Othmarsingen
Leben im alten Bahnhofgebäude: «Charles hat für die Bahn gelebt»

Eröffnung des Heitersbergtunnels, ein schlimmes Zugunglück und das Leben im alten Bahnhofgebäude: Elisabeth Lehmann blickt zurück auf die 32-jährige Dienstzeit ihres Mannes Charles als Stationsvorsteher.

Ann-Kathrin Amstutz
Drucken
Teilen
Die Aufnahme stammt von der Eröffnung des Heitersbergtunnels anno 1975. V. l.: Charles Lehmann und sein Rangierteam Hans Byland, Cesar Stofer und Max Berner.

Die Aufnahme stammt von der Eröffnung des Heitersbergtunnels anno 1975. V. l.: Charles Lehmann und sein Rangierteam Hans Byland, Cesar Stofer und Max Berner.

zvg

Am 3. Dezember wurde der Bahnhof Othmarsingen nach dem Ausbau feierlich eingeweiht. Ein Bahnhof mit einer bewegten Geschichte. Elisabeth Lehmann (92) hat den Wandel über Jahrzehnte aus nächster Nähe miterlebt. Von 1956 bis 1988 war ihr Ehemann Charles Lehmann Stationsvorsteher. Seither ist viel Zeit verstrichen, doch Elisabeth Lehmanns Erinnerungen an ihren schon lange verstorbenen Charles sind wach und farbig.

32 Jahre lang leistete Charles Lehmann Dienst im Othmarsinger Bahnhof. Er begann in einer Zeit, als die Weichen noch von Hand verstellt wurden. Dazu musste einer mit dem Velo zur Weiche radeln. Elisabeth Lehmann erinnert sich, wie Charles einmal um ein Uhr nachts losmusste, «weil die Weiche nicht mehr ging». Damals habe sie oft Angst um ihn gehabt, sagt Elisabeth Lehmann.

Für Charles war nie ein anderer Beruf infrage gekommen. Als Kind einer Französin und eines Schweizers sprach Charles nur Französisch, als die Familie aus den Vogesen in die Schweiz zügelte. Vier Jahre alt war er damals. Da bekam der kleine Charles von seiner Mutter den Auftrag, am Bahnhofkiosk eine französische Zeitung zu kaufen. «Als er nach Hause kam, wusste er: ‹Ich will Chef de Gare werden.›» Charles Lehmanns Leidenschaft für die Bahn war entfacht – und sollte sein ganzes Leben lang nicht erlöschen.

Ohne Heizung und Kühlschrank

In den ersten Jahren in Othmarsingen, von 1956 bis 1967, lebten Charles, Elisabeth und die drei Kinder im alten Bahnhofgebäude. Es waren Zustände, wie sie heute kaum mehr vorstellbar sind. «Weder Zentralheizung noch Kühlschrank gab es im Haus. Bloss im Büro wurde geheizt. Manchmal hat mein Mann die Tür einen Spalt geöffnet, damit ein wenig Wärme herüberkam», erzählt Lehmann. Oft sei sie krank geworden im Winter, obwohl sie immer wollene Unterwäsche getragen habe. Das Bahnhofgebäude war Wohn- und Arbeitsort zugleich. Während Elisabeth Milch aus dem Keller schleppte und morgens um fünf Uhr die Wäsche erledigte, gingen die Bahnhofbeamten bei Lehmanns ein und aus. Charles habe das oft ungemütliche Leben nichts ausgemacht, so Elisabeth Lehmann. «Dass er seinen Traumberuf ausüben konnte, war ihm wichtiger als eine schöne Wohnung.»

Bald jedoch sollten sich die Lebensbedingungen bessern. Nach zwei Jahren Bauzeit wurde 1967 der neue Bahnhof fertiggestellt. Hier bezog Familie Lehmann die neue Wohnung, endlich in einem Haus mit Zentralheizung. «Wir waren glücklich», sagt Elisabeth Lehmann. Auf ihren Mann kamen bahnbrechende Veränderungen zu. Nämlich verfügte der Bahnhof über ein neues Stellwerk, und zwar über die beste Ausführung, die damals existierte. Das erfüllte Charles Lehmann mit grossem Stolz.

Tunneleröffnung und Zugunglück

Die Bedeutung des Bahnhofs Othmarsingen als Kreuzungspunkt der Nord-Süd- und der West-Ost-Achse habe Charles gereizt, erzählt Elisabeth Lehmann. «Othmarsingen war eine grosse Aufgabe, die Können erforderte.» So erlebte Charles Lehmann Ereignisse wie die Eröffnung des Heitersbergtunnels im Jahr 1975. Ein absoluter Höhepunkt in seiner Laufbahn.

Doch wenige Jahre später überschattete ein Unglück die bis dahin erfolgreiche Dienstzeit des Othmarsinger Stationsvorstehers. Am 18. Juli 1982 kollidierten ein Güterzug und ein Nachtschnellzug in der Nähe des Bahnhofs Othmarsingen. Der Lokführer des Güterzugs hatte ein «Halt»-Signal missachtet. Sechs Menschen starben, knapp hundert wurden verletzt. Das Zugunglück sollte als eines der schlimmsten in die Geschichte der SBB eingehen.

Das ist nun über 30 Jahre her. Elisabeth Lehmann kann nicht mehr genau sagen, wie ihr Mann den Unfall verkraftet hatte. Charles habe nicht gross darüber gesprochen, Diskretion sei ihm sehr wichtig gewesen. «Fragen hatte er gar nicht gerne. Ich habe gelernt, das zu akzeptieren.» Und das Leben sei auch nach dem Unglück weitergegangen.

In den Worten von Elisabeth Lehmann wird Charles lebendig. Ein strenger, aber gerechter Vater. Ein Bähnler durch und durch, der nie stillsitzen konnte. Seine Freizeit verbrachte er in der Männerriege, im Volleyballverein oder beim Fischen am Hallwilersee. «Er ist schampar gerne gereist.» Elisabeth Lehmann sagt zum Schluss: «Auch wenn der Beruf oft hart war, hat er nie gejammert. Charles hat für die Bahn gelebt. Wenn einer so närrisch ist, braucht er gar nicht mehr.»