Kalt war es an jenem 28. Februar 1947 und geschneit hat es. Und zwar so stark, dass der Bus, welcher die Hochzeitsgesellschaft im Talhaus Schofise abholen sollte, auf halber Strecke stecken blieb. In ihren dünnen Festgewändern vor Kälte schlotternd, tasteten sich Braut und Hochzeitsgäste vorsichtig den spiegelglatte Weg hinunter. Dort konnte man endlich in den Car einsteigen, der die Hochzeitsgesellschaft in die Kirche nach Aarau fuhr.

70 Jahre ist das her. Heute vor sieben Jahrzehnten haben Nelly Fehlmann aus Schafisheim und Max Rodel aus Niederlenz den Bund fürs Leben geschlossen. Im wahrsten Sinn des Wortes. «Wir waren blutjung, gerade mal 20 Jahre alt», sagt Nelly. Weshalb hat es den beiden denn so pressiert? «Damals gab es halt die Pille noch nicht», meint Max mit einem Augenzwinkern. Sie nicken einander verschmitzt lächelnd zu. Selbst das Tuscheln der Leute damals habe ihnen nichts anhaben können. Nein, bereut hätten sie nichts in ihrem Leben, gar nichts, sind sie sich einig.

Nelly und Max Rodel als fesches Brautpaar am 28. Februar 1947.

Nelly und Max Rodel als fesches Brautpaar am 28. Februar 1947.

Gemeinsam den 70. Hochzeitstag feiern zu dürfen, ist ein aussergewöhnliches Ereignis, das nur sehr wenigen Brautpaaren zuteil wird. Weil in diesem Zusammenhang gerne von einer «Gnade» gesprochen, ist es nicht verwunderlich, dass dieses Ehejubiläum als Gnadenhochzeit bezeichnet wird.

Nochmals ins Tessin

Nelly Rodel blüht richtig auf beim Erzählen. Anekdote um Anekdote sprudelt aus ihr heraus, wenn sie über die 70 gemeinsamen Jahre mit ihrem Mann spricht. Max sitzt neben seiner Frau auf dem Sofa im Wohnzimmer, lächelt, nickt, wenn sie erzählt, ergänzt, widerspricht, wenn er es für nötig hält. So, als Nelly Rodel sich an die Schofiser Nachbarin erinnert, die sie wegen des trostlosen Wetters am Hochzeitstag zu trösten versuchte. «Wenn es einer Frau aufs Brautchränzli schneit, so wird sie reich.» Damals habe sie nicht daran glauben mögen, aber heute müsse sie sagen, es gehe ihnen gut. Max Rodel schüttelt leicht den Kopf und neckt seine Frau. «Wir sind nicht reich geworden.» Doch, doch, meint Nelly und zupft am Taschentuch, das sie in den Händen hält, «nur etwas gesünder sollte man sein, damit man das Geld auch brauchen könnte.» Gerne möchten sie noch einmal ins Tessin fahren, viele Jahre haben sie dort jeweils ihre Ferien verbracht. Die milden Temperaturen und das italienische Ambiente haben es Nelly und Max Rodel besonders angetan. Im Moment erholen sich beide von einem Spitalaufenthalt.

Die Liebe wartete in der Kirche

Amors Pfeil hat Nelly und Max Rodel früh getroffen. Es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Blutjung waren das Meitli aus Schofise und der Jüngling aus Niederlenz, als sie sich beim gemeinsamen Religions-Unterricht, damals nannte man es Kinderlehre, in der Kirche auf dem Staufberg kennelernten. Noch jetzt schwärmt Nelly von der ersten Begegnung. «Er hat mir auf den ersten Blick gefallen. So ein Hübscher und Sportlicher. Ich war grad in ihn verliebt.» Auch für Max war Nelly das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Und schön schlank noch dazu. Eine Schlanke habe er immer gewollt, sagt er und schmunzelt. «S Gschleik hett denn bim Tanze agfange.» Max war ein guter Tänzer. Selbst auf dem Tanzparkett konnte keiner mit ihm mithalten. Zumindest bei Nelly nicht: «Keiner konnte so gut tanzen wie er.» Bei manch anderem Tänzer habe sie jeweils gedacht, «der wäre gar nichts für mich». Ein Welschlandaufenthalt trennte die beiden. Aber nur kurz. Als sie sich als 18-Jährige wieder begegneten, sei die alte Liebe sofort wieder entflammt. Diesmal für immer.

Schriftsteller Kurt Marti

Wie schwierig war der gemeinsame Start für die beiden jungen Menschen in der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg? Rodels winken ab. «Wir hatten zwar kaum mehr als die Kleider, die wir am Leib trugen. Doch wir waren jung und voller Zuversicht. Und wir wussten, dass wir anpacken konnten», sagt Nelly Rodel.

Und das haben sie auch getan. Weil Max’ Schreiner-Lohn von zwei Franken in der Stunde nicht gerade weit reichte, hat Nelly eine Zeit lang mitgearbeitet. «Zehn Jahre war ich in der Conservi auf dem Büro.» Dabei sparte die junge Familie jeden Franken. Nach sieben Jahren konnten sie das Haus kaufen, in dem sie heute noch leben. Ihr Vorgänger sei Schriftsteller Kurt Marti gewesen, damals Pfarrer in Niederlenz. Er ist kürzlich in Bern gestorben.

Wer Nelly und Max Rodel so einträchtig auf dem Wohnzimmer-Sofa sitzen sieht, wagt sich kaum zu fragen, ob am Rodelschen Ehehimmel auch mal Wolken aufgezogen sind. Beide lachen. «Wohl, het’s öppe mol krachet.» Und «Doch, s’isch scho öppe mol chli spitz gsi.» Lange habe ein Streit jedoch nie gedauert. Nellys Rat für Paare in Krisenzeiten: «Nie im Krach ins Bett gehen, sondern vorher reinen Tisch machen.» Nelly schmunzelt. «Immer han
i noche gäh.»

Vor drei Jahren ist die Tochter, 63-jährig, gestorben. Beide tragen schwer an diesem Schicksalsschlag. «Seit wir unser Kind verloren haben, ist nichts mehr wie vorher», sagt Nelly. Seit dieser Zeit ringt sie mit ihrer Gesundheit.

Jetzt wird gefeiert

Nelly und Max Rodel wohnen nicht ganz alleine in ihrem Haus. Gesellschaft leistet ihnen Labrador Bumo. Mit der heutigen Gnadenhochzeit beginnt für das Paar ein wahrer Festreigen. Beide dürfen nämlich in den kommenden Tagen und Wochen auch noch ihren
90. Geburtstag feiern.