«De Schuelwäg isch nume blöd.» Jeremias rümpft die Nase. Dass er ausgerechnet in den Ferien den Schulthek montieren und mit Schwester und Eltern die Strecke zur Schule marschieren soll, passt dem 6-Jährigen gar nicht in den Kram, er wüsste Besseres zu tun. Der Knabe wohnt mit seiner Schwester Meret und den Eltern an der Bollbergstrasse. Jeremias besucht die 1. Klasse im Schulhaus Mühlematt, Meret ist 3.-Klässlerin und geht ins Angelrain.

Die zwei Kinder aus dem östlichen Teil der Stadt zeigen der az Aargauer Zeitung ihren gut einen Kilometer langen Schulweg und erklären, wo Gefahren lauern und sie deshalb ganz besonders aufpassen.

Mit der Schulreform nämlich konzentriert Lenzburg die Primarschule auf die Schulanlage Angelrain. Eltern aus dem Westquartier zeigten sich daraufhin besorgt über den neuen Schulweg ihrer Kinder ins weiter entfernte Angelrain. Dies hat zu Diskussionen geführt.

Gefahr in der Tempo-30-Zone

Der Bollbergweg ist eine Tempo-30-Zone. Doch bereits auf dem ersten Wegstück nach wenigen Schritten lauert die erste Gefahrenzone. Vor der Einmündung in die Niederlenzerstrasse ist eine lange unübersichtliche Kurve (1).

Diese Strecke ist für Jeremias und Meret samt ihren Gspändli aus dem Quartier auch ein wenig Spielplatz vor und nach der Schule. «Siehst du, an den Gartenmauern wächst Moos. Das kann man wegnehmen und schöne Nästli formen damit», erzählt Meret.

Jeremias eilt davon, er klettert lieber den Stützwall unter der SBB-Brücke hoch. Dieser wurde mit aufgeschichteten Steinen erstellt.

Der Schulweg führt weiter auf dem Trottoir entlang der verkehrsreichen Niederlenzerstrasse bis zur Kreuzung «Freiämterplatz» (2). Hier ballt sich der gesamte Verkehr von der Kerntangente Richtung Autobahn und umgekehrt.

Zu den Hauptverkehrszeiten gibt es an manchen Tagen massiven Rückstau in beide Richtungen. Die stark frequentierte Kantonsstrasse müssen Jeremias und Meret täglich bis zu viermal überqueren.

Weniger Konzentration in der Gruppe

Die Geschwister drücken bei der Lichtsignalanlage den Knopf für die Fussgängerampel. Und warten. Rot heisst warten, grün bedeutet gehen. Tatsächlich? «Die Kinder wissen, dass sie sich nicht darauf verlassen dürfen, dass grün marschieren bedeutet», sagt Anna Bolliger, die Mutter der beiden.

Beide haben an dieser Stelle schon brenzlige Situationen erlebt: «Wir hatten grün, trotzdem ist der Lastwagen mit Vollgas weitergedüst», erinnert sich Jeremias. Und wie hat der Junge reagiert? Er habe dem Lastwagen «Dummkopf» nachgerufen, sagt er und kichert. Damit war für ihn die Sache erledigt.

Sind die Kinder im Rudel unterwegs, weiss Mutter Anna, sind sie zusätzlich gefordert: Reden, laufen, miteinander «händeln» und dabei erst noch auf den Schulweg achtgeben, ist gar nicht so einfach. Auch aus diesem Grund ist der «Freiämterplatz» eine heikle Passage: Hier treffen die Kinder nämlich auf ihre Kollegen von der Othmarsingerstrasse (u.a. Quartier vis-à-vis Neubau Hero).

Diese haben bereits ein beträchtliches Wegstück entlang der verkehrsreichen Hendschikerstrasse zurückgelegt. Nur wenige Meter nach der Kreuzung wartet die nächste Schwierigkeit: die Ausfahrt vom Geschäftshaus «Malaga» (3).

Für Anna Bolliger ist dies die unberechenbarste Stelle auf dem Weg. Hier sind die Fussgänger ebenso wie der motorisierte Verkehr gefordert. Bodenschwellen zwingen die Fahrzeuge, ihr Tempo zu reduzieren.

Kinder verstehen Aufregung um Schulweg nicht

Weiter gehts durch das Marktmattenquartier und zur Publikumsunterführung beim «Müli Märt» (4). An dieser Stelle scheinen die Kinder sicher unterwegs zu sein. Anna Bolliger lacht.

«Mitnichten, hier kommen die Fussgänger den Rasern auf zwei Rädern in die Quere, die aus allen vier Himmelsrichtungen heranpedalen.» Also ist auch da höchste Achtsamkeit gefragt.

Jetzt sind es nur noch wenige Meter – dann kommen die Primarschulhäuser in Sicht. Jeremias ist froh. Er versteht die plötzliche Aufregung um seinen Schulweg sowieso nicht. «Es ist ein Weg wie alle andern», meint er. Und überhaupt mache das Laufen mit den Gspändli aus dem Quartier viel mehr Spass als mit einer von der Zeitung.

Eltern müssen ihren Kindern vertrauen

«Der Schulweg», so schreibt der Fachverband «Fussverkehr Schweiz» auf seiner Website, «ist mehr als nur eine Strecke von A nach B. Hier schliessen Kinder Freundschaften, entdecken die Welt. Sie werden aber auch selbstständig und beweglich, lernen Situationen richtig einzuschätzen und bekommen Vertrauen in die eigene Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit.»

Eine Haltung, die Merets und Jeremias Eltern, die Pädagogen Anna Bolliger und Kurt Brumann, grundsätzlich teilen: «Wir sind uns bewusst, dass die Kinder das Stück Freiheit des Schulwegs brauchen. Es ist für sie ein wichtiges Lehrstück zum eigenverantwortlichen Handeln.»

Die Eltern haben der Situation gegenüber ambivalente Gefühle. Die gefährlichste Stelle auf der täglichen Wegstrecke ihrer Kinder habe entschärft werden können (Kontext oben). Mit dem vielen Verkehr sind sie trotzdem nicht glücklich.

Die Angst marschiere mit, jeden Tag aufs Neue, sagen sie. «Lernen, unseren Kindern zu vertrauen, das ist der ‹Lehrblätz›, den wir Eltern machen müssen», bekennt Anna Bolliger.