Überlebenskampf

Keine Post, keine Beiz, kein Laden mehr – das ist Ammerswil, die kleinste Bezirksgemeinde

Das Dorf aus der Luft: Ein Flug mit der Videodrohne über Ammerswil.

Das Dorf aus der Luft: Ein Flug mit der Videodrohne über Ammerswil.

Düstere Aussichten für die kleinste Bezirksgemeinde, doch Gemeindeammann Hanspeter Gehrig will keine Fusion.

Golden liegen die letzten Herbstsonnenstrahlen über Ammerswil. Autos brausen auf der Hauptstrasse aus dem rund drei Kilometer entfernten Lenzburg Richtung Freiamt – und umgekehrt. Ein Traktor mit Anhänger verlässt laut knatternd den Gemüsehof Barmettler. Dessen Gemüsekulturen prägen die Dorf-Ein- und -Ausfahrt. Sonst ist an diesem frühen Nachmittag im Dorfzentrum keine Menschenseele auszumachen.

Ein VW-Bus mit Schwyzer-Kontrollschildern hält auf dem Parkplatz vor dem Volg. Ein junger Mann in Büezer-Montur steigt aus, eilt in den Laden, kommt mit einem Energie-Drink und einem Schoggistängeli in der Hand wieder zurück, hüpft wieder ins Auto und fährt davon. Die Volg-Ladentür bleibt offen. Doch nicht mehr für lange. Am 5. Januar 2017 ist Schluss. Vergangenen Monat hat der Verwaltungsrat der Landi Hallwilersee das Ende des Ladens besiegelt. Die Kostenstrukturen stimmen nicht mehr (az vom 22. 9.).

Bank, Post und Beiz haben längst dicht gemacht. In der früheren «Rütli»-Gaststube werden Wohnungen gebaut. Die «Sonderbar» ist ebenfalls zu. Ein Mobil-Netz sucht man vergebens – der geplanten Funk-Antenne schlägt aus dem Dorf heftige Opposition entgegen. Und bald gibts hier auch keine Milch und kein Brot mehr zu kaufen.

Düstere Aussichten für die kleinste Bezirksgemeinde, wie es scheint. Gemeindeammann Hanspeter Gehrig mag diese Einschätzung nicht teilen. Seit zehn Jahren ist er hier Ammann in einem 30-Prozent-Pensum. Er findet, «ein gutes Dorf definiert sich nicht einzig über einen Laden.» Zwar bedauert auch er den Schritt der Landi Hallwilersee, auch er hätte es lieber anders gesehen. Die Gemeinde habe das Mögliche getan, um den Laden zu behalten, alles steuern könne sie jedoch nicht. Gehrig nimmt die Ammerswiler in Pflicht. Der Volg scheitert am zu tiefen Umsatz bei zu hohen Kosten. Letztendlich habe der Konsument selber entschieden.

Ansprechpartner im Dorf

Auch wenn die Infrastruktur im Dorf besser sein könnte, sei Ammerswil ein lebenswerter Ort, sagt Gehrig. «Ammerswil ist sehr schön und ruhig gelegen, von Wald umgeben und doch nahe der Zentren Lenzburg und Wohlen.» Hinzu kämen gute Busanbindung in beide Richtungen, Autobahn und Verbindung ins Freiamt seien ebenfalls in der Nähe.

Mitten im Dorf steht das Gemeindehaus, auch «Weisses Haus» genannt wegen des Fassadenanstrichs seit der jüngsten Sanierung. Viele Verwaltungsaufgaben hat die kleinste Bezirksgemeinde ausgelagert. Schule, Forst, Betreibungsamt, Feuerwehr nach Lenzburg, Steuern und Bauverwaltung nach Seengen, fürs Abwasser ist man der ARA Falkenmatt beigetreten. Trotzdem sind auf der Gemeindekanzlei die Schalter zu Bürozeiten geöffnet. Gehrig will, dass «seine» Bevölkerung für heikle Angelegenheiten eine Ansprechperson hat im Dorf und «nicht in irgendeiner anonymen Verwaltungsmühle landet.»

Zwei Wachstumsschübe

Der Gemeindeammann wirbt für sein Dorf: Neuzuzüger würden in Ammerswil schnell Anschluss finden. Schule, Waldspielgruppe, private Kinderhütedienste, «Kultur Ammerswil» und Vereine, zählt er die Kennenlern-Plattformen auf. Von den Vereinen haben einige allerdings auch schon bessere Zeiten gesehen.

Gehrigs Werbespot zum Trotz: Die Attraktivität Ammerswils als Wohnort ist aktuell eher bescheiden. Die Bevölkerung ist gar leicht rückläufig. Derzeit liegt sie bei 673 Einwohnern. Zweimal hat Ammerswil einen Wachstumsschub erlebt: Vor 30 Jahren, als im Geissbühl Einfamilienhäuser gebaut wurden. Und vor bald 20 Jahren stieg die Bevölkerung dank dem neuen Reiheneinfamilienhaus-Quartier an Rebrainstrasse/Schoorenweg von Lenzburg herkommend am Dorfeingang innert weniger Jahre um 50 Prozent auf über 600 Personen.

Sorgenkind Schule

Zwar steigt die Schülerzahl derzeit wieder: Von 82 im Jahr 2013 auf 95 2017. Wie es mit der Schule in Zukunft weitergeht, hängt letztlich vom Sparprogramm des Kantons ab. Das bereite ihm schon etwas Sorge, sagt Gehrig. Zudem fehle dem Dorf mittelfristig der Nachwuchs, um die Primarschule, die im übrigen der Regionalschule Lenzburg angeschlossen ist, im Dorf halten zu können. Grund: «Der Neuzuzug von jungen Familien geht zu langsam voran», bedauert Gehrig.

Kein Wohnraum

Das Angebot an Wohnraum, zudem noch zahlbarem, ist bescheiden. Die leeren Häuser und Wohnungen im Dorf können an einer Hand abgezählt werden. Dem abzuhelfen, wird schwierig werden. Die aktuelle Siedlungspolitik kommt Ammerswil gar nicht entgegen. Verdichtung der Dorfzentren heisst das Schlagwort. Oder anders ausgedrückt: Blöcke anstelle beschaulicher Einfamilienhäuser. «Diese Auflagen sind für Ammerswil illusorisch», sagt Gemeindeammann Gehrig, die Gemeinde könne kaum von einem Hauseigentümer im Zentrum erwarten, dass er seine Liegenschaft dem Boden gleichmache, und auf dem Grundstück eine vorschriftskonforme Ersatzbaute aufstelle. Mehrfamilienhäuser sucht man im Dorfzentrum vergebens, ehemalige Bauernbetriebe und Häuschen mit schmucken Gärten säumen die Hauptstrasse.

Daraus lässt sich ableiten: Das Wachstumspotenzial der Gemeinde hält sich in Grenzen. Gehrig rechnet mit 100 bis 150 Personen, mehr liege wohl nicht drin. Die Gemeinde «hat keine Chance, zusätzliches Land einzuzonen.» Die noch vorhandenen Baulandreserven sind bescheiden: Fünf Parzellen für Einfamilien- und drei für Mehrfamilienhäuser. Für zwei von ihnen liegen Pläne auf dem Tisch.

Steuern rauf

Der Steuerfuss liegt aktuell bei 98 Prozent. Auch hier ist eine Änderung absehbar. Schuld daran sind ein Einbruch bei den Steuereinnahmen und der neue Finanz- und Lastenausgleich des Kantons. Eine Erhöhung ist unumgänglich, sagt Gehrig. «2018 werden wir über den Steuerfuss reden müssen.»

Die Auslegeordnung zeigt keine rosige Zukunft für die Gemeinde. Doch eine Fusion ist für den Ammann keine Option. «Ich kann mir nichts anderes vorstellen als selbstständig zu bleiben.» Eine ferngesteuerte Gemeinde sei ihm ein Gräuel.

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