Lenzburg
Lenzburgs neue Stadtentwicklerin baute schon im Sandkasten ganze Städte

Helen Bisang war Stadtplanerin von St. Gallen und ist nun die neue Baumeisterin von Lenzburg. Sie ist sich sicher: Am neuen Arbeitsort wird ihr nicht langweilig. Im Interview sagt sie, was ihre Visionen zur Entwicklung der Stadt sind.

Ruth Steiner
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Helen Bisang, die neue Stadtentwicklerin und Bauamtsleiterin von Lenzburg.

Helen Bisang, die neue Stadtentwicklerin und Bauamtsleiterin von Lenzburg.

Chris Iseli

Stabsübergabe auf einem der wichtigsten Chefbeamtenposten der Stadt: Auf den langjährigen Stadtplaner und Vorsteher des Bauamts, Richard Buchmüller, folgt die 53-jährige Architektin und Raumplanerin Helen Bisang. Auf dem Lenzburger Hausberg, dem Gofi – die Stadt im Blickfeld – sagt die gebürtige Luzernerin, weshalb es sie von St. Gallen ausgerechnet ins viel kleinere Lenzburg verschlagen hat.

Frau Bisang, die ganze Stadt liegt vor uns. Was hat Lenzburg in der Stadtentwicklung in Ihren Augen bisher gut gemacht?

Helen Bisang: Ich bin sehr beeindruckt, mit welcher ganzheitlichen Betrachtungsweise die Planung grösserer Areale angegangen wurde.

Helen Bisang, die neue Stadtentwicklerin und Bauamtsleiterin von Lenzburg.

Helen Bisang, die neue Stadtentwicklerin und Bauamtsleiterin von Lenzburg.

Chris Iseli

Zum Beispiel?

Bei der Überbauung der Widmi wurden zuerst die Freiräume (Widmipark) festgelegt. Und anschliessend wurden die einzelnen Baufelder auch noch mit einer Wettbewerbspflicht belegt. Dass man dies von der privaten Bauherrschaft gefordert hat, spricht für die politischen Entscheidungsträger und zeigt, dass hier auf qualitätsvolles Bauen grossen Wert gelegt wird. Überzeugt hat mich auch die breite Mitwirkung bei der Neugestaltung des Areals «Im Lenz». Das widerspiegelt die gelebte Planungskultur der Stadt, die von der planungspolitischen Behörde unterstützt wird. Diese Kultur entspricht meinen Wertvorstellungen.

Was gefällt Ihnen weniger gut?

Es ist schwierig, Planungen zu hinterfragen, bei denen die Beweggründe für die getroffenen Entscheidungen nicht ausreichend bekannt sind. Betrachtet man die Stadtstruktur, fällt auf, dass die Kerntangente die Verbindungsachse zwischen Bahnhof und Stadtzentrum zerschneidet. Bei den Projekten, mit denen ich bis anhin konfrontiert war, könnte man die Frage nach dem für ein Areal adäquaten Mass der Substanzerhaltung und der Materialwahl stellen.

Haben Sie als Mädchen mit Puppen gespielt oder mit Lego-Steinen Häuser gebaut?

Ich habe beides gemacht. Beim Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof im Luzernischen, auf den Feldern und im Wald, sind wir stets auf Materialien gestossen, aus denen wir Häuser und Anlagen gebaut haben. Und ich habe tatsächlich bereits im Sandkasten gerne Wohnungen, Villen und ganze Städte gebaut.

Agieren Frauen in der Welt des Bauens anders als Männer?

Das kann man nicht verallgemeinern. Ich denke, Frauen haben ein Bild ihrer Organisation, in der jede und jeder seinen Platz hat. Sie entscheiden aufgrund sachbezogener Argumentationen. Bei den Männern spielen häufig Fragen der Koalitionen, der guten Position und der Kräfteverhältnisse mit. Ich habe kürzlich den Artikel «Die gute Herrschaft – Führungsfrauen und ihr Bild der Organisation» von Cornelia Edding gelesen. Diese Darstellung trifft den Nagel auf den Kopf.

Sie waren Stadtplanerin von St. Gallen. Wo lag für Sie der Reiz eines Wechsels in das kleinere Lenzburg?

(lacht) Höchstens von der Fläche her kleiner, von der Problematik und den Aufgabenfeldern her jedoch keinesfalls. Stadt- und Verkehrsplanung, Hoch- und Tiefbau sowie Bauadministration und Stadtmarketing sind hier zusammengefasst. Dieses Aufgabenpaket und die Koordination der Handlungsfelder ist eine sehr interessante Herausforderung. Es ist auch eine Chance, die Stadtentwicklung zusammen mit der politischen Ebene aus einer gesamtheitlichen Sicht weiter zu denken.

Ist nicht zu befürchten, dass Ihnen im beschaulichen Lenzburg bald einmal langweilig wird?

Nein, ganz und gar nicht. Es stehen viele Aufgaben an. Es ist eine grosse Dynamik vorhanden. Der wirtschaftliche Druck und die Nähe zu Zürich, die gute Anbindung an die Nord-/Südachse sind spürbar. Das städtische System fasziniert mich als solches – man muss sich Einlassen auf die Eigenheiten des Ortes, seine Morphologie, Geschichte und die bestehende Bausubstanz.

Was heisst das konkret?

Planen und Bauen im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu ist eine sensible Angelegenheit. Orte sind auch Bedeutungsträger, mit denen Menschen persönliche Erfahrungen verknüpfen. Bei einer Umstrukturierung eines Areals nehmen Atmosphäre und Identität einen hohen Stellenwert ein – wie auch die Dichte der potenziellen Aktivitäten, die Belebung.

Denken Sie dabei an einen bestimmten Ort?

Das Fabrikgebäude von Richard Hächler auf dem Areal der Wisa-Gloria ist beispielsweise eine sehr schöne Baute, ein Zeitzeuge des neuen Bauens. Hier ist es wichtig, die erhaltenswerte Substanz so zu schützen, dass es letztendlich nicht auf eine Auskernung und anschliessende Rekonstruierung des Gebäudes hinausläuft. Dies ist in Lenzburg bei der Stadtmauer meisterhaft gelungen. Da wurden neue Bauvolumen konzipiert, die gleichzeitig die alte Bausubstanz im höchsten Mass respektieren.

Sie übernehmen ein gut funktionierendes Team. Wie stellen Sie sich den Mitarbeitern vor, sind Events geplant?

(lacht) Ich glaube, meine Mitarbeitenden sind bereits so stark beschäftigt, dass sie nicht noch Events brauchen. Wichtig ist für mich, ihre Aufgabenbereiche im Verhältnis zu den Ressourcen näher kennen zu lernen.

Helen Bisang persönlich

Geburtsdatum: 22. September 1960
Kinder: Léonie und Xaviér (20-jährige Zwillinge)
Hobbys: u.a. Jogging, Schwimmen, Städte- und Kulturreisen, Fachliteratur, Essen mit Freunden
Lieblingsort in der Gemeinde: Den einen Ort gibt es noch nicht. U.a. gefallen mir der Zugang zur Stadt von der Schützenmattstrasse her mit den raumdefinierenden Stützmauern und dem baumbestandenen Strassenraum und die Fortsetzung des Themas mit Trockensteinmauern am Schlosshügel.

Was haben Sie sonst vor?

Ich habe festgestellt, dass sich über informelle Strukturen in vielen Fällen eine kooperative Zusammenarbeit etabliert hat. Mir ist es wichtig, dass alle Mitarbeitenden, auch im administrativen Bereich, über die laufenden Geschäfte informiert sind.

Die Raumplanung der Zukunft setzt auf verdichtetes Bauen. Wo muss man in Lenzburg verdichten?

Es gibt Gebiete, die unternutzt sind. Bei einigen Quartieren ist die Bau- und Freiraumstruktur und auch der Charakter des Strassenraums erhaltenswert. Als Fachleute können wir private Bauherrschaften zur Vorgehensweise beraten und über Varianzverfahren die städtebauliche Qualität sichern. Bei der Neugestaltung der Bau- und Zonenordnung wird der Stadtrat der Innenentwicklung sicher eine hohe Bedeutung beimessen.

Wo ist das angedacht?

Das ist noch nicht spruchreif. Mit der Revision der Bau- und Zonenordnung werden wir erst starten. Da will ich dem Planungsprozess nicht vorgreifen. Dieser muss auf fachlicher und politischer Ebene geführt werden; die Bevölkerung wird über die Mitwirkung einbezogen.

Es besteht eine relativ klare Trennung zwischen Altstadt, Wohnquartieren und Industriegebieten. Besteht Handlungsbedarf?

Die unterschiedlichen Strukturen, das Nebeneinander, sind die Folgen der baulichen Entwicklung und sind grundsätzlich spannungsvoll. Wichtig ist, dass die Teile des Stadtkörpers durch das Netz der gestalteten Aussenräume zusammengebunden werden. Dass man dabei für den Langsamverkehr bestehende Verbindungen teilweise aufwerten und neue schaffen muss, liegt auf der Hand.

An welche Orte denken Sie dabei?

Vor allem an Orte, wo stark frequentierte Verkehrsachsen gequert werden. Ein gutes und funktionierendes, durchgängiges Fussgänger- und Velonetz ist wichtiger Bestandteil für eine lebenswerte Stadt. Ein zentrales Projekt ist derzeit die Schulwegsicherung im Zusammenhang mit der Verlegung der Schulstufen (Anm. Unterstufe ins Angelrainareal, Oberstufe in den Campus Lenzhard). Hier sind wir gemeinsam mit der Verkehrskommission an der Arbeit.

Es wird derzeit viel Wohnraum gebaut? Verkommt Lenzburg zu einer Schlafstadt?

Nein, das glaube ich nicht. In Phasen, in denen eine Stadt schnell wächst, können bei fehlender Nutzungsdurchmischung reine Wohnquartiere entstehen. Wesentlich ist, dass wir Strukturen fördern, die eine positive Wirkung auf das Nebeneinander von unterschiedlichen sozialen Gruppen haben. Bezüglich der Nutzungsmischung überprüfen wir die Grundlagen, um Firmen anzusiedeln und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Lenzburg hat mit seiner geografischen Lage, seiner Nähe zu Zürich, in dieser Hinsicht gute Voraussetzungen.

Haben Sie Ideen, wie Firmen anzusiedeln sind?

Ja, die hab ich. Die Möglichkeiten, die wirtschaftlichen Entwicklungen zu unterstützen, sind gemeinsam mit dem Stadtrat anzugehen.

Wie lebt es sich morgen in Lenzburg – welches sind Ihre Visionen?

Ich denke, dass wir in Zukunft ähnlich leben werden wie heute. Im Hinblick auf die natürlichen Ressourcen werden wir uns einschränken müssen. Für die bestehenden Verkehrsprobleme sind Lösungen zu suchen. Wir arbeiten an den Begegnungszonen und anderen Projekten weiter. Dieser Prozess muss mit den politischen Behörden geführt und mit der Bevölkerung diskutiert werden.

Was nützen Begegnungszonen in der Altstadt, wenn sie nicht oder nur wenig genutzt werden?

Das ist eine Herausforderung, die sich vielen Altstädten dieser Grössenordnung stellt. Die Grossverteiler ziehen Kundschaft an oder eben ab. Doch ich meine, der Angebotsmix an Geschäften und Restaurants schafft hier grundsätzlich die Voraussetzung, dass Begegnungen stattfinden können.

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