Lenzburg
Kreiselschmuck gefunden: Bis zu 20'000-jährige Findlinge bei A1-Zubringer-Baustelle ausgegraben

Bei der A1-Zubringer-Baustelle sind mehrere Findlinge zum Vorschein gekommen. Momentan dienen sie auf dem Areal der Baustelle als Wegmarkierung oder Abschrankung. Ihnen wird jedoch eine ganz besondere Ehre zuteil.

Janine Gloor
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Die Findlinge sind mit den Gletschern der letzten Eiszeit vom Alpenraum ins Mittelland gereist. Kim Wyttenbach

Die Findlinge sind mit den Gletschern der letzten Eiszeit vom Alpenraum ins Mittelland gereist. Kim Wyttenbach

Kim Wyttenbach

Wenn diese Steinbrocken sprechen könnten. Vor vielen tausend Jahren sind sie mit einem Gletscher durch die halbe Schweiz gereist und in der Gegend von Lenzburg zurückgelassen worden. Dort schlummerten die Findlinge in der Erde, bis sie von den Arbeitern gefunden wurden, die beim Knoten Neuhof ein Loch für den Tunnel ausheben.

Selten sind sie nicht, die Findlinge, die bei Bauarbeiten im Lindfeld regelmässig auftauchen. Aber immer wieder ein Grund zum Staunen. Den grössten Vertreter der Lenzburger Findling-Familie kennt jedes Kind: den grossen Römerstein. Mit einer Waldhütte geadelt, wurde er zum beliebten Ausflugziel.

Die Findlinge sollen im Zentrumdes Kreisels Gexi platziert werden.

(Quelle: Christoph Brenner)

Die Findlinge, die beim Tunnelaushub zum Vorschein gekommen sind, kommen nicht an die Grösse eines Römersteins heran. «Wir haben ungefähr ein Dutzend Steine gefunden», sagt Christian Brenner, Leiter Abteilung Tiefbau. «Die grössten haben einen Durchmesser von zweieinhalb Metern.» In wenigen Meter Tiefe sind sie von den Arbeitern entdeckt und mit dem Bagger ans Tageslicht gehievt worden.

Ein Überbleibsel des Gletschers

Auch bei den Bauarbeiten zu den Neubauten der Hero und der Kromer-Druckerei mussten zuerst Findlinge aus dem Weg geräumt werden. Bei beiden Gebäuden wurden die Steinbrocken auf dem Areal platziert.

Eine Augenweide sind sie meistens nicht und doch zollt man den Findlingen einen gewissen Respekt, sind sie doch ein Gruss aus einer Zeit, die so lange her ist, dass wir sie uns kaum vorstellen können. «Die Findlinge in unserer Region sind mit dem Reussgletscher gekommen», sagt der Lenzburger Geologe Hans-Peter Müller. In der Würm-Eiszeit, vor ungefähr 20'000 Jahren, lag Lenzburg am Ausläufer des Gletschers, der hier seine Passagiere ablud.

Zum Teil sind sie von ganz hinten im Reusstal über das Gebiet des heutigen Vierwaldstättersees bis ins Mittelland getragen worden. Oder sie sind unterwegs aufgesprungen. «Es ist auch möglich, dass sie aus einem Seitenstrom zum Reussgletscher kamen oder etwa durch einen Bergsturz.» Aus diesen Gründen müssen die Findlinge auch nicht alle aus dem gleichen Gestein sein. Der grosse Römerstein zum Beispiel ist aus Granit. «Der kommt von ganz weit hinten», sagt Hans-Peter Müller.

Auch die Findlinge aus der Baugrube des Tunnels werden nicht gebrochen oder abgeführt, wie Brenner versichert. Momentan dienen sie auf dem Areal der Baustelle als Wegmarkierung oder Abschrankung. Ihnen wird jedoch eine ganz besondere Ehre zuteil: Sie werden zum Kreiselschmuck befördert. «Wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, sollen sie im Zentrum des Kreisels Gexi platziert werden», sagt Christian Brenner.

Schon früher befand sich in der Kreiselmitte ein Steingarten als Erinnerung an die eiszeitliche Vergangenheit. Doch die alten Steine waren gar nicht alle aus Lenzburg. Dies kann nun mit den neuen Findlingen korrigiert werden. «Ich finde es gut, dass wir das so machen können», sagt Brenner. Als Abteilungsleiter Tiefbau kennt er sich mit dem Untergrund von Lenzburg aus, vom Mägenwiler Muschelkalk bis zum Sandstein am Schlossberg.