Lenzburg
Keine Sommerpause in der Lenzburger Rathausgasse

Das Städtchen Lenzburg ist nicht verschlafen, wie es böse Zungen behaupten. Schon gar nicht an einem Sommermorgen während der Sommerferien. Die Sommerreporterin der az setzt sich in ein Café und schaut dem bunten Treiben zu.

Barbara Vogt
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Das Städtchen Lenzburg ist nicht verschlafen, wie es böse Zungen behaupten.

Das Städtchen Lenzburg ist nicht verschlafen, wie es böse Zungen behaupten.

Die Türen zu den kleinen Läden stehen einladend offen, vor einem Café schwatzt eine Wandergruppe. Eine Frau stöckelt hüfteschwingend über die Steine. Kokett lächelt sie einem Herrn zu. Der versucht ebenso kokett zurückzulächeln. Ein Pudel trottet neben seinem Herrchen her. Eine junge Asiatin hält eine Tüte frischen Koriander in der Hand. Sie blickt sorgenvoll drein.

Für eine Stunde setzt sich die Sommerreporterin vor das «Art Cigar», um diesem bunten Treiben zuzuschauen. Andere Schaulustige sitzen auch da, schön in Reih und Glied. Alt az-Redaktor Heiner Halder (der Titel Stadtoriginal trifft ebenso auf ihn zu) trinkt Kaffee, raucht jedoch nicht. Über Mittag «chöie» er dann zwei Stumpen, erzählt er halbernst. Die Reporterin dankt Gott im Stillen, ihren früheren Arbeitskollegen angetroffen zu haben. Weil dieser sozusagen alles über Lenzburg weiss, jeden Einwohner kennt und sein Städtchen so sehr liebt, dass ihn keine zehn Pferde hinausbringen würden.

Neben Halder sitzen auch Kunstmaler Fritz Huser und die neue grüne Einwohnerrätin Johanna Bossert Keist. Sie palavern über Gott und die Welt, tuscheln über ein Liebespaar und ein anderes Paar, das soeben vom Standesamt auf die Gasse getreten ist. «Wie lange geht es, bis sich das Paar wieder scheiden wird?», fragt jemand. Polo Hofer habe in seiner 1.-August-Ansprache gesagt, die Hälfte der Nation sei intelligent. «Dazu gehören die Geschiedenen.»

Überhaupt habe der Polo eine super Rede gehalten, finden die drei. Johanna Bossert erzählt, sie habe zwar die Feierlichkeiten verpasst, dafür sei sie am Flughafen Zürich von ihrer Kulturreise aus Deutschland mit einer Geschenkbox, in der sich eben Hofers Rede, ein Emmentaler-Laib und ein Lampion befanden, empfangen worden. Maler Huser erhebt sich. Er geht jetzt wieder zurück in den «Dichterkuhstall» oder, etwas kultivierter ausgedrückt, ins Müllerhaus, wo er sein Atelier eingerichtet hat. Er schwingt sich auf sein Fahrrad der englischen Marke Royal Roadster. «Fahre ja nicht auf der falschen Seite wie es die Engländer tun», rufen ihm seine Kollegen zu. «Solange oben nicht unten ist, ist mir alles egal», erwidert er prompt.

Die Kulisse an der Rathausgasse hat sich verändert: Ein Mädchen hüpft über die Strasse, eine Frau mit Krücken kommt nur mühsam voran. Dafür schreitet Vizeammann Daniel Mosimann energisch daher. Er ist braun gebrannt, in bester Sommerlaune und mit seiner Frau zum Mittagessen verabredet. Eine Gruppe Herren taucht auf. «Die Gerichtsgelehrten vom Schneeflöcklihaus», raunt Halder der Nachbarin ins Ohr. «Und schau, da kommen noch die feine Angestellten von der Bank.»

Frisch-fröhlich winkt er dann einem Mann zu: «Unser Stadtoriginal Tori.» Dieser trägt ein T-Shirt, das vorne Gladiolen und hinten einen Mann in Frack und Zylinder zeigt. «Der Mann bin ich», erklärt Tori stolz. «Das war auf meiner Abschiedstournee nach 30 Jahren als Kübelmann.»

Noch lange hätten die zwei Schreiberlinge sitzen bleiben können. Doch die eine musste weiter und der andere in seine Stube, um an seinen Texten für die Lenzburger Neujahrsblätter zu schreiben.