Lenzburg
Ein Novum in der Schweiz: QR-Codes weisen blinden Menschen den Weg

Den Weg vom Bahnhof bis zum Niederlenzer Kirchweg schmücken neu farbige Tafeln. Hinter dem Pilotprojekt steckt die Fachstelle des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindewesen (SZBLIND).

Cynthia Mira
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Die speziellen QR-Codes für blinde Menschen reagieren aus den unterschiedlichsten Winkeln und auch auf Distanz.

Die speziellen QR-Codes für blinde Menschen reagieren aus den unterschiedlichsten Winkeln und auch auf Distanz.

zvg

Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen (SZBLIND) startet in Lenzburg ein Pilotprojekt mit «NaviLens»-Codes. Das sind farbige QR-Codes für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung. Eine solche digitale Hilfestellung für blinde Personen einzurichten, mag auf den ersten Blick komisch erscheinen. Schliesslich muss ein QR-Code gesehen und mit einer Handykamera avisiert werden. Nicht aber bei «NaviLens». Die App, die bereits in diversen Städten auf der Welt eingesetzt wird, reagiert über grosse Distanzen und gibt die im Code hinterlegten Informationen in gesprochenem Wort wieder.

Geschriebene Information wird über die «NaviLens»-App mündlich wiedergegeben.

Geschriebene Information wird über die «NaviLens»-App mündlich wiedergegeben.

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In Barcelona etwa lotsen «NaviLens»-Codes Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung durch U-Bahn-Stationen. Die avisierten Tafeln geben Informationen zur Umgebung wieder. Zum Beispiel, welche Bahn auf welchem Gleis fährt und wie man dorthin gelangt. Ein ähnliches Konzept setzte SZBLIND nun in Lenzburg um. Seit Juli sind auf dem Weg vom Bahnhof Lenzburg bis zum Gebäude des Vereins am Niederlenzer Kirchweg Codes vorhanden. Die digitalen Guides gehen anschliessend im Innengebäude weiter. Insgesamt sind 26 Tafeln montiert. Neben Lenzburg läuft die Testphase auch an Standorten des SZBLIND in St.Gallen und in Lausanne.

Eine kleine neue Welt tut sich auf

Die Klienten des SZBLIND wurden während der Testphase darüber informiert, dass auf dem Weg zum SZBLIND-Gebäude und im Gebäude selber «NaviLens» zum Einsatz kommt. Sie wurden darum gebeten, die App zu testen und Rückmeldungen zu geben. Die Verbesserungsvorschläge betreffen in erster Linie die hinterlegten Informationen. Diese müssen detailliert sein. Nina Hug, Co-Leiterin, Marketing und Kommunikation, sagt:

«Uns meldete zum Beispiel eine Frau, dass es ihr nichts bringt, wenn an der Tür nur darüber informiert wird, dass es eine Klingel gibt.»

Sie müsse vielmehr wissen, welchen der drei Klingelknöpfe sie betätigen soll, um zu ihrem Ziel zu gelangen.

Das SZBLIND-Gebäude in Lenzburg: Die Codes wurden auch in den Innenräumen angebracht.

Das SZBLIND-Gebäude in Lenzburg: Die Codes wurden auch in den Innenräumen angebracht.

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Ein Mann erfuhr zudem dank der Aktion, dass es einen Lift im Gebäude gibt. Erst als ihm die App mittels des QR-Codes an der Wand vor ihm mitteilte, dass sich zu seiner rechten, ein Lift befinde, sei ihm ein Licht aufgegangen. Er habe bisher immer die Treppen für die vier Etagen genommen. «Viele haben mit den Codes das Gebäude neu kennen gelernt», sagt Hug. Eine Klientin habe weiter angegeben, dass sich für sie mit der digitalen Orientierungshilfe gar eine kleine neue Welt aufgemacht habe.

Die konzeptionelle Arbeit für die Aktion leistete der Verein SZBLIND. Es musste auf den Ort und auf die genaue Position geachtet werden. Es ist zwar ausreichend, den Code nur ungefähr anzupeilen. Dennoch muss er so platziert sein, dass die Kamera in Richtung Tafel zeigt. Normalerweise halten die Personen das Handy auf Brusthöhe:

«Wir überlegten uns auch, wo die Tafeln als nicht störend für Sehende empfunden werden.»

Die Wahl für das Einsetzen der Codes im öffentlichen Raum fiel auf Lenzburg, dies wegen der hohen Frequenz der Klienten. «Es hat sich angeboten, weil wir hier viele in unserer Fachstelle empfangen und beraten», sagt Hug. Die Pilotphase sei nun abgeschlossen. Es folgt die Auswertung. Für eine Einschätzung, ob sich «NaviLens»-Codes auch an anderen Orten durchsetzen werden, ist es noch zu früh. Hug sagt aber:

«Mir ist nicht bekannt, dass das in der Schweiz schon so angeboten wird.»

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