Historisch

Lenzburger Volk geht auf die Barrikaden: Wie das Jugendfest vor über hundert Jahren in letzter Minute zustande kam

Dieses Jahr fällt das Jugendfest Lenzburg aufgrund der Coronapandemie aus. Ein Blick ins Archiv zeigt: Es ist nicht das erste Mal, dass das Jugendfest in Lenzburg eine Absage aufgrund von Ereignissen auf der Weltbühne über sich ergehen lassen muss. 1915 konnte dies knapp verhindert werden.

«Wenn seine beeindruckende Gestalt in der Sonne steht, stellt er jeden Kadetten in den Schatten.» Die Worte galten Stephan Weber nach der Wahl zum neuen Freischaren-General Anfang dieses Jahres. Ob der stämmige General mit seiner markanten Stimme bei den Kadetten etwas ausrichten kann, wird sich erst 2021 zeigen. In diesem Jahr zwang das Coronavirus die Welt in die Knie, Jugendfest und Manöver sind abgesagt.

Damit ist das Undenkbare ist eingetroffen. Ist so etwas schon jemals eingetreten? Ja, ist es, insgesamt viermal Mal innerhalb gut hundert Jahren fand das Jugendfest in Lenzburg nicht statt (das Freischarenmanöver fiel mehrere Male aus). Und immer waren es Ereignisse auf der Weltbühne, welche den Anlass in Lenzburg verhinderten. Dazu muss man in der Agenda allerdings ziemlich weit zurückblättern. Bis 1940: Das Geschehen des Zweiten Weltkriegs veranlasste den Stadtrat vor achtzig Jahren, auf das Jugendfest zu verzichten. Der Lenzburger Bevölkerung muss es damals kaum ums Feiern gewesen sein.«Die Stimmung war sehr gedrückt. Man musste damit rechnen, dass auch die Schweiz in den Krieg hineingezogen wurde», schreibt Adolf Plüss im Buch «Jugendfest mit Freischaren». 2002 hat er die Geschichte zum 150-jährigen Bestehen der Freischarenmanöver zusammengefasst.

Ganz anders die Situation 25 Jahre früher, also 1915: Auch damals herrschte kriegerisches Geschehen auf der Weltbühne. Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges im August 1914 wollten Stadtrat und Schulpflege das Jugendfest 1915 ausfallen lassen.

Alfred Zweifel und Sophie Hämmerli-Marti fürs Fest

Gegen diesen Beschluss formierte sich jedoch Widerstand. Allen voran Oberst Alfred Zweifel, Inhaber der Malaga-Kellereien, und Mundartschriftstellerin Sophie Hämmerli-Marti opponierten gegen den Entscheid. «Nicht durch gänzliches Ausfallen, sondern durchrichtige Vereinfachung des Jugendfestes», sollte die Tradition auch in schwierigen Zeiten aufrecht erhalten bleiben, betonte Oberst Zweifel. Mit Blick auf die damals herrschende schwierige wirtschaftliche Situation hielt der Oberst dezidiert fest: «Es schadet gar nichts, wenn nach und nach immer mehr ins Kraut geschossene Ausgaben für Dekorationen, Freischarenkostüme, Feuerwerk etc. einmal gehörig beschnitten werden.»

Auch Sophie Hämmerli-Marti mischte sich in die heftige Debatte ein und votierte für ein «Abhalten des Fests in einem einfachen Rahmen, ein Kadettengefecht inbegriffen». Mit einer Unterschriftensammlung erzwangen die Lenzburger eine Gemeindeversammlung. Die Zeit drängte. Die Gemeindeversammlung wurde am Sonntag, 4. Juli, abgehalten. Nach kontroverser Diskussion wurde in eine geheime Abstimmung durchgeführt: Dabei hatten die Befürworter knapp die Nase vorn; mit 205 Stimmen, 191 waren dagegen.

Jetzt musste Lenzburg sich sputen. Bis zum Fest am 16. Juli blieben noch genau zwölf Tage für sämtliche Vorbereitungen zu treffen. Die Jugendfestkommission hatte die Durchführung des Kadettenmanövers zum vornherein fallengelassen. Doch damit waren nicht alle einverstanden. Um jedoch das Nachmittagsprogramm «festlich und unterhaltend zu gestalten», regten die Kadetteninstruktoren ein kleines Wettschiessen der älteren Kadetten an.

Mittlerweile verblieben noch sechs Tage bis zum Fest; es wurde wieder heftig diskutiert inLenzburg: Die Vorsichtsmassnahmen auf dem Festgelände seien unzureichend, befand die Jugendfestkommission. Zudem habe die Ausbildung nicht wunschgemäss gefördert werden können. Schliesslich wird jedoch am Scharfschiesswettbewerb festgehalten.

Im Ersten Weltkrieg drei Jahre lang kein Fest

Im Festbericht der «Lenzburger Zeitung» vom 17. Juli 1915 wird einleitend angemerkt, dass das Fest unter blauem Himmel einen sehr schönen Verlauf nahm. Zu den vorangegangenen Auseinandersetzungen heisst es im Schlusskommentar in der Zeitung: «So wäre das Jugendfest 1915 vorbei: Über die Abhaltung konnte man in guten Treuen verschiedener Ansicht sein. Aber jetzt, nachdem das Fest einen so schönen Verlauf genommen hat, soll man keinerlei kleinlichen, unfruchtbaren Hader für die Zukunft mitschleppen. Es soll das schöne Fest froher Jugend bleiben und nicht das Kinderfest der Erwachsenen sein.»

In den Folgejahren 1916, 1917, 1918 hingegen fielen die Jugendfeste aus mit dem herrschenden Krieg in Europa und den dadurch stark gestiegenen Lebenshaltungskosten als Begründung für die Absage.

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