Lenzburg
Kirchlich heiraten muss nicht konventionell oder brav sein

Immer weniger Paare heiraten kirchlich. Die Landeskirchen im Kanton Aargau sind deshalb zum ersten Mal an einer Hochzeitsmesse vertreten und wollen mit den Klischees über kirchliche Trauungen aufräumen.

barbara vogt
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Andrea und André Zehnder sind schon verheiratet. Für die Broschüre der reformierten Landeskirche posieren sie vor der Kirche Kirchberg. André Scheidegger

Andrea und André Zehnder sind schon verheiratet. Für die Broschüre der reformierten Landeskirche posieren sie vor der Kirche Kirchberg. André Scheidegger

Im Aargau treten immer weniger Hochzeitspaare vor den Altar: Von insgesamt 3123 Trauungen 2013 wurden bloss 254, das sind acht Prozent, in einer reformierten Kirche gefeiert (ökumenische Trauungen eingeschlossen). Bei der römisch-katholischen Kirche waren es 251 Trauungen.

Nun sind die Aargauer Landeskirchen erstmals an der Lenzburger Hochzeitsausstellung am Wochenende vertreten. Mit ihrer Teilnahmen hoffen sie, dass sich wieder mehr Paare in der Kirche und nicht nur auf dem Zivilstandsamt das Ja-Wort geben. «Der persönliche Auftritt an der Hochzeitsmesse ist für uns eine der wenigen Möglichkeiten, um mit Heiratswilligen in Kontakt zu kommen», sagt Frank Worbs, Kommunikationsleiter der reformierten Landeskirche des Kantons Aargau.

Unter dem Titel «Kirchlich heiraten – himmlisch schön» betreiben die reformierte, die römisch-katholische und die christkatholische Landeskirche einen eigenen Stand. 20 reformierte und katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger beantworten Fragen von Brautpaaren, verteilen Kerzen in Herzform und Broschüren. Diese beinhalten unter anderem Themen zu kirchlichen Trauungen unterschiedlicher Konfessionen oder gleichgeschlechtlicher Paare (Kasten rechts).

Weddingplaner als Konkurrenz

Schwule und Lesben erhalten nur eine Segnung

In der Broschüre «kirchlich heiraten – himmlisch schön», die die Aargauer Landeskirchen an der Hochzeitsmesse verteilen, gehts auch um die Verheiratung homosexueller Paare. Demnach bieten die reformierte, die römisch-katholische und die christkatholische Kirche gleichgeschlechtlichen Paaren die Möglichkeit einer Segnungsfeier. «Wir befürworten und unterstützen solche Feiern», sagt Frank Worbs von der reformierten Landeskirche Aargau. Man könne die Pfarrerin oder den Pfarrer jedoch nicht dazu verpflichten, ein homosexuelles Paar zu segnen.
Die Segnung von schwulen oder lesbischen Paaren ist einer herkömmlichen Trauung nicht gleichzusetzen, bei der die Paare einander ein Eheversprechen geben. Der Unterschied liegt in der liturgischen Gestaltung. Die Synode habe sich nach langer Diskussion für die Bezeichnung «Segnung» entschieden, sagt Worbs. Damit signalisiert sie, dass sie die Verheiratung gleichgeschlechtlicher Paare nicht mit anderen Paaren gleichstellt. «Wichtig ist jedoch, dass wir alle Paare akzeptieren, wie sie sind.»
Kurt Adler von der römisch-katholischen Landeskirche sagt, dass bei einer solchen Segnung offiziell der Mensch und der gemeinsame Weg der Verheirateten, jedoch nicht das Paar gesegnet werde. Es liege allerdings im Ermessen der Seelsorger, wie diese die Segnungsfeier gestalteten, so Adler. (bA)

Zu einer echten Konkurrenz für die Kirchen sind Weddingplaner geworden, sagt Worbs. «Diese Anbieter organisieren ganze Arrangements und Rituale ausserhalb der Kirche.» Auch Zivilstandsämter würden Trauungen im Vergleich zu früher einen feierlichen Hauch verleihen. Individuelle Hochzeitsfeiern sind gefragt, so Worbs. «Durch Facebook und Twitter haben sie eine neue Dimension erhalten, die Paare stellen sich richtig dar.»

Mit ihrem Auftritt an der Hochzeits-Expo will die Kirche ein falsches Bild korrigieren, sagt Worbs. «Trauungen in Kirchen müssen nicht konventionell oder brav sein. Paare und Seelsorger können diese gemeinsam kreativ gestalten.» Nur dürfe die Würde des Raums nicht verletzt werden. Filmcrews etwa, die die kirchliche Trauung als Show einfingen, lenkten ab, und auch Tiere seien ungern gesehen. Die Kirchen seien für Trauungen unter freiem Himmel offen. Die Segensworte müssten einfach in einem geeigneten Rahmen stattfinden, meint Worbs, denn die gesprochenen Worte sollen bewusst wahrgenommen werden: «Bei einem Tauchgang oder Fallschirmabsprung wird das unmöglich.»

Auch Kurt Adler von der römisch-katholischen Kirche stellt fest, dass es Hochzeitspaaren vermehrt ein Bedürfnis ist, sich in die Trauung mit einzubringen. In den Hochzeitsvorbereitungskursen, die er durchführt, würden die Paare Musikvorschläge machen oder eigene Rituale und Eheversprechen gestalten. Nur draussen wollten die wenigsten heiraten, der sakrale Raum sei den Hochzeitspaaren nach wie vor wichtig.

Zweimal im Hochzeitskleid

Kirchliche Botschaften zwischen Make-up, Hochzeitskleidern, Blumenarrangements und Reiseangebote, für Flitterwochen an der Hochzeitsmesse Lenzburg – geht das? «Auf alle Fälle», sagt Organisator Roland Frey. «Wir sind offen für alle Aussteller. Je ausgefallener, desto besser.» Er hätte gerne regionale Zivilstandsämter bei der Expo dabei gehabt, diese winkten aber ab.

In der Broschüre «Kirchlich heiraten – himmlisch schön» posieren zwei Hochzeitspaare, ein katholisches und ein reformiertes. Andrea und André Zehnder aus Lenzburg haben dafür extra ihre Kleider aus dem Kasten hervorgeholt, die sie vor acht Jahren für ihre Hochzeit getragen haben. «Sie passten noch», sagt André Zehnder lachend. Nur der Hintergrund ist ein anderer: Auf der Broschüre stehen die beiden vor der reformierten Kirche Kirchberg, sie liessen sich damals in der Kirche Staufberg trauen.

Hochzeitsmesse Lenzburg
24 Aussteller sind an der Expo vom 21. und 22. Februar im Müllerhaus dabei.

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