Bezirksgericht Lenzburg

Legte sich die junge Frau zwischen ihre Mutter und den Stiefvater?

Dem Angeklagten konnte keine sexuelle Belästigung nachgewiesen werden. (Symbolbild)

Dem Angeklagten konnte keine sexuelle Belästigung nachgewiesen werden. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht Lenzburg hatte sich mit einem heiklen Fall zu befassen. Es sprach einen 72-Jährigen frei.

Hat der bald 73-jährige Winfried (Name geändert) seine 24-jährige Quasi-Stieftochter Nathalie (Name geändert), beide übergewichtig, sexuell belästigt? Indem er sie an primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen berührte?

Die Aufgabe von Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger ist nicht einfach, denn die Anklägerin, Nathalie, leidet unter geistigen und psychischen Beeinträchtigungen und wird von einer Beiständin begleitet. Anwesend ist eine Übersetzerin, Nathalie spricht französisch. Auch Winfried ist nicht allein, er hat, um den Strafbefehl anzufechten, der ihm eine Busse von 1800 Franken aufbrummen will plus Gebühren und sonstige Auslagen von 1970 Franken, einen Anwalt dabei.

Sie wollte nicht als Lügnerin hingestellt werden

Immerhin: Nathalie kann für sich selber sprechen, und wenn sie eine Frage nicht versteht, fragt sie nach. Die Winfried angelasteten Vorfälle, Berührungen an den Beinen und über der Hose im Genitalbereich, Berührungen und Massierungen an den Brüsten und am Po, sollen bei Besuchen im Seetal, später im Bernbiet, stattgefunden haben, denn Nathalie lebt in einer sozialen Institution im Wallis. Aber haben sie überhaupt stattgefunden?

War sie zu Besuch, habe sie sich jeweils am Morgen zu Mutter und Winfried ins Bett gelegt. Zwischen die beiden? An den Rand neben die Mutter? Die Aussagen sind widersprüchlich, vor allem widersprechen sie den Aussagen Winfrieds, die jener macht, als Nathalie und ihre Begleitung den Gerichtssaal verlassen haben.

Warum sie der Mutter nichts gesagt habe, fragt die Richterin. Aus Angst, als Lügnerin hingestellt zu werden, sagt Nathalie. Und sie habe gewusst, dass ihre Mutter Winfried gern habe. Dabei hatten Nathalie und ihr Bruder bereits früher sexuelle Übergriffe ihres Vaters erlebt, was mit Unterstützung der Mutter aufgedeckt worden war.

Das einfache Leben des Angeklagten

Auch Winfried, Deutscher, aber seit 1962 in der Schweiz, hat kein leichtes Leben: Kindheit im Heim, keine Ausbildung, Arbeit in Landwirtschaft, Papierfabrik, Gastgewerbe, verwitwet. Seit 17 Jahren lebe er mit Nathalies Mutter zusammen. Er bezieht eine AHV-Rente mit Ergänzungsleistungen, geht spazieren, macht in einer Tagesstätte für Erwachsene Handwerksarbeiten. Und ist gesundheitlich angeschlagen, habe auch schon «dumme Gedanken» gehabt. Suizidversuche?, fragt Danae Sonderegger. Er nickt. Sieben Wochen Klinik. Regelmässig besucht er, um mit einem Arzt zu reden, ein Psychiatriezentrum. Elektronische Geräte wie Handy und Tablet, das wird mehrmals deutlich, kann er nicht ausstehen; lieber sieht er fern.

Ein Fall «im Zweifel für den Angeklagten»

Winfrieds Verteidiger weist auf unterschiedliche Aussagen von Nathalie und ihrer Mutter hin. Es bleibe offen, ob die Vorfälle stattgefunden haben; Beweise aber fehlten, Ungereimtheiten blieben. Nathalies Glaubwürdigkeit dürfe angezweifelt werden. So habe Nathalie dem Winfried, als das Verfahren schon lief, auf dem Bahnhof ein «Müntschi» gegeben. Auch habe sie Winfried weiterhin mit den Füssen den Rücken massiert. Und das gerne. Im Zweifel für den Angeklagten, dafür plädiert der Verteidiger.

Dem schliesst sich die Gerichtspräsidentin an. Zudem habe Nathalie am meisten Emotionen gezeigt, geweint, als es um das Aufladen und den Gebrauch des Tablets in Winfrieds Wohnung gegangen sei, nicht aber bei den ersten Einvernahmen zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung und der Ausnützung einer Notlage. Ungereimtheiten eben. Auf die Frage, was ihr bei den Besuchen unangenehm gewesen sei, erwähnt Nathalie die vorgehaltenen Delikte erst an dritter Stelle. Unangenehmer waren, dass man nicht hinausging und dass ihr der Handygebrauch zum Spielen verboten wurde. Danae Sonderegger spricht Winfried in beiden Punkten frei. Mit Kostenfolgen für den Staat.

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