Am Freitagabend klirren in Lenzburg die Gläser. Die Stadt stösst mit der Bevölkerung auf den neuesten Meilenstein ihrer Geschichte an: Sie hat seit diesem Herbst über 10 000 Einwohner. Das Stadtrecht besitzt Lenzburg schon seit über 700 Jahren.

1306 verlieh Herzog Friedrich von Österreich der damaligen Marktsiedlung zwischen dem Dorf Oberlenz am Aabach und dem Schlosshügel das Marktrecht. Jetzt ist Lenzburg auch bevölkerungsmässig eine Stadt.

Lenzburg ist ein Paradebeispiel für die voranschreitende Urbanisierung im Kanton. Eine Entwicklung, die auf der ganzen Welt zu beobachten ist. Kernstädte und Agglomerationsgemeinden wachsen zusammen. Die Zuwanderung ist Haupttreiber der Verstädterung: Im Bezirk Lenzburg legte die Wohnbevölkerung in den vergangenen zehn Jahren mit 23 Prozent im Vergleich zum Kanton Aargau (14 Prozent) und der Schweiz (13 Prozent) überproportional stark zu.

Dies ist einerseits mit den freien Bauplätzen in den ländlicheren Gemeinden der Region zu begründen, andererseits mit der Zentrumsfunktion der Stadt Lenzburg als Nadelöhr des Zugverkehrs. Die umliegenden Gemeinden Niederlenz, Schafisheim und Othmarsingen sind rasant gewachsen und gehören zur Agglomeration der Stadt Lenzburg. Auch der Bund anerkennt in seinem aktuellsten Bericht zur Urbanisierung Lenzburg als eine von 78 Kernstädten der Schweiz. Die Städte Aarau, Baden, Brugg und die Gemeinden Wohlen und Reinach werden ebenfalls erwähnt.

Brugg und Baden verschmelzen

In absoluten Zuwanderungszahlen schwingt im Aargau ein anderer Bezirk obenaus: Baden. 1996 lebten in der Region rund 114'000 Menschen, heute sind es über 140'000. Daniel Kübler, Leiter der Abteilung für Allgemeine Demokratieforschung am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Zürich, nennt Baden als Beispiel für die Folgen der Urbanisierung: «Die Städte Brugg und Baden sind zu einer grossen Zentrumsregion verschmolzen.»

Wie schnell die Verstädterung im Aargau voranschreitet, verdeutlicht die Rangliste der Ortschaften mit mehr als 10'000 Einwohnern (Tabelle unten). 1990 hatten erst Aarau, Wettingen, Baden und Wohlen diese Marke erreicht gehabt, seither sind acht (!) neue Gemeinden dazugekommen: Brugg, Zofingen, Rheinfelden, Lenzburg, Oftringen, Spreitenbach, Möhlin und Suhr.

Nur die vier erstgenannten Ortschaften bezeichnen sich als «Stadt». Alle anderen gelten nach wie vor als Einwohnergemeinde respektive Dorf. Im Aargau gibt es aus historischen Gründen dennoch mehr als acht Städte. Im Mittelalter erlangten kleine Ortschaften wie beispielsweise Kaiserstuhl (422 Einwohner) oder Klingnau (3348) das sogenannte Stadtrecht.

So wird man vom Dorf zur Stadt

Ein solches kennt heute weder die Schweiz noch der Kanton Aargau im rechtlichen Sinne. Martin Süess, Leiter des kantonalen Rechtsdienstes, sagt: «Im Aargau werden die Städte weder in der Kantonsverfassung noch im Gemeindegesetz ausdrücklich erwähnt. Sie gelten als Einwohnergemeinden.» Weitere Differenzierungen würden nicht vorgenommen. Kann sich also ein x-beliebiges Seelendörfchen einfach so zur Stadt ernennen?

Süess verneint: «Mangels gesetzlicher Grundlagen ist vor Jahren festgehalten worden, dass sich eine Gemeinde – mit Ausnahme derjenigen, die das Stadtrecht bereits besitzen – Stadt nennen kann, wenn sie die Minimalgrösse von 10'000 Einwohnerinnen und Einwohnern erreicht und wenn dies die Stimmberechtigten im Rahmen der Gemeindeordnung so beschliessen.» Das bedeutet: Es braucht die Zustimmung des Volkes und – im Rahmen der Genehmigung der Gemeindeordnung – des Kantons für die Stadterklärung.

Die betroffenen Stimmberechtigten zeigten sich in der jüngeren Vergangenheit wenig angetan, ihre Gemeinde künftig als Stadt zu bezeichnen. 2009 sind in Wettingen und Wohlen solche Vorlagen deutlich an der Urne gescheitert. In Möhlin, Oftringen und Spreitenbach konnte die Bevölkerung ihre Meinung noch nicht kundtun, obwohl sich die Gemeinden aufgrund ihrer Einwohnerzahl zur Stadt erklären lassen könnten.

«Mental immer noch ein Dorf»

Marius Fricker, Gemeindeschreiber aus Möhlin, antwortet auf die Anfrage der AZ: «Die Gemeinde Möhlin ist und bleibt aufgrund der dörflichen Struktur ein grosses Dorf und wird das Stadtrecht nicht beantragen.» Auch in Oftringen hat man offenbar keine Lust auf die Bezeichnung «Stadt». Gemeindeammann Julius Fischer erklärt: «Die Bevölkerung im Teil Oftringen und im Teil Küngoldingen fühlt sich mental immer noch als Dorf.» Und Spreitenbachs Gemeindeschreiber Jürg Müller wiegelt ab: «Es besteht im Kanton Aargau keine Rechtsgrundlage, welche Gemeinden ab einer Einwohnerzahl von 10 000 zu Städten werden lässt.»

Der Nutzen eines Namenwechsels ist umstritten. Die Befürworter in Wohlen und Wettingen argumentierten vor acht Jahren mit der Wirtschaft und dem Tourismus. Ihrer Ansicht nach sei eine Stadt attraktiver als eine Gemeinde. Die Gegner befürchteten, dass die Ansprüche an Leistungen der öffentlichen Hand in einer Stadt zu hoch wären. Renate Amstutz, Direktorin des Schweizerischen Städteverbandes, hat die Diskussionen damals miterlebt. Heute sagt sie: «Ob sich ein Ort als ‹Stadt› oder ‹Gemeinde› bezeichnet, ist nicht einfach von statistischen Zahlen abhängig, sondern vielmehr von der Identität, die sie sich geben will.» Wer am Begriff «Gemeinde» festhalte, gewichte vielleicht ein Stück Tradition stärker als die städtische Entwicklung. «Das schliesst aber nicht aus, sich dennoch urban weiterzuentwickeln», sagt Amstutz.

Die Namensfrage ist also eher von emotionaler als von politischer Bedeutung. Ausser den Namensschildern ändert sich am Dorf- respektive Stadtbild kurzfristig nichts.