Lenzburg
Der designierte Präsident des Einwohnerrates sagt: «Ich bin innerhalb der SP sicher nicht auf der linksten Seite»

Remo Keller kandidiert für die SP als Präsident des Lenzburger Einwohnerrats. Sollte er gewählt werden, würde er die Sachpolitik vermissen – doch das Amt sei «eine grosse Ehre», so der 34-Jährige.

Valérie Jost
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Remo Keller in der Altstadt von Lenzburg, eine Strasse von seiner Wohnung entfernt.

Remo Keller in der Altstadt von Lenzburg, eine Strasse von seiner Wohnung entfernt.

Valentin Hehli

«In der Lehre zum Kaufmann habe ich an den Stadtratssitzungen noch Kaffee serviert», erzählt Remo Keller lachend. Nun kandidiert der 34-jährige SP-Einwohnerrat in seiner fünften Legislatur – er wurde im November mit dem zweitbesten Resultat seiner Partei wiedergewählt – als Präsident des Einwohnerrats. Die Lehre bei der Stadt habe damals sein Interesse an der Politik geweckt: «Ich habe an einer Schnittstelle zwischen Verwaltung und Politik gearbeitet, das war sehr spannend.»

Mit 17 Jahren trat Keller der Lenzburger SP bei. Kurz nach seinem Lehrabschluss landete er bei den Einwohnerratswahlen auf dem zweiten Nachrutschplatz und rutschte dann 2007 in den Einwohnerrat nach. «Dass ich die Abläufe bei der Stadt schon kannte, hat mir den Einstieg ins Amt vereinfacht.» Die Faszination für die Politik blieb seither ungebrochen, es sei schön, «wenn man da, wo man wohnt und daheim ist, eigene Ideen einbringen kann.» Keller ist hier aufgewachsen und wohnte bis auf zwei kurze Auslandsaufenthalte immer in Lenzburg.

Sollte der diplomierte Steuerexperte am Donnerstagabend zum Einwohnerratspräsidenten gewählt werden – Gegenkandidaturen sind bisher keine bekannt, es könnte aber trotzdem zu einer Kampfwahl kommen –, dürfte seine Basisarbeit in der Sachpolitik bald etwas abnehmen. «Im Amt hat man in erster Linie repräsentative Aufgaben und besucht viele Veranstaltungen.» Ausserdem müsste er sich dann bei grossen Themen und den finanzpolitischen Debatten um Budget und Rechnung im Rat etwas zurückhalten mit kritischen Voten. Ob er das bedaure? «Ja und Nein», so Keller. «Einerseits ist es schade, da ich diese Diskussionen sehr schätze. Andererseits ist es eine grosse Ehre, für dieses Amt nominiert worden zu sein und allenfalls auch gewählt zu werden.»

Als Ortsbürger ist er Kanti-Befürworter

Grosse und brisante Themen, zu denen sich Keller als Präsident nicht mehr so kritisch äussern könnte wie bisher, stehen in Zukunft einige an. Etwa die im ersten Anlauf gescheiterte Modernisierung der Verwaltung und der Umzug ins Hünerwadelhaus (Projekt «MOVE»), die BNO-Revision oder der Komplettumbau des Bahnhofs. In Kellers Wohnung, an der Eisengasse bei der Altstadt, hängt bereits ein Bild der bekannten gelben Buswartehäuschen. «Die werden in einigen Jahren in Vergessenheit geraten», so Keller.

Weniger zurückhalten müsste er sich im Gremium der Ortsbürger, dem er seit dem Alter von 20 Jahren angehört. Zuletzt war dort das Zeughaus-Areal umstritten, das dem Kanton nun nach langen Diskussionen als Mittelschulstandort angeboten wird. «Ich bin überzeugt, dass eine Kanti eine grosse Chance für Lenzburg wäre», sagt Keller dazu, der für die Finanzkommission auch im Beirat sitzt. «Es wären sichere Einnahmen aus einer Quelle, die nicht der Wohnbau ist. Denn davon braucht Lenzburg nicht unbedingt noch mehr.»

SP-Mitglied mit Sympathien zum Wirtschaftsliberalen

Zu Kellers Kandidatur kam es wie folgt: Die eigentlich für das Amt vorgesehene, damalige SP-Einwohnerrätin Beatrice Taubert-Baldinger war die letzten zwei Jahre Vizepräsidentin des Rats und hätte traditionellerweise aufrücken sollen. Doch sie wurde in den Stadtrat gewählt und steht damit nicht mehr zur Verfügung. Dem üblichen Turnus gemäss ist aber die SP an der Reihe, das Präsidium zu besetzen. «Während der Diskussion bezüglich eines Ersatzes in der Fraktion fiel dann schnell einmal mein Name», so Keller. Allerdings nicht aus Eigenantrieb, wie er betont. «Die Idee kam aus der Fraktion, ehrt mich aber natürlich sehr.» Deshalb habe er die Nomination angenommen.

Der SP ist Keller seit seinem Beitritt vor mehr als 15 Jahren treu. Obwohl er auch für wirtschaftsliberale Ideen der FDP gewisse Sympathien hege: «Ich bin gesellschaftspolitisch links, aber auch reformorientiert und einfach konsequent liberal. Deshalb bin ich innerhalb der SP sicher nicht auf der linksten Seite.» Ein Parteiwechsel käme für ihn trotzdem nicht in Frage: «Ich bin am richtigen Ort. Zudem sind die meisten Leute, die einer Partei angehören, nicht in allen Belangen auf Parteilinie.»

Aufstieg zum Stadtrat momentan kein Thema

Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Einwohnerratspräsidium ein Sprungbrett für das Amt als Stadtrat darstellt. Neben der bisherigen Vize Beatrice Taubert-Baldinger war dies auch für den ehemaligen Präsidenten Sven Ammann der Fall, der neu ebenfalls im Stadtrat sitzt. Remo Keller hat jedoch, zumindest momentan, keine konkreten Ambitionen für das Amt: «Aktuell besteht mit den kürzlichen Neuwahlen sowieso keine Vakanz, und ich möchte auch meine berufliche Karriere vorantreiben können.» Als Stadtrat sei man diesbezüglich unflexibler denn als Einwohnerrat. «Trotzdem ist mein Motto hier ‹Sag niemals nie›, denn die Aufgaben im Stadtrat sind sehr spannend.»

Momentan ist Keller beruflich zu 100 Prozent eingespannt: Er arbeitet seit 2019 als Steuerexperte bei der Steuerverwaltung des Kantons Basel-Landschaft. In dieser Funktion führt er 90 Mitarbeitende in vier Abteilungen und ist Mitglied der Geschäftsleitung. «Als Kind wollte ich noch Anwalt werden», erzählt er lachend. Stattdessen führte ihn sein Weg nach der kaufmännischen Lehre von einem kleinen Treuhandbüro über ein Studium in Wirtschaftsrecht bis in den Steuerbereich.

Als Vizepräsident kandidiert GLP-Mitglied Beat Hiller. Ihn kennt Keller schon lange und gut: «Wir waren lange zusammen in der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission und konnten bisher immer sachlich diskutieren, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung waren.» Er freue sich deshalb auf die Wahl und, sollte sie ihn und Hiller für die Ämter hervorbringen, auf die neuen Aufgaben.

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