Jahrelang durchstöberte Martin Gasser in seinem Arbeitszimmer an der Rathausgasse in Lenzburg Berge von philatelistischer Literatur, sichtete in Staatsarchiven der halben Schweiz jegliche Dokumente zur schweizerischen Postgeschichte und hielt an unzähligen Briefmarkenauktionen und -börsen Augen und Ohren offen.

Sein Wissen fasste er in einem 400 Seiten starken Wälzer über die Postroutenstempel in der Schweiz von 1805 und 1881 zusammen, der als Band X in der Schriftenreihe Schweizerischer Postgeschichte erschienen ist.

Postroutenstempel waren die Vorläufer der Briefmarken, die erst ab 1850 nach und nach eingeführt wurden. Briefboten waren damals im Auftrage der Kantone zu Fuss, zu Pferd oder per Fuhrwerk unterwegs, um Briefe an ihren Bestimmungsort oder zu den wenigen Anschlussstellen ans rudimentäre Postnetz zu bringen.

Es begann mit Beat Fischer

Die Posthoheit lag damals bei den Kantonen, die für die Zustellung Pächter engagierten. Bern, zu dem ja ein grosser Teil des heutigen Aargaus gehörte, engagierte einen gewissen Beat Fischer von Reichenbach (1641– 1687), dessen Familie im Aargau bis 1808 die Pacht innehatte.

Das Postnetz war äusserst rudimentär. Nur eine Linie von Basel zum Gotthard und von Bern nach Zürich kreuzten sich im Aargau. Erst 1835 erliess der aargauische Regierungsrat die Weisung, alle Seitentäler postalisch zu erschliessen.

Das führte im Laufe der Jahrzehnte mehr und mehr zu den so genannten Postrouten, von denen jede ihren eigenen Stempel auf die Couverts drückte. So gab es zum Beispiel die Schinznach-Route, die von Thalheim über Schinznach, Veltheim, Auenstein und Biberstein nach Aarau führte. Der Postroutenstempel zeigte auf, woher die Briefe kamen und wo der Empfänger zu Hause war.

Post Lenzburg seit 1740

Poststellen gab es einst nur in grösseren Gemeinden, in Lenzburg beispielsweise seit 1740. Als 1835 die Regierung beschloss, alle Seitentäler zu erschliessen, war dies auch mit der Meinung verbunden, dass jede Gemeinde ihre Postablage bekommen sollte. Diese konnte in einer Beiz oder irgendwo sein. Das Porto wurde nicht vom Absender, sondern vom Empfänger berappt. Schrieb man seiner Angebeteten einen Liebesbrief, musste sie das Porto berappen.

Verweigerte ein Empfänger eine Nachricht, so ging diese zurück an den Absender. Die Kosten berechneten sich aus der Wegstrecke. So kostete ein Brief im Aargau, der über fünf Wegstunden zu je 4,8 Kilometer unterwegs war, zwei Kreuzer, über fünf Wegstunden vier Kreuzer. Postbote Jakob Fischer aus Fahrwangen verdiente damit für die Route nach Lenzburg im vierten Quartal 1837
27 Franken und 30 Rappen.

Es begann mit Briefmärkelen

Gassers Liebe zur Philatelie erwachte früh. Als Jugendlicher begann er Briefmarken zu sammeln, damals ein weit verbreitetes Hobby. Mit der Zeit befriedigte ihn das nicht mehr. Den Anstoss, sich intensiv mit Postroutenstempeln zu befassen, gab ihm ein Artikel im Lenzburger Neujahrsblatt von 1944, in dem der Aarauer Postverwalter Hemmeler über die Geschichte der Lenzburger Post schrieb.

Im Laufe der Jahre schaffte sich Gasser in philatelistischen Kreisen einen hervorragenden Ruf als Kenner der speziellen Materie, sodass ihn der deutsche Buchverleger und Philatelist Andreas Grünewald anfragte, ob er sein fundiertes Wissen nicht in einem Buch festhalten möchte. Nach einigem Zögern sagte Gasser zu. Sein Werk ist eine akribische Auflistung aller in der Schweiz je verwendeten 214 Postroutenstempel. Die 400 Seiten enthalten über 800 Abbildungen von Briefen, Stempeln und Landkarten und zeigen sämtliche Postrouten in den 14 Kantonen, in welchen Stempel gebräuchlich waren. Ein Kapitel widmet sich auch den Stempelfälschungen.

An der Luzerner Nationalen Briefmarkenausstellung 2010 (Lunaba) wurde Gassers Buch mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Gold gabs ebenfalls 2009 an der World Stamp Exhibition in China.

Das in einer kleinen Auflage erschienene Werk ist zum Preis von 140 Franken über den Buchhandel oder direkt beim Autor Martin Gasser erhältlich (E-Mail-Adresse:gasser-m@bluewin.ch).