Jubiläumsfeier
Lenzburg findet auch jetzt noch «stadt»

«Lenzburg findet stadt» – unter diesem Motto ersoff das Jubiläum 700 Jahre Stadtrecht im Sommer 2006 zwar im Dauerregen. Und doch ist allerhand angezettelt worden, sagen Exponenten von damals.

Heiner Halder
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Vergnügen pur auf der 40-Sekunden-Fahrt vom Schloss ins Festgetümmel. Hans Weber

Vergnügen pur auf der 40-Sekunden-Fahrt vom Schloss ins Festgetümmel. Hans Weber

Fest steht, dass das Fest wahrscheinlich wegen des Wetters nicht grundsätzlich negativ in Erinnerung bleibt. Gewisse Attraktionen werden im Kollektiv-Gedächtnis der Bevölkerung bewahrt werden: die rote Rutsche vom Schloss ins Festgewühl, die sieben Stadttore, der ausnahmsweise sonnige Jubiläumsmarkt, die Lasershow, das Spektakel «Ängelrain» und eben so die Skulptur von Gilian White und die Info-Stele auf dem Hypiplatz.

Allen voran jedoch zeugen die nachhaltigen Lärchentische heute noch und in wachsender Anzahl in Aussen- und Innenräumen vom Fest. Als immaterielle positive Auswirkung darf sicher davon ausgegangen werden, dass mehr noch als das gemeinsame Festen und Feiern die umfangreichen Vorbereitungen Bekanntschaften festigten und neue Freundschaften bewirkten. So findet Lenzburg auch post festum weiter «stadt». Wir fragten Exponenten, ob sich ihre Erwartungen erfüllt haben:

OK-Fest-Präsident René
JeanRichard

Gute Gründe, um das Stadtfest wieder «stadt»-finden zu lassen, fand der ehemalige OK-Präsident René JeanRichard und plante auf eigene Initiative für das Jahr 2013 eine zweite Auflage unter dem griffigen Logo. Das Projekt sah vor, als Trägerschaft einen Verein «Lenzburg findet stadt» zu gründen oder einen wieder belebten Verkehrsverein unter dem Namen «Pro Lenzburg» zu formieren, was unterdessen anderswie stattgefunden hat. Für das OK hatten sich einige Persönlichkeiten des einstigen Gremiums gefunden, ein grobes Budget lag vor.

Allerdings: Die Pläne für eine Neuauflage blieben Papier, das Stadtfest-Projekt 2013 wurde abgeblasen. Sein Projekt sei von Anfang an «auf zurückhaltende Zustimmung gestossen», begründete der enttäuschte Organisator; «ich habe keine Grundwelle gespürt, bin mir als Alleinkämpfer vorgekommen». Der Lenzburger Stadtrat signalisierte per Protokoll Kenntnisnahme: «Ein Teil der Ratsmitglieder begrüsst die Idee, andere äussern sich skeptisch und meinen, dass Lenzburg das Jugendfest als sein traditionelles Hauptfest hat, das nicht konkurrenziert werden sollte.» Feste sollten primär «durch ein Ereignis, das es zu feiern gilt», motiviert sein. Dafür wäre laut JeanRichard die Einweihung der Stadtmauer-Überbauung Isegass der Anlass gewesen.

Lenzburg findet bald «stadtistisch stadt»

Eine Wiederholung des Stadtfestes käme infrage «bei einem Ereignis, das es zu feiern gilt», beschied der Stadtrat vor drei Jahren dem Initianten René JeanRichard. Ein solcher Meilenstein kündet sich an, wenn Lenzburg nicht nur aufgrund eines historischen Stadtrechts-Briefes, sondern mit 10 000 Einwohnern auch statistisch hochoffiziell zur Stadt wird. Darauf angesprochen, erklärt der heutige Stadtammann Daniel Mosimann, dass die Erreichung dieser Schallgrenze «sicher in irgendeiner Form gefeiert wird». Denkbar, weil die Stadt dann erst recht «stadtfindet». Gegenwärtig zählt Lenzburg rund 9200 Einwohner, und wenn der Boom so weitergeht, dürfte das Ziel anno 2020 erreicht sein: Lenzburg findet bald auch «stadtistisch stadt». HH.

Während der ehemalige OK-Präsident die nachhaltige Wirkung des Stadtfestes wohl überschätzt hatte, äussern sich zehn Jahre nach dem Event direkt involvierte und engagierte Persönlichkeiten im Rückblick durchweg positiv.

Gemeindeammann Niederlenz – Maurice Humard

Einen bemerkenswerten Auftritt hatte bei der Festeröffnung der Sprecher der Bezirksgemeinden. Als freundnachbarliche Geste hatten diese dem Bezirkshauptort die Info-Stele auf dem Hypiplatz geschenkt, was für den Niederlenzer Gemeindeammann Maurice Humard Anlass für eine geradezu «historische» Lektion der Landgemeinden an die Lenzburger gab. 700 Jahre habe die Stadt vor allem ihre Rechte ausgekostet, die armen Landgemeinden seien von oben herab behandelt worden und sich als Untertanen vorgekommen, die zwiespältige Beziehung zwischen Stadt und Land sei geprägt gewesen von Angst, Trotz, Neid und Missgunst – «eine Art Hassliebe». Humard präsentierte der Stadt ein «Pflichtenheft» mit Forderungen nach regionalen Führungsfunktionen, aber auch Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Einen «Bewusstseinswandel von der Herrscherrolle zur Grossen Bruder- und Vorbildfunktion». Bei Stadtammann Hans Huber rannte Humard «offene Stadttore» ein. «Die Stadt braucht das Land und das Land die Stadt.»

«Meine Forderungen von damals wurden vollumfänglich erfüllt», freut sich heute der ehemalige Niederlenzer Gemeindeammann und ortet aktuell den Zusammenschluss der beiden ortsbürgerlichen Kieswerke als «Signal, dass auch in diesen Kreisen ein Umdenken stattfindet, was zu Hoffnung Anlass gibt.» Humard deutet damit die frühzeitig von Niederlenz torpedierten Fusionsgespräche mit Lenzburg an. Nicht von ungefähr begannen die beiden Gemeinderäte bald nach dem Stadtfest mit dem Flirt. Und der Freier fügt schmunzelnd hinzu, dass er als ehemaliger Lenzburger in absehbarer Zeit «pionierhaft» in eine Eigentumswohnung auf der Widmi zügelt.

Lenzburger alt Stadtammann
Hans Huber

Die Genugtuung seines Niederlenzer Kollegen teilt auch der ehemalige Lenzburger Stadtammann Hans Huber: «Die regionale Zusammenarbeit hat sich tatsächlich so entwickelt, wie das von uns beiden erwartet wurde.» Beispiele gibt es zuhauf: Zusammenschlüsse von Feuerwehren, Steueramt, Zivilstandsamt, Zivilschutz, Regionalpolizei, Forstdienste und als Höhepunkt die Umwandlung der Regionalplanung in das Konstrukt «Lebensraum Lenzburg-Seetal».

Kulturchef Aargau - Hans Ulrich Glarner

Im Rahmen seiner eloquenten Ansprache zum Festakt «700 Jahre Stadtrecht» gab der damalige Chef der kantonalen Abteilung für Kultur, Hans Ulrich Glarner, seinen Mitbürgern fundamentale Erkenntnisse und Mahnungen mit auf den weiteren Weg in die Zukunft. «Das Überschaubare, das Trauliche der Kleinstadt kann auch seinen Preis haben: die Gefahr der lähmenden Selbstzufriedenheit. Ein gesundes Wechselspiel von Traditionen und Fortschritt, von Schutz und Öffnung, von Ruhe und Bewegung macht eine Stadt lebensfähig. Nähe und Distanz sind wichtig für die Identifikation. Entfremdung ist dagegen Gift. Anonymisierung macht gefährlich. Eine Stadt braucht Nischen. Denken wir in unserem Handeln gelegentlich an die Feier des Stadtrechts und lassen wir bei aller Verdichtung nicht die Nischen ausradieren mit Blick auf das sogenannte Steuersubstrat und auf ein wachsendes Verkehrsaufkommen.»

Wie beurteilt der nach Bern gezogene Mahner aus der zeitlichen und geografischen Distanz die aktuelle Situation mit all den verdichteten Quartieren und dem raschen Wachstum Richtung «richtiger» Stadt mit bald 10 000 Einwohnern? Glarner attestiert den Lenzburgern grundsätzlich «einen höheren Sinn für Traditionen als andere Gemeinden.» Die Stadtplanung ist heute mehr denn je durch den Siedlungsdruck gefordert. Es gelte, «der Uniformität der Bauten entgegenzuwirken und die Unverwechselbarkeit der Stadt zu erhalten», wobei die Denkmalpflege eine grosse Rolle spielt. Glarner stellt kritisch fest: «Lenzburg verliert teilweise seine Massstäblichkeit.» Regionale, nationale und globale Entwicklungen seien in ihren Auswirkungen auf das Lokale zu übersetzen. Im Bereich Kultur sieht der ehemalige kantonale Kulturchef eine durchaus positive Entwicklung: «Die Kultur ist ein Schlüssel zur Stadtfindung, sie stärkt die Identität und ermöglicht Identifikation. Zur Urbanität gehört eine überdurchschnittlich hohe Dichte an kulturellem Leben.» Lenzburg sei diesbezüglich vorbildlich. Gern hebt Glarner die schweizerischen Anziehungspunkte Schloss und Stapferhaus hervor, als kantonalen Schwerpunkt das Literaturhaus im Müllerhaus. Der Kanon von nationalen, regionalen und lokalen Angeboten in Lenzburg wirke gegenseitig befruchtend auf allen Ebenen: «Urbanität in ihrer angenehmsten Ausprägung.» Das Stadtjubiläum habe als Glanzstück und Meilenstein zugleich dazu beigetragen.

Seine damalige Prophezeiung, «die kollektive Erinnerung an ein solches Fest wirkt als Kitt weit über das Jahr hinaus», sieht Glarner heute bestätigt. Und fügt bei, dass es in Lenzburg wieder einmal einen solchen gemeinsamen Effort gebrauchen könnte.

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