Hallwil

Kündigungswelle bei Lehrern – Eltern wollen Kinder von Schule nehmen

Primarschule Hallwil: «Die Situation ist schwierig», heisst es beim Kanton. Pascal Meier

Primarschule Hallwil: «Die Situation ist schwierig», heisst es beim Kanton. Pascal Meier

Die kleine Primarschule Hallwil wird von einer beispiellosen Kündigungswelle erschüttert. Mehrere Konflikte schwelen schon länger. Der Unterricht leidet, eine Schülerin muss deshalb repetieren. Der Kanton spricht von einer «schwierigen Situation».

Der 2. Dezember steckt den Schülern der altersgemischten 4., 5. und 6. Klasse der Primarschule Hallwil noch in den Knochen. An jenem Freitagmorgen teilte die Klassenlehrerin den 25 Mädchen und Buben mit, dass sie ihre Sachen sofort packen müsse. Die Lehrerin war kurz zuvor freigestellt worden, obwohl sie bereits auf Ende Januar 2017 gekündigt hat. Die Kinder weinten, die Eltern waren überrumpelt.

Die Hintergründe der Freistellung sind nicht bekannt. Fakt ist jedoch: Die Klassenlehrerin der Mittelstufe war zuvor eine Woche lang krank gewesen. Der Unterricht fiel aus. Und sie war nicht die einzige, die nicht zur Arbeit erschien: Auch die beiden Lehrerinnen der gemischten Unterstufe (1.–3. Klasse) und die Kindergarten-Lehrerin fehlten mehrere Tage. «Grippe», hiess es von der Schulleitung.

Es steckt mehr dahinter. Recherchen der az zeigen: Die Primarschule Hallwil hat massive Probleme. Das Resultat ist eine Fluktuation, die aufhorchen lässt:

Sommer 2015: Die beiden Lehrkräfte von Kindergarten und Mittelstufe kündigen.

Sommer 2016: Die Unterstufen-Lehrerin kündigt. Auch die Englisch-Lehrerin und die Schulische Heilpädagogin verlassen die Primarschule Hallwil.

Oktober 2016: Die neue Schulische Heilpädagogin springt während der Probezeit schon wieder ab.

2. Dezember 2016: Die Lehrerin der Mittelstufe wird freigestellt.

Dezember 2016: Die Lehrerinnen von Kindergarten und Englisch kündigen per Ende Semester, unter anderem wegen der Freistellung ihrer Kollegin.

Das Schul- und Gemeindehaus Hallwil

  

Das sind massive Verwerfungen im kleinen Lehrerkollegium. Die drei Klassen von Kindergarten, Unter- und Mittelstufe werden lediglich von vier Klassenlehrerinnen und sechs Fachlehrkräften unterrichtet.

Instabil ist auch die Schulleitung, die mit den Partnergemeinden Boniswil und Leutwil (Schule «Drüwil») organisiert ist: Gesamtschulleiter Peter Felder geht per Ende Januar 2017. Sein Stellvertreter, zuständig für die Schule Hallwil, war vergangene Woche krank.

Sechstklässler lernten zu wenig

Die ständigen Wechsel und Stellvertretungen belasten den Unterricht. Es ist ein offenes Geheimnis, das viele Hallwiler Schüler nach dem Übertritt an die Seenger Oberstufe Probleme haben. Das zeigte sich dramatisch im Sommer 2015: Damals hatte die nun freigestellte Lehrerin die Mittelstufe übernommen. Sie stellte bei den Sechstklässler grosse Wissenslücken fest. Es drohte schon Anfang Schuljahr die Zuteilung an die Realschule. Eine Mutter forderte deshalb, dass ihre Tochter die 6. Klasse wiederholen darf. Die Schulpflege genehmigte das Gesuch und bot auch den anderen Schülern eine Repetition an.

In einem Schreiben, das der az vorliegt, spricht die Schulpflege von «markanten Defiziten der 6. Klasse»; dies wegen «wiederholten Krankheitsausfällen» des vorherigen Lehrers, «zahlreichen Lehrerwechseln» sowie des «auf Sozial- und Selbstkompetenz ausgerichteten Unterrichts» des Lehrers. Der betreffende Lehrer war beliebt, aber umstritten: Er war kreativ, engagierte sich für die Kinder, vernachlässigte aber manchmal den Schulstoff. Persönliche Probleme der Schüler waren ihm wichtiger als Rechnen und Schreiben.

Die Schülerin wiederholt nun deshalb im Moment die 6. Klasse. Und hat doppelt Pech: Die freigestellte Lehrerin ist ihre Klassenlehrerin. «Ein harter Schlag vor dem Übertritt an die Oberstufe», empört sich Mutter Stefanie Tremmel. «Das Theater an der Schule geht schon mehrere Jahre, jetzt muss etwas passieren.» Sie werde ein Gesuch schreiben, um ihr zweites Kind an einer anderen Schule zu platzieren.

Andere Eltern äussern sich gegenüber der az ähnlich: Mindestens zwei Familien möchten sogar aus Hallwil wegziehen.

Gemeinderat mischt sich ein

Die Probleme sind so gravierend, dass der Kanton involviert ist. «Die Schwierigkeiten betreffen alle Ebenen der Schule», sagt Monica Morgenthaler, Leiterin der Sektion Schulaufsicht. «Es geht um Wechsel in der Schulpflege, bei der Schulleitung und bei den Lehrpersonen.» Morgenthaler spricht von einer «schwierigen Situation». Die Schulaufsicht arbeite eng mit der Schulpflege zusammen.

Hört man sich in der Schule und bei Eltern um, ist von drei Konflikten die Rede:

Gestörtes Verhältnis: «Jeder gegen jeden – und die Kinder leiden», fasst eine Mutter die Stimmung zusammen. Dies habe sich verschärft, als die nun freigestellte Lehrerin 2015 die Wissenslücken der Schüler bemerkte. «Die Lehrerin arbeitete streng nach Lehrplan. Einige Schüler hatten schlechte Noten, Eltern reklamierten.» Die Schulpflege schien zudem überfordert, es gab viele Wechsel. Lehrer klagten über fehlende Unterstützung der Schulführung. Anfang November forderten sie einen Runden Tisch mit Schulpflege und Gemeinderat. Erfolglos.

Schlechte Kommunikation: Es werde zu spät oder gar nicht informiert. Zum Beispiel über Wechsel in Lehrerkollegium, Schulleitung und Schulpflege. Als vor zehn Tagen die Lehrerin der Mittelstufe freigestellt wurde, erfuhren Eltern und Lehrerkollegium dies erst im Nachhinein.

Streit um Kompetenzen: Die Schulpflege hat die strategische Verantwortung über die Schule und ist dem Gemeinderat gleichgestellt. In Hallwil verschwimmt diese Grenze. Das sagen mehrere Personen aus dem Umfeld des Lehrerkollegiums sowie Eltern. Der Gemeinderat mische sich in die Schule ein und habe mitentschieden, dass die Lehrerin der Mittelstufe freigestellt werden soll. Das belegt eine E-Mail, die in Hallwil die Runde machte und der az vorliegt. Im Schreiben weist der Gemeinderat die Schulleitung an, mit der Lehrerin wegen «krankheitsbedingten Ausfällen in unnatürlichem Ausmass» zu sprechen. Bringt die Lehrerin kein Arztzeugnis bis zum Schluss ihrer Anstellung Ende Januar, soll sie freigestellt werden. Anstellungsbehörde ist aber die Schulpflege. «Die Schulpflege ist nur noch die Assistentin des Gemeinderates», empört sich eine Hallwilerin.

Die Schulpflegepräsidentin war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch Gemeindeammann Walter Gloor möchte sich nicht äussern. «Es ist sinnvoller, die Probleme in Gesprächen vor Ort anzugehen und nicht über die Medien», sagt Gloor. «Diese Woche werden drei Informationsabende mit den Eltern durchgeführt.» Diese würden von der Schulpflege organisiert. Gloor: «Ebenso ist der Gemeinderat vertreten.»

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