Es war einmal ein Bauer. Der Bauer besass ein schönes Haus mit Geranien vor den Fenstern; dazu Land und Wald zum Bewirtschaften. Er hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Aus dem Sohn wurde ein Lehrer. Die Tochter hatte zusammen mit ihrem Mann vier Kinder, der Schwiegersohn war ebenfalls Bauer. Vor dem Haus des alten Bauern stand ein Dengelstock. Das ist ein Quader aus Stein, aus dem ein Metallstück ragt.

Am Metallstück hat der Bauer die Klinge der Sägesse flachgeklopft, um sie nachher mit dem Wetzstein zu schärfen, wenn sie von den vielen abgehauenen Grashalmen stumpf geworden war. Zum Dengeln hat sich der Bauer auf den Steinblock gesetzt. Damit es etwas bequemer und nicht so kalt war, hat er ein Fell daraufgelegt. Als der Bauer starb, wurden seine Besitztümer unter den zwei Kindern verteilt. Sie konnten sich gütlich einigen; der Sohn erbte das Bauernhaus, die Tochter das Land.

Doch beim Dengelstock hörte die Gütlichkeit auf: Sohn und Schwiegersohn wollen den Steinblock für sich haben. Mehr als fünf Jahre dauert der Streit um den Dengelstock schon. Als letzter Ausweg beschloss der Sohn, seinen Schwager vor Gericht zur Rückgabe des begehrten Objekts zu zwingen.

Dengelstock im Wald versprochen

Im Frühling 2012 musste der Sohn nämlich eine unliebsame Entdeckung machen, als er das Fell auf dem Dengelstock vor dem Elternhaus entsorgen wollte. «Der Dengelstock war weg», sagte er vor dem Bezirksgericht Lenzburg. «Ich dachte, jemand habe ihn gestohlen.» Sofort fuhr er zum Hof seines Schwagers, um die traurige Kunde zu überbringen. Dieser war alles andere als traurig. «Ich habe den Dengelstock geholt, er steht auf meinem Sitzplatz», hatte er damals gesagt. Mit diesem Akt begann der Streit um den Dengelstock.

«Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Schwiegervater», sagt der Schwiegersohn vor dem Bezirksgericht Lenzburg aus. Im Laufe der Verhandlung lässt er das «Schwieger» weg, wenn er über den verstorbenen Bauern spricht. «Er hat sehr an meinen Kindern gehangen. Wenn wir am Sonntag nicht zu Besuch waren, hat er am Montag angerufen und gefragt, wo wir waren», sagte der Schwiegersohn. Der Schwiegervater habe ihm den Dengelstock versprochen. «Nach dem Sturm Lothar habe ich ihm mit meinen Buben im Wald beim Aufräumen geholfen», sagte er.

Ein Seitenblick zum Kläger. «Der Schwager glänzte durch Abwesenheit.» Damals, im Wald, habe der Schwiegervater gesagt, dass er den Dengelstock haben könne. Davon will der Sohn nichts hören. «Ich habe das Haus geerbt. Im Erbteilungsvertrag steht ‹inklusive Fahrhabe›.» Er habe zuerst nachlesen müssen, was das bedeute. Doch der Dengelstock gehöre für ihn ganz klar dazu. Der Schwiegersohn sieht das anders. «Der Dengelstock wurde mir versprochen.» Auf der Zuschauerbank sitzt eine Frau zwischen den beiden Männern. Schwester des Klägers, Ehefrau des Beklagten. Wenn ihr Bruder spricht, schüttelt sie manchmal den Kopf und hält sich die Hand vor den Mund.

Keine Einigung vorstellbar

So streiten Sohn und Schwiegersohn schon seit Jahren. Der Willensvollstrecker hat das Mandat niedergelegt. Der Notar, der beim Erbteilungsvertrag den Kläger vertreten hatte, trat vor Gericht als Zeuge auf. «Ich habe angeboten, auf eigene Kosten einen Ersatzdengelstock zu beschaffen, damit beide einen haben können», sagte der Jurist. Der Vorschlag stiess auf Granit härter als der Stein des Dengelstocks. «Ein Vergleichsvorschlag scheint auch aussichtslos zu sein», vermutet Gerichtspräsidentin Beatrice Klotz. Nicken auf beiden Bänken. Ein Dengelstock-Deal ist unvorstellbar.

1500...

...Franken soll der materielle Wert des umworbenen Dengelstocks betragen. Im Internet werden Exemplare mit Sitzbank aus Holz oder Stein für unter hundert Franken angeboten. Für den Kläger und den Beklagten zählt jedoch der ideelle Wert.

So lag es an der Gerichtspräsidentin, zu entscheiden, wer den Dengelstock sein Eigen nennen darf. Was zählt mehr, der Erbteilungsvertrag oder das mündliche Schenkungsversprechen? Die Gerichtspräsidentin hat die Klage abgewiesen. Der Dengelstock darf vorläufig auf dem Sitzplatz des Schwiegersohns bleiben. Die Begründung für dieses Urteil folgt – wie bei Zivilprozessen üblich – erst auf Verlangen der Beteiligten. Die Gerichtskosten von 1013 Franken sowie die Anwaltskosten des Beklagten fallen zulasten des Klägers. Sieg für den Schwiegersohn. Doch die Dauer und Intensität des Streits lassen vermuten, dass die letzte Sägesse noch nicht gedengelt wurde.