Lenzburg
«Kein Klang ist clean»: Julian Häusermann jagt für das Museum Burghalde Geräusche

Das Museum Burghalde realisiert einen akustischen Ausstellungsraum. Julian Häusermann kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

Von Janine Gloor
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Ein echter Lenzburger: Julian Häusermann (31) hat einen Fuss auf dem ehemaligen Wohnhaus, den anderen auf dem aktuellen.

Ein echter Lenzburger: Julian Häusermann (31) hat einen Fuss auf dem ehemaligen Wohnhaus, den anderen auf dem aktuellen.

Fabio Baranzini

Wie klingt Lenzburg? Diese Frage stellte sich Julian Häusermann (31). Er hat für den Klangraum im Museum Burghalde 23 verschiedene Geräusche aufgenommen. Der Raum ist eine von vielen Neuheiten im renovierten Museum. Während in den unteren Stöcken die Vergangenheit von ganz hinten aufgerollt wird, geht es im Klangraum unter dem Dach um das Lenzburg von heute. Auf dem Boden ist eine grosse Karte der Stadt mit den Umrissen aller Gebäude aufgedruckt. Rote Punkte zeigen an, wo es etwas zu hören gibt. Die Geräusche kann man den Punkten entlocken, indem man eine sogenannte Hörtrompete, einen hohen Trichter auf Rädern über dem Punkt platziert, worauf der Klang aus dem Trichter schallt.

Auf die Idee für einen akustischen Ausstellungsraum kamen die Museumsverantwortlichen, weil sie neben den Ausstellungsstücken zum Anschauen und Anfassen noch einen weiteren Sinn ansprechen wollten. Dass der Auftrag für das Sammeln der Klänge an Julian Häusermann vergeben wurde, ist naheliegend. Der Musiker und Musiklehrer ist in Lenzburg aufgewachsen und der Stadt treu geblieben.

Aufnahmen im Keller

Für die Aufgabe hat er sich als Erstes überlegt, welche Geräusche für Lenzburg typisch sind. Das war nicht immer einfach. «Der Bahnhof zum Beispiel ist ein wichtiger Ort, hier kommt man an», sagt er. «Doch was unterscheidet ihn von anderen Bahnhöfen?» Dann habe es andere Orte gegeben, die wegen ihrer historischen Bedeutung für die Stadt in die Sammlung gehören. Zu den «üblichen Verdächtigen» zählt Julian Häusermann die Hero, das Gefängnis oder das Schloss.

Die meisten Leute haben eine Vorstellung, wie diese Orte klingen. «Beim Schloss habe ich gleich an Ritter denken müssen», sagt Häusermann und gestikuliert wild, als er die Geräusche beschreibt, die ihm dazu in den Sinn gekommen sind: «Sie haben Gelage gefeiert» – er wirft einen imaginären Knochen hinter sich – «und mit Schwertern gekämpft». Doch dann habe er umdenken müssen, weil der Klangraum das aktuelle Lenzburg darstellen soll. Ritter gibt es heute nur noch wenige und vor allem wohnen sie nicht auf dem Schloss. Julian Häusermann hat mit seinem Mikrofon aber einen aktuellen Bewohner aufgenommen. So viel sei verraten: Er haust im Keller und grummelt.

Mit riesengrossen Ohren

Mit einem Mikrofon an einer Teleskopstange und Kopfhörern ausgerüstet machte sich Häuermann auf, um die Lenzburger Klänge einzufangen. Das habe Spass gemacht, mit riesengrossen Ohren einer Stadt zuzuhören. Dabei hat ihn etwas überrascht: «Wenn man genau hinhört, ist man umgeben von vielen Geräuschen», sagt er. Kein Klang sei clean. «Man hört von Weitem eine Schulglocke läuten. Menschen reden, Lastwagen brummen.» Mit dem verstärkenden Mikrofon war plötzlich alles hörbar. Und so laut. «Die Einzigartigkeit eines Klangs einzufangen, ist schwierig. Überall herrscht ein Mikrokosmos von Geräuschen.» Und wo ist es still? Häusermann überlegt. «Ich glaube, wir empfinden Orte als leise, an denen man nur noch natürliche Geräusche hört.» Für den Klangraum war er auch in der Natur unterwegs, hat zum Beispiel das Aabachplätschern aufgenommen. Aber die absolute Stille hat er nicht gefunden.

Ein Geräusch in allen Dingen

Oft klingen also die Dinge gar nicht so, wie wir uns sie vorstellen. «Das ist die psychoakustische Wahrnehmung», sagt Häusermann. Das liegt aber auch daran, dass wir gar nicht über beide Ohren in die Geräuschwelt der Kleinstadt eintauchen. Der Mensch hat gelernt, für ihn Unwichtiges herauszufiltern. Der Klangforscher Häusermann hat gemerkt, dass es Geräusche gibt, die immer da sind, zum Beispiel das Rauschen der Autobahn oder das tiefe Vibrieren von stehenden Bussen. «Die Omnipräsenz dieser Geräusche hat mich überrascht.»

Mit drei Klangtrompeten können die Besucherinnen im Museum Burghalde über die Lenzburg-Karte rollen. Die einzelnen Geräusche sind vier bis acht Sekunden lang. «Sie werden als Loop abgespielt», sagt Julian Häusermann. Das heisst: Bleibt die Trompete auf einem Punkt stehen, wird der Klang in Endlosschlaufe zu hören sein. Die einzelnen Klänge könnten sich zu einem Sound vermischen. «Die Druckmaschine der Druckerei Kromer tönt wie Techno», sagt Häusermann und macht wie ein Beatboxer das rhythmische, schlagende, schnalzende Geräusch aus der Druckerei nach. Das würde dem Musiker Julian Häusermann gefallen, wenn die Lenzburger Geräusche der Stadt zu einer Komposition verhelfen würden. Aber aus seiner Tätigkeit als Lehrer weiss er: «Vielleicht stellen die Leute mit diesem Raum etwas an, worauf wir nie gekommen wären.» Klingt spannend.

Die neue Ausstellung im Museum Burghalde

In der neuen Ausstellung des Museums Burghalde sollen die Besucher Lenzburg mit allen Sinnen erleben. Der Klangraum im zweiten Stock widmet sich dem Ohr und der jüngeren Geschichte von Lenzburg. «Uns war wichtig, dass wir nicht nur Objekte fürs Auge vermitteln», sagt Museumsleiterin Christine von Arx. «Davon haben wir in den unteren Stöcken schon reichlich.» Neben dem Forum, wie die Klangkarte am Boden offiziell heisst, können es sich die Besucher auf einem Sofa bequem machen und an iPads im digitalen Stadtarchiv stöbern. Dort hat es Filme, Audiodateien und Bilder, die Auskunft geben über Feste, Traditionen und die Stadtentwicklung von Lenzburg. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befindet sich ein Pop-up-Bereich in dem für kurze Zeit Ausstellungen zu aktuellen Themen gezeigt werden können. Zum Beispiel zu Jubiläen. Den Auftakt macht eine Ausstellung über das 120-jährige Bestehen der Druckerei Kromer.

Am Samstag, 29. September, wird das Museum nach anderthalbjähriger Umbaupause offiziell mit verschiedenen Führungen und Programmpunkten eröffnet. Um 10.30 Uhr spielt das Jugendspiel, ab 13 Uhr erzählt Ursula Steinmann Lenzburger Märchen für die Kleinen, für die etwas Grösseren folgt ab 19 Uhr eine Gesprächsrunde mit Christine von Arx, Szenograf Martin Birrer und Architekt Benedikt Graf. Abgerundet wird die Eröffnungsfeier mit einem Jazz-Konzert der Lenzburger Sängerin Cinzia Catania. Der Feuerwehrverein Gofi betreibt von 9 bis 22 Uhr eine Festwirtschaft. (JGL)

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