Lenzburg

Juristisches und «kulturhistorisches Gewissen»

Stadtschreiber Christoph Moser hat 32 Jahre mit vollem Einsatz seiner Vaterstadt gedient.

Stadtschreiber Christoph Moser hat 32 Jahre mit vollem Einsatz seiner Vaterstadt gedient.

Ein Rückblick und Ausblick des pensionierten Stadtschreibers Christoph Moser auf seine Arbeit im Dienste des Staates.

Am «Tag der Arbeit», dem 1. Mai 1979, trat Christoph Moser sein Amt als Lenzburger Stadtschreiber an. Ironie des Schicksals? Damals war das noch kein Freitag, aber die Arbeit im Dienste seiner Vaterstadt hat ihn 32 Jahre lang über das normale Mass hinaus umgetrieben. «Es war für mich die seit Jugendzeit gewünschte Berufung, und das ist auch heute noch so», sagt er rückblickend.

Garant für korrekte Vermittlung

Über die Routine hinaus wird man an diesem Schlüsselposten der Verwaltung täglich neu gefordert, und im Lauf der Jahrzehnte verändert sich viel. Moseristeintraditionsbewusster Typ, aber Neuerungen keineswegs verschlossen. Im Gegensatz zum «Kanzler» auf dem Lande, bei dem alle Fäden zusammenlaufen und der zur «grauen Eminenz» wird, ist der Stadtschreiber im Getriebe der Stadtverwaltung der stille Schaffer im Hintergrund.

Der lizenzierte Fürsprecher war das «juristische Gewissen» der Behörden, der dieBeschlüsse der Exekutive zwecks Umsetzung zu Papier bringt, die Ratsrunde und bei Bedarf Verwaltungsabteilungen und Legislative berät, als Protokollchef funktioniert und nach aussen Garant für die korrekte Vermittlung der vom Stadtrat getroffenen Entscheidungen ist.

Vieles geht über den Kanzleitisch

Beim Stadtschreiber geht vieles über den Tisch, er spürte die zunehmende Last der Geschäfte. So standen die Verantwortung für alle Stadtrats- und Einwohnerratssitzungen sowie das Personalwesen in seinem Pflichtenheft.

Ohne tatkräftige Mithilfe der langjährigen Sekretärin der Stadtschreiberei, Berti Singer, hätte er die struben Zeiten nicht so gut überstanden, sagt Christoph Moser dankbar. Er war froh, als er ab 1987 durch aktive Vizestadtschreiber, seit 1991 Stephan Wiedemeier, und seit 2002 durch die Anstellung eines Leiters Stadtverwaltung, Daniel Hug, in diesen Bereichen entlastet wurde und er sich vermehrt seinen eigentlichen Kernkompetenzen widmen konnte. Es gab noch genug zu tun.

Egoismus und Intoleranz

Die intensivere Nutzung unseres Lebensraumes und unserer Einrichtungen durch immer mehr anspruchsvolle Einwohner führe zwangsläufig zu Interessengegensätzen und Konflikten, Egoismus und Intoleranz, stellt der Jurist fest.

Wenn der Gemeinsinn abhanden kommt, brauche es halt eine zunehmende Regelungsdichte, neue Vorschriften und Gesetze mit zunehmendem Vollzugsaufwand. «Der Bund erlässt die Gesetzte, der Vollzug ist Sache der Kantone, und diese geben den Ball an die Gemeinden weiter», hält Moser maliziös fest.

Die Bewirtschaftung der Zeit

Nicht von ungefähr widmete Christoph Moser seinen vorläufig letzten Auftritt an der Chlausmärtzusammenkunft der Ammänner und Kanzler des Bezirks dem Thema Zeit. «Der Trend geht zu einer immer intensiveren Bewirtschaftung der Zeit. Wirtschaftlichkeit bedeutet Minimierung des Zeitaufwandes von Maschinen und Arbeitskräften. Dies bringt enorme Zeitzwänge mit sich und führt zu psychischen Belastungen für den Menschen.» Die elektronische Textverarbeitung führe dazu, dass «heute mehr geschrieben wird und wir täglich von einer grossen Zahl viel längerer Texte überflutet werden, die wir lesen sollten».

Er mahnte seine Kollegen, sich für Entscheide genügend Zeit zu nehmen; der Gemeindeschreiber sei geradezu «verpflichtet, bei überhasteten Entscheidungsprozessen zu bremsen». Ein Vermächtnis wohl auch an Christoph Hofstetter; er sei froh über diesen tüchtigen Nachfolger und glücklich, dass der Stadtrat einen Stadtschreiber gewählt habe, der schon länger in Lenzburg wohne und den Frontwechsel von der kantonalen Verwaltung gutbewältigt habe.

Freiraum für kulturelle Belangen genutzt

Den trotz zahlreicheren und aufwändigeren juristischen Gutachten und Verfahren gewonnenen Freiraum nutzte Christoph Moser in den letzten Jahren für seine Anliegen in kulturellen und geschichtlichen Belangen, «die für unsere historische, kulturell rege Kleinstadt von grosser Bedeutung sind».

Die ausgesprochen poetische Ader des mit Akribie, Perfektion und Hartnäckigkeit wirkenden Verwaltungsmannes kam in den legendären Einladungsschreiben an die Gäste des Lenzburger Jugendfestes sowie zur Chlauszusammenkunft zum Ausdruck. Seine Führungen durch die Altstadt und die ortsbürgerlichen Liegenschaften sowie Reiseleitungen zu historische Stätten zeugen von enormem kulturgeschichtlichen Fundus.

Künftig als freier Mitarbeiter unterwegs

Mosers hervorragendes Gedächtnis und das Flair für die historischen Zusammenhänge darf Lenzburg glücklicherweise weiter nutzen. Im Unruhestand wird er als freier Mitarbeiter für «seine» Stadt tätig sein, vor allem als Stadtarchivar, aber auch als Stiftungsratsmitglied für das Schloss und das Museum Burghalde.

Den Ortsbürgern legte er bei der Verabschiedung ans Herz, deren Liegenschaften, Areale, den Wald und die Kiesgrube nicht nur als Renditenobjekte, sondern als Verpflichtung zu betrachten. Aufgabe der Ortsbürgergemeinde sei die Förderung der Kultur und des öffentlichen Lebens; «sie soll als reicher Onkel jene Leistungen erbringen, welche die Einwohnergemeinde nicht leisten kann». Das «juristische Gewissen» des Stadtrates wird zum «kulturhistorischen Gewissen» der Stadt.

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