Seengen
Kirche nimmt Asylbewerber auf: «Wir predigen viel, da sollten wir eine Vorbildfunktion einnehmen»

Bis Anfang Jahr blieben noch neun junge Asylbewerber in der unterirdischen Zivilschutzunterkunft zurück. Seit dem 6. Januar sind auch sie überirdisch untergebracht – im Pfarrhaus.

Michael Küng (Text und Foto)
Merken
Drucken
Teilen
Im ersten Stock des Pfarrhauses leben seit Anfang Jahr neun Afghanen in einer 5½-Zimmer-Wohnung.

Im ersten Stock des Pfarrhauses leben seit Anfang Jahr neun Afghanen in einer 5½-Zimmer-Wohnung.

Michael Küng

Die reformierte Kirche Seengen nahm die letzten neun Asylbewerber auf, die von der Gemeinde vor zwei Jahren notgedrungen in der unterirdischen Zivilschutzunterkunft (ZSA) Hubpünt einquartiert worden waren.

In Erwartung der Flüchtlinge setzte sich die Gemeinde bereits 2015 mit der reformierten Kirchgemeinde an einen Tisch, um gemeinsam ein Konzept für die Unterbringung und Betreuung der Asylbewerber auszuarbeiten. Die Kirchgemeinde umfasst nebst Seengen auch Boniswil, Egliswil und Hallwil.

Als die Flüchtlinge kamen, wurden sie mangels Alternative in der Zivilschutzanlage einquartiert. Erst nach einem Jahr fand die Gemeinde ein privates Wohnhaus, in dem zehn junge Afghanen unterkommen konnten. Ein weiterer bekam von seiner Praktikumsstelle eine Übernachtungsmöglichkeit. So blieben bis Anfang Jahr noch neun junge Männer in der ZSA zurück. Seit dem 6. Januar sind auch sie überirdisch untergebracht – im Pfarrhaus.

Aus der Situation das Beste machen

«Früher wurde das Pfarrhaus von der Pfarrfamilie bewohnt», sagt Pfarrer Jan Niemeier (47), der in Boniswil lebt. Seine Kollegin Susanne Meier-Bopp (48) ist selbst noch als Pfarrerstochter im Seenger Pfarrhaus aufgewachsen. Heute wohnt sie in der Gemeinde und betreut als Pfarrerin die Kinderkirche. «Für heutige Verhältnisse ist das Pfarrhaus sehr grosszügig. Deshalb haben wir beschlossen, das Haus in zwei Wohnungen zu unterteilen», sagt Jan Niemeier.

Das hat dazu geführt, dass die obere Wohnung nun von den Flüchtlingen genutzt werden kann. Zuvor hatte die Kirchgemeindeversammlung die Kirchpflege mittels Mandat dazu beauftragt, für die Asylbewerber eine Lösung zu finden.

«Wir sind sehr froh, dass es geklappt hat, das war uns ein wichtiges Anliegen», sagt Niemeier. «Menschen, die Hilfe benötigen, zu unterstützen, ist einer derjenigen Grundaufträge der Kirche, denen sie noch nachkommen kann», sagt Susanne Meier-Bopp. «Wir sind bestrebt, aus der Situation das Beste zu machen.»

Die Kirchgemeinde ist auch für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig. «Die beiden Hauptbetreuer werden von vielen Freiwilligen aus der Gemeinde unterstützt. So helfen zum Beispiel Familien mit den Hausaufgaben», sagt Niemeier.

«Im Pfarramt predigen wir viel, da ist es naheliegend, dass wir auch eine Vorbildfunktion einnehmen und offene Türen haben, um Menschen in Not zu helfen», sagt Sandra Karth (30), die das dreiköpfige Pfarrerteam komplettiert. Sie bewohnt die untere Wohnung des Pfarrhauses.

Keine Container in Seengen

Ursprünglich wollte die Gemeinde Seengen einige der Flüchtlinge notdürftig in Containern unterbringen. Gedacht waren sie vor allem für Familien.

«Die Bewilligung für die Container wäre vorhanden, doch konnten wir auf diese verzichten, weil wir andere Lösungen gefunden haben», sagt Alexandra Weber, Leiterin der Sozialen Dienste der Gemeinde. «Natürlich kann sich die Lage aber wieder ändern. Deshalb ist es durchaus möglich, dass wir später wieder auf das Aufstellen von Containern zurückkommen werden», sagt sie.