150 Jahre

Kampfblatt «Der Seetaler» wurde zum harmlosen Anzeiger

Der Seitenkopf von «Der Seetaler», wie er heute – 150 Jahre nach der Gründung – als Titel des Kopfblattes des «Lenzburger Bezirks-Anzeigers» verwendet wird.

Der Seitenkopf von «Der Seetaler», wie er heute – 150 Jahre nach der Gründung – als Titel des Kopfblattes des «Lenzburger Bezirks-Anzeigers» verwendet wird.

Vor 150 Jahren erschien die erste Ausgabe von «Der Seetaler». Ein Stück Aargauer Mediengeschichte.

Am 10. Januar 1866 erschien die erste Ausgabe von «Der Seethaler». Die Gründung der Lokalzeitung durch den Seenger Fürsprech und späteren Grossrat Jakob Sandmeier vor exakt 150 Jahren wurde indirekt ausgelöst durch politische und persönliche Differenzen mit dem Verleger und Redaktor Diethelm Hegner, der in Lenzburg das «Wochenblatt» herausgab: «Der Seetaler» (so die heutige Schreibweise) sollte ein Gegenpol bilden zur Monopolposition der städtischen Publikation.

Kein Geschichtsbewusstsein

Was als Kampfblatt gegen die Dominanz von Lenzburg und die ausgabefreudige Regierung des noch jungen Standes Aargau begann, lebt bis heute weiter. Allerdings nur als Kopfblatt-Titel des «Lenzburger Bezirks-Anzeiger» (LBA) in einigen wenigen Dörfern im oberen Seetal.

Dass ausgerechnet in der Gründergemeinde Seengen heute nicht «Der Seetaler» sondern der LBA als Publikationsorgan in alle Haushaltungen verteilt wird, ist wohl dem fehlenden Geschichtsbewusstsein der heutigen Medienmanager geschuldet.

Seit 2002 gehört der Zeitungstitel «Der Seetaler» zur az-Medien-Gruppe. Mit dem Verkauf der Kromer Medien AG vom Lenzburger Unternehmer Theo Kromer an Verleger Peter Wanner fand die lange Odyssee des Zeitungsnamens ein Ende.

Rückkehr zum «Tagblatt»

Innerhalb des grossen az-Medienteichs ist «Der Seetaler» ein sehr kleiner Fisch. Vielleicht wird deshalb im Impressum der az-Wochenanzeiger der offensichtlich falsche Zusatz «162. Jahrgang» vermerkt. Beatrice Strässle, die aktuelle Redaktionsleiterin des «Lenzburger Bezirks-Anzeiger» und seinen Kopfblättern, hat keine Erklärung für den Fehler: «Ich habe keine Ahnung, wie diese Jahrgangszahl entstanden ist.»

Die vor 14 Jahren erfolgte Integration in die az-Medien-Gruppe war für «Der Seetaler» eine Heimkehr. Wie im zweibändigen Standardwerk über die «Geschichte der politischen Presse im Aargau» von Autor Andreas Müller nachzulesen ist, gehörte der Titel ab 1965, zuerst indirekt, zur damaligen «Aargauer Tagblatt AG» (AT).

Die Lokalzeitung wurde noch in Seengen hergestellt. Kurt Hennefarth und Günter Windfelder, zwei Namen die älteren Bewohnern noch heute ein Begriff sind, waren für die Redaktion zuständig. Im Herbst 1973 erschien «Der Seetaler» letztmals zweimal pro Woche. Er wurde ins AT integriert und durfte zu Beginn und nur kurz als Kopfblatt den stolzen Titel «Seetaler Tagblatt» tragen. 1978 wurde das Aussenbüro Seengen geschlossen.

Der Titel «Der Seetaler» wurde vom AT nicht mehr benötigt und vom damaligen Direktor Erwin Hinden seinem ehemaligen Lehrling Fritz Siegrist überlassen. Dieser gab «Der Lindenberg/Der Seetaler» heraus; eine Lokalzeitung im Tabloidformat. Gemäss Andreas Müller übernahm Verleger Kromer diese Publikation am 18. März 1994.

Kampf gegen Schulgesetz

Seither ist «Der Seetaler» trotz redaktionellen Beiträgen zur Hauptsache ein Anzeiger. Fürsprech Jakob Sandmeier hatte das Blatt zum Kampf gegen die Polit-Elite gegründet. Gemäss Chronist Müller verstand er sich «als Wortführer des Landvolkes, als Populist; seine Gegner hockten hinter Stadtmauern in Aarau, Baden und Lenzburg».
Sandmeier führte 1865/66 einen intensiven Kampf gegen das neue Schulgesetz, das beispielsweise eine Lehrer-Mindestbesoldung von 1000 Franken im Jahr vorsah. Mit «Der Seetaler» hatte er ein Sprachrohr, um einen Teil der «Seenger Begehren» bei der Überarbeitung im Grossen Rat, dem er später selbst angehörte, durchzubringen.

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