Lenzburg

Kleingewerbler glaubt an seine Chance

Guido Keller (rechts) war gestern Morgen früh der erste Kunde von Esther und Stephan Büchli im neuen Ladenlokal an der Augustin-Keller-Strasse. Sandra Ardizzone

Guido Keller (rechts) war gestern Morgen früh der erste Kunde von Esther und Stephan Büchli im neuen Ladenlokal an der Augustin-Keller-Strasse. Sandra Ardizzone

An der Augustin-Keller-Strasse 20 wagt die Bäckerei Büchli einen Neustart – trotz harter Konkurrenz im nahen Umfeld. Das soll mit Herzblut funktionieren: «Wir identifizieren uns mit unserem Beruf und haben Freude an dem, was wir machen.»

Vor kurzer Zeit wurden an der Augustin-Keller-Strasse 20 noch Bilder gerahmt. Doch seit gestern duftet es nach frisch gebackenem Brot. Die Bäckerei Büchli, über viele Jahre hinweg an der Bahnhofstrasse ansässig, hat direkt neben der West-Apotheke ein neues Laden-Lokal eröffnet. Und trotzt damit einer ganzen Schar von Mitbewerbern in der Nähe.

Es ist Dienstagmorgen, 6.20 Uhr. Hurtig reiht Esther Büchli Brote in die Lücken im ausladenden Brotgestell hinter der Theke. Der unvergleichliche Duft von Frischgebackenem hängt in der Luft. Sie verspüre eine gesunde Nervosität, sagt Büchli und nimmt die nächste Zaine zur Hand. Darin sind riesige Nussgipfel aus Hefe- und Blätterteig. Gerade erst wurden sie aus dem Ofen genommen und mit glänzendem Fruchtguss überzogen. Gut 25 Zentimeter lang ist so ein Gipfel, eine «Büchli»-Spezialität. Sorgfältig legt Esther Büchli das Gebäck in die Auslage, wo es schon eine ganze Reihe gluschtiger Patisserie hat. Und unzählige Kleinbrote und Sandwiches mit verschiedenen Füllungen. Kaum hat Esther Büchli das letzte Gebäckstück versorgt, steht der erste Kunde in der Ladentür. Es ist Guido Keller. Und er kauft gleich zwei Nussgipfel. «Meine Freundin und ich lieben Büchlis Nussgipfel. Es sind einfach die besten», holt Keller zum Werbespot aus. Und schon erscheint der nächste Kunde. Jetzt geben sich die Leute die Türklinke sozusagen in die Hand. «Guete Morge Herr Müller», sagt Esther Büchli freundlich. Alle, die sich am frühen Morgen hier ihr Znüni besorgen und ein Brot einkaufen wollen, werden persönlich begrüsst. Esther und Stephan Büchli kennen ihre Kunden.

Mitbewerber in der Nähe

Für Aussenstehende mag der Entscheid Büchlis, noch einmal einen Neustart zu wagen, couragiert erscheinen. Immerhin sind beide über fünfzig Jahre alt. Hinzu kommt die Konkurrenz der Grossverteiler im nahen Umfeld. Und diese ist in Zukunft beachtlich: Im neuen Geschäftshaus, das am ehemaligen Standort der Bäckerei gebaut wird, zieht später eine Denner-Filiale ein. Unweit der neuen Adresse befindet sich ein Coop und im Bahnhof soll in Zukunft ein Brezelkönig entstehen.

Auch das Ehepaar Büchli hat die Situation ausgelotet und ist für sich persönlich zum Schluss gekommen, den Schritt zu wagen. «Wir sind überzeugt, dass wir mit unserem Kleinbetrieb auch in diesem harten Umfeld eine grosse Chance haben. Wir spüren, dass die Kundschaft das Persönliche schätzt», sagt Stephan Büchli.

Büchlis sind Vollblut-Gewerbler. «Wir identifizieren uns mit unserem Beruf und haben Freude an dem, was wir machen», sagen sie. Die Selbstständigkeit aufzugeben, war für sie deshalb kaum eine Option. Als sie jedoch vor drei Jahren die Kündigung erhielten, waren sie zuerst etwas ratlos. Wie sollte es in Zukunft mit dem Geschäft weitergehen? Für ein neues Ladenlokal zeichnete sich keine Lösung ab – die Situation schien für Familie Büchli ausweglos. Doch dann kam – gerade im richtigen Zeitpunkt – das Angebot von Kurt Urech, mit seinem Bilderrahmengeschäft in den hinteren Hausteil zu ziehen und im Ladenlokal an der Strasse eine Bäckerei einzurichten.

Für Büchlis war Urechs Offerte wie ein Geschenk des Himmels. Kurt Urech selber hat für seinen Schritt einen irdischen Grund parat. «Es kann doch nicht sein, dass in Lenzburg ein weiteres Geschäft verloren geht, nur weil es offenbar an Platz mangelt.»

Backstube in der Industrie

An der Augustin-Keller-Strasse haben Büchlis lediglich ein Verkaufsgeschäft eingerichtet. Die Backstube hat Stephan Büchli schon vor längerer Zeit in ein Industriegebäude an der Lenzhardstrasse ausgegliedert. Von dort aus beliefert er auch Restaurants, Detailhändler, Vereine und öffentliche Institutionen rund um Lenzburg. Büchlis Haupteinnahmequelle ist jedoch der Laden. «Das traditionelle Handwerk wird von unseren Kunden geschätzt. Daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern», sagt Stephan Büchli.

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