Seit 1978 arbeitet Peter Tschan für die SBB und ist seit 1992 bei der Betriebswehr. Der Kommandant-Stellvertreter der Betriebswehr Olten hat schon einiges gesehen bei seinen Einsätzen. «Reibungslos gehen unsere Arbeiten nie vonstatten. Es gibt immer wieder Punkte, wo man sagen muss: Das geht so nicht.» Das war auch in Lenzburg der Fall. Nach der Kollision eines Güterzuges mit einem Personenzug waren in der Nacht auf vergangenen Mittwoch mehrere Waggons entgleist. «Als ich am Morgen um 7.30 Uhr am Unfallort ankam, hiess es, man wolle die Fahrzeuge von der Schiene nehmen und auf der Strasse abtransportieren. Dies hatte das Team der Fahrzeugtechnik in der Nacht entschieden», sagt Tschan. Die Krane standen schon bereit. Doch als es tagte, fragten sich die Beteiligten: «Warum müssen wir die Waggons denn von den Schienen nehmen?»

Tschan schlug vor, mit den zwei bereits in der Nacht bestellten Kranen die Fahrzeuge aufs Gleis zurückzustellen. «Ich arbeite gerne mit Kranen bei Aufgleisungen, darum nennt man mich den Kran-Tschan», erklärt der Oltner. Er wolle seine Leute nicht unnötiger Arbeit aussetzen. Wenn er mit einfachen Mitteln ein Problem lösen könne, dann greife er darauf zurück – auch wenn es ein wenig mehr koste. Und siehe da, nach Absprache mit den verantwortlichen Kranführern wurden die Waggons angehoben – möglichst schonend. «Es brauchte viel Fingerspitzengefühl, wir mussten uns im Team immer wieder absprechen», so der 58-Jährige.

Gleise total gesperrt

Doch die Aufgleisung war mit einigen Risiken verbunden. Also forderten die Verantwortlichen eine Totalsperrung der Gleise von 13.30 bis 16 Uhr an. «Der angehobene Waggon oder auch die Fahrleitungen hätten auf das noch befahrene Gleis schwenken können», sagt Tschan. Eine Totalsperrung versprach zudem einen effizienteren Einsatz. «Wenn wir nur in kleinen Zeitfenstern hätten arbeiten können, hätte sich das Ganze verkompliziert und verzögert.»

Jedoch war es an diesem Arbeitstag bitterkalt und der Schnee behinderte die Arbeiten. «Beim Abstellen der Waggons mussten wir immer wieder Holz unterlegen und verschieben, doch die Barren waren nach kurzer Zeit angefroren. Wir mussten sie immer wieder wegschlagen. Das war Knochenarbeit», schaut Tschan zurück. Hinzu kam das Problem, dass die Mitarbeiter teilweise fast übermotiviert waren. «Wenn wir die Waggons anhoben, wollten sie die Holzbarren schnell darunter schieben. Das barg Gefahrenpotenzial, denn wir wussten zuvor nicht, was mit den Waggons passieren würde, wenn wir sie einmal angehoben haben.» So musste Tschan die Arbeiter zurückhalten, bis der Waggon stabil und ruhig war.

Mit Tee und Kaffee aufwärmen

Die Arbeiter meisterten aber nicht nur diese heiklen Aufgaben, sondern auch die Kälte. Tschan selber blüht nach eigener Aussage bei kalten Temperaturen auf. «Und wir konnten immer wieder Leute in ein nahe gelegenes Gebäude der SBB schicken.» Dort konnten sie sich mit Tee und Kaffee aufwärmen. Trotzdem waren für Tschan manchmal fast zu viele Personen auf dem Unfallplatz: «Das machte mir ein bisschen Angst wegen der Verantwortung in Sachen Arbeitssicherheit. Aber es funktionierte alles. Sogar noch während der Aufgleisung reparierten Kollegen beispielsweise nebenan die Weiche.»

Doch die Beteiligten waren nicht immer einer Meinung. Man müsse halt vieles ausdiskutieren, meint Tschan. «Ich empfand es als sehr produktiv, wie man sich in der Gruppe absprach und immer wieder sagte: Jetzt machen wir das, dann das und so weiter.» Das sei für ihn und seine Mannen bei Aufgleisungen normal. Denn jeder Einsatz der Betriebswehr sei anders. Es gebe zwar einen roten Faden, aber man wisse nie genau, was auf einen zukomme. «Das Ziel ist immer, das Fahrzeug schonend zu bergen. Was kaputt ist, ist kaputt, was ganz ist, soll ganz bleiben.» Deshalb liessen sie, so gut es ging, Vorsicht walten.

Zweieinhalb Stunden bis Olten

Es kann jedoch vorkommen, dass etwas schiefläuft. Dann müsse man aus den Fehlern die Lehren ziehen. «Wir haben auch in Lenzburg dazugelernt. Wir wissen nun, was solche Fahrzeuge vertragen.» Tschan ist zufrieden: «Wenn solche Einsätze so reibungslos auch in Zukunft ablaufen, bin ich glücklich.»

Übrigens wurden die defekten Waggons in der Nacht auf Freitag von Lenzburg nach Olten gefahren – nur im Tempo von 10 km/h. Ausserdem wurde kein Gegenverkehr zugelassen. So traf der havarierte Zug nach zweieinhalb Stunden Fahrt in Olten ein, wo die Komponenten nun untersucht werden. Dann wird entschieden, was weiter passiert. Mit dieser Entscheidung hat Tschan nichts mehr zu tun, doch es interessiert ihn brennend, was mit den Waggons geschieht.