fenstern und Isolationen. Gemäss Schätzungen sind in den nächsten

10 bis 15 Jahren Investitionen von rund 550 000 Franken nötig. «Zudem ist der Zeitpunkt für einen Verkauf im Moment ideal», hielt Gloor fest.

Juristisch gesehen darf die Ortsbürgergemeinde die Berner Liegenschaft verkaufen. Bei der Verwendung des Erlöses ist der Spielraum aber klein: Der Roland-Aeschbach-Fonds schreibt vor, dass das Nachlassvermögen zweckgebunden investiert werden muss. Das heisst: Der Erlös soll wieder Wohnraum schaffen, dessen Ertrag über Stipendien jungen Ortsbürger zugute kommt.