Frau Grossmann, wir kennen uns nicht, dank Twitter weiss ich aber: Sie sind Apple-Fan, haben am Sonntag Fisch gebraten, spannen gerne in Arosa aus, hören DJ Antoine und lieben Champagner. Sie sind ein offenes Buch für mich. Beunruhigt Sie das?

Lea Grossmann: Nein. Wenn ich etwas twittere, bin ich mir bewusst, dass auch Leute mitlesen, die ich nicht kenne. Ich twittere deshalb nur, was auch fremde Leute von mir wissen dürfen.

Und doch twittern Sie viel Persönliches. Wenn Sie Wein trinken oder Ihr Himmelbett verkaufen, zum Beispiel. Wo ziehen Sie die Grenze?

Intime Dinge würde ich nie twittern. Auch über Berufliches schreibe ich bewusst nicht. Vielmehr twittere ich gerne Dinge aus dem Alltag.

Das tun Sie oft, Sie sind eine der aktivsten Twitterer weit und breit. Wie viele Tweets verschicken Sie schätzungsweise pro Tag?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich viele ...

Ich habs ausgerechnet: Sie haben seit Juni 2011 über 8000 Twitter-Nachrichten verschickt. Das ist im Schnitt alle drei Stunden ein Tweet, inklusive Nacht. Erschreckt Sie das nicht etwas?

Das ist schon viel. Aber da gibt es in der Schweiz und international ganz andere Kaliber auf Twitter, die noch viel angefressener sind als ich.

Kann Twitter süchtig machen?

Ja, ich denke schon. Man wird reingezogen. Es gibt im Leben vieles, das sich lohnt mitzuteilen. Ich lese auch viele Tweets von anderen und denke dann: Da muss ich meinen Senf dazugeben!

Wie haben Sie Twitter entdeckt?

Ich habe mich aus Gwunder angemeldet und es hat mich nicht mehr losgelassen. Twitter ist witzig und lebendiger als Facebook. Wenn mir irgendwas in den Sinn kommt, kann ich das sofort mitteilen und es folgen schnell Reaktionen. Das finde ich spannend.

Man könnte auch den Eindruck bekommen: Ihnen ist langweilig und schlagen mit Twitter die Zeit tot ...

Nein, mir ist selten langweilig. Tagsüber twittere ich kaum, im Büro gar nicht. Deshalb konzentriert sich vieles auf die Mittagspause und die Abendstunden. Für mich ist Twitter eine
nette Nebenbeschäftigung.

Und Ihr Partner teilt diese Nebenbeschäftigung?

Er hat nicht immer Freude, wenn ich so richtig auf Twitter loslege. Er selbst hat aber auch ein Twitter-Konto. Zwar schreibt er keine Tweets, folgt aber
einigen Leuten – natürlich auch mir.

Sie haben rund 1000 Follower. Das ist eine beachtliche Zahl für eine Lokal-Politikerin. Haben Sie noch den Überblick, wer Ihnen folgt?

Das ist schwierig. Es sind vor allem Menschen, die sich für Politik und das Weltgeschehen interessieren. Wer genau mir folgt, ist mir nicht so wichtig. Zu Beginn war das anders: Ich freute mich über jeden Follower und schaute sofort, wer mir folgt und wo ich im Vergleich zu anderen stehe. Auf 100 Follower zu kommen war ein Kampf. Irgendwann wurde es dann zum Selbstläufer. Heute bin ich relaxter. Ich kenne kaum einen Follower persönlich. Es gibt aber schöne virtuelle Begegnungen: Als eine Frau auf Twitter über ihr selbst gemachtes Quitten-Gelee schrieb und ich dazu anmerkte, dass ich auch gerne davon kosten würde, bekam ich prompt ein Glas zugeschickt.

Lea Grossmann

Werden Sie auf der Strasse auf Ihre vielen Tweets angesprochen?

Nein. In meinem Bekanntenkreis ist kaum jemand auf Twitter. Wir Schweizer sind in dieser Beziehung wohl
etwas zurückhaltend. Es gibt nicht viele Schweizer, die mehrere tausend Follower haben. Viele meiner Follower wohnen im Ausland.

Ein vorschnell abgeschickter Tweet wird Politikern immer wieder zum Verhängnis. Es gab deswegen schon Rücktritte. Auch Sie stehen in der Öffentlichkeit. Sind Sie besonders vorsichtig?

Viele Twitterer haben sich nicht im Griff. Ich kann nicht nachvollziehen, wie Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, derart ins Fettnäpfchen treten können. Ich überlege mir genau, was ich schreibe, und musste noch nie einen Tweet löschen. Ich halte mich zudem aus längeren Diskussionen heraus; vor allem wenn es um Politik geht. Es ist schwierig, auf nur 140 Zeichen eine Meinung exakt so zu formulieren, wie sie gemeint ist. Twitter hat deshalb auch etwas gefährliches.

Letzte Frage: Was werden Sie über dieses Gespräch twittern?

Ich habe mir tatsächlich überlegt, ob ich etwas twittern soll. Lassen Sie sich überraschen.