Bei der Primarschule Hallwil geht es seit Monaten drunter und drüber. Im November meldeten sich gleich mehrere Lehrer krank, der Unterricht fiel tagelang aus. Grippe, hiess es aus dem Büro der Schulleitung. Recherchen der az zeigten dann: Die Grippe ist ein Symptom, erkrankt ist der Schulbetrieb.

Das lässt sich belegen: Seit Sommer 2015 haben an der Schule Hallwil über ein Dutzend Lehrkräfte gekündigt. Für eine kleine Dorfschule, an der gemäss Website derzeit vier Klassenlehrpersonen sowie sechs Fachlehrkräfte unterrichten, ist das eine Kündigungswelle.

Mehrere Wechsel gab es auch in der Schulleitung und der Schulpflege, teilweise waren diese krankheitsbedingt. Und der Aderlass ist nicht vorbei: Diese Woche hat erneut eine Lehrerin die Kündigung eingereicht. Nach weniger als einem Jahr an der Schule Hallwil.

Die Probleme sind vielschichtig und haben tiefe Wurzeln. Kurz zusammengefasst: Das Verhältnis zwischen Lehrern, Schulpflege und Gemeinderat ist gestört. Lehrer klagen über schlechte Kommunikation, schwierige Rahmenbedingungen und eine grosse Belastung im Unterricht – unter anderem wegen Defiziten bei Schülern. Zudem würden an der Hallwiler Primarschule Kompetenzen überschritten, unter anderem mische sich der Gemeinderat in Personalentscheide an der Schule ein.

Das belastet den Schulbetrieb. Die kantonale Schulaufsicht spricht von «Schwierigkeiten auf allen Ebenen» und ist an der Schule präsent. Leidtragende sind die Schüler: Als im Dezember die Lehrerin der altersgemischten 4. bis 6. Primarstufe Knall auf Fall freigestellt wurde, brach Chaos aus.

Dutzende verstörter Kinder liefen weinend aus dem Schulhaus, die anderen Lehrer waren überrumpelt. Die Eltern fielen aus allen Wolken und mussten zu Hause ihre Kinder trösten. Sie wussten nicht, wie es mit dem Unterricht weitergeht.

Hilferuf an die Schulpflege

Jetzt spitzt sich die Situation weiter zu. Fünf Lehrer haben beim Lenzburger Bezirksschulrat Aufsichtsbeschwerde gegen die Hallwiler Schulpflege eingereicht. Unterstützt und begleitet werden sie vom kantonalen Lehrerverband. Der siebenköpfige Schulrat ist Beschwerdeinstanz gegen Entscheide von Schulpflegen.

Die az hatte Einsicht in die Beschwerde. In dieser listen die Lehrkräfte in 20 Punkten auf, was aus ihrer Sicht an der Primarschule schiefläuft. Die Kernpunkte: Die Schulpflege ignoriere Qualitätsmängel an der Schule – Mängel, die seit Jahren bekannt seien. Bildungsdefizite und Defizite in der Sozialkompetenz der Schüler etwa.

Die Schulbehörde ignoriere zudem Empfehlungen von Lehr- und Fachpersonen, wenn Schüler besondere Formen der Unterstützung benötigen. Die grossen Klassen und die enorme Spannweite zwischen starken und schwächeren Schüler erschweren den Unterricht, der mit mehreren Jahrgängen in einem Klassenzimmer bereits anspruchsvoll ist, so die Lehrer. Krankheitsausfälle und Kündigungen seien die Folge.

Am 31. Oktober 2016 schrieb das Hallwiler Lehrerkollegium deshalb der Schulpflege einen Brief. Ein Hilferuf: Die Qualitätsprobleme auf allen Ebenen seien so gross geworden, dass die Lehrer die Verantwortung für die Lernziele nicht länger tragen konnten. Laut Aufsichtsbeschwerde hat die Schulpflege bis heute nicht auf das Schreiben reagiert. Die Lehrer folgern daraus in der Beschwerde: «Die Schulpflege nimmt die Sachlage nicht ernst.»

Auf Nachfrage sagte eine der Lehrerinnen der az: «Wir konnten den Schulbetrieb in Hallwil nicht länger mittragen, wir hätten sonst gegen unseren Berufsauftrag verstossen.» Die Lehrerin hat deshalb gekündigt, genauso die meisten anderen Lehrpersonen, welche die Aufsichtsbeschwerde unterzeichnet haben.

Neue Schulleitung vor Ort

Die Hallwiler Schulpflegepräsidentin Susanne Siemensmeyer kann sich wegen des laufenden Verfahrens nicht zum Fall äussern. Die Schulpflege habe in der Zwischenzeit beim Bezirksschulrat eine Stellungnahme eingereicht.

Siemensmeyer hält gegenüber der az fest, dass an der Hallwiler Schule «viele Massnahmen getroffen wurden»: «Seit 1. Februar haben wir eine neue Schulleitung vor Ort und das Team ist wieder komplett.» Diese Woche habe allerdings eine Lehrperson, die Teilzeit arbeitet, per Ende Monat gekündigt.

Gut eingelebt hätten sich zudem die 6.- Klässler, die seit kurzem statt in Hallwil in den Nachbargemeinden Boniswil und Seengen zur Schule gehen und dort im Sommer an die Oberstufe wechseln. Diese Massnahme war nötig, weil die Lehrerin der 6.-Klässler im Dezember freigestellt worden war.

Wann der Schulrat über die Beschwerde entscheidet, ist nicht bekannt. Präsidentin Barbara Kissling äusserte sich wegen des laufenden Verfahrens nicht dazu.