Das Fundament der Schweizer Armee trägt Anzug, Krawatte, weisses Hemd. Ulrich Tschan, wer ihn kennt, nennt ihn Ueli, 62, kommt an diesem Donnerstagmorgen schnellen Marsches in die Loge. Hier, am Eingang zum Armeelogistikcenter Othmarsingen, werden alle und alles kontrolliert, was hinein und hinaus will.

Vorne, die Pistole im Holster und den Blick auf die Zufahrtsstrasse, sitzen zwei Militärpolizisten. Hinten, die Besucherdatenbank auf dem Schirm und das Telefon am Ohr, sitzt ein Unteroffizier. Tschan begrüsst alle mit Händedruck und Namen, und er wird dies in den nächsten zwei Stunden bei jedem tun, dem er auf dem weiten Areal begegnet.

Militärisch ist der Villmerger ein Oberst ausser Dienst, zivil der C ALC-O, der Chef Armeelogistikcenter Othmarsingen. Er ist ein Patron in privatem Anzug, aber mit staatstragendem Auftrag. Und damit einer Art Symbolbild für seinen Betrieb. Um zu begreifen, warum, müssen wir ein paar Jahre zurückspulen.

Freundliche Atmosphäre

1850 hatte der Bundesrat die Kriegsmaterialverwaltung gegründet. Er setzte Oberstleutnant Wurstemberger als «eidgenössischen Verwalter des Materiellen» ein. Sein Auftrag lautete, alles Material für die Artillerie zu besorgen und «die in den eidgenössischen Werkstätten beschäftigen Arbeiter sowie die Verfertigung von Waffen, Kriegsfuhrwerken und dergleichen» zu leiten und zu beaufsichtigen. Dutzende Zeughäuser waren auf alle Kantone verteilt.

In den 60er-Jahren wurde eine neue Panzer-Generation eingeführt. Das Armeelogistikcenter Othmarsingen ging am 1. April 1968 in Betrieb, unter dem Namen AMP, Armeefahrzeugpark. Die damals schon in die Jahre gekommenen Zeughäuser waren nicht bereit für die modernen Panzer, die bestehenden Werkstätten nicht auf deren Grösse und Gewicht ausgelegt.

So gab der Bund den Bau der Fahrzeugparks in Auftrag. «Der Betrieb wird nach zivilen Anordnungen geführt, nicht nach militärischer Hierarchie», erklärte schon der erste Verwalter des AMP Othmarsingen, Major Buri. Und der Redaktor des «Aargauer Tagblatts» bemerkte: «Das bestätigt sich beim Gang durch die verschiedenen Abteilungen, wo überall eine freundliche Atmosphäre herrscht».

25 Millionen Franken kostete der Bau von Wohn- und Betriebsstoffgebäude, Truppengebäude, drei zweistöckigen (!) Einstellhallen, Servicegebäude, Werkstatt mit Verwaltungstrakt, Einfahrtrakt, Abwasserreinigungsanlage. Wirtschaftlich zu konstruieren war schon damals Gebot: So wurden die Dächer der Fahrzeughallen aus Lausanne geholt – als Occasion. Sie stammten von den Hallen der Landesausstellung 1964.

1992 waren der Kriegsmaterialverwaltung 92 Zeughäuser, Werkstätten, Depots unterstellt. Dann wurden die Streitkräfte und ihre Lager mit dem Konzept der «Armee 95» reduziert, und gleichzeitig wurde die Informatik eingeführt. Plötzlich konnten auch grosse Bestände in wenig Zeit den Ort wechseln – Endresultat: Heute konzentriert sich alles Material auf nur noch fünf Armeelogistikcenter mit einer Handvoll Filialen. Eines davon ist Othmarsingen.

Erste Verteidigungslinie

Ueli Tschan sagt: «Der Aargau ist einer der Kantone, die ein Armeelogistikcenter haben dürfen.» Dabei betont er das letzte Wort, als wolle er seinem Gastgeber in Erinnerung rufen, dass der Verbleib keine Selbstverständlichkeit sei. Gestern Abend pflichtete ihm die Aargauer Militärdirektorin Franziska Roth bei.

An einem Festakt sagte sie: «Wir können stolz darauf sein, dass eines der fünf ALC hier bei uns im Aargau ist. Nicht nur ist es mit 500 Arbeitsplätzen ein bedeutender Arbeitgeber, es werden hier auch viele Berufslernende ausgebildet.» Und Roth sprach auch das grosse Thema an, das die Logistiker in den nächsten Monaten beschäftigen wird: Die Weiterentwicklung der Armee. Mit diesem Konzept wird die Mobilmachung wiedereingeführt. Alle Truppengattungen werden diese trainieren.

Einrücken und Materialfassung in Echtzeit – damit man im Ernstfall bereit wäre. «Das Armeelogistikcenter ist sozusagen die erste Verteidigungslinie», beschrieb Roth die Rolle des Centers, das bewusst auf der Kreuzung von Nörd-Süd- und Ost-West-Achse, an Bahnlinie und Autobahn gebaut wurde.

Kampf der Talente

«Die Welt ist heute nicht mehr gleich berechenbar», sagt Tschan. Wenn man sich anschaue, was in Europa in den letzten Jahren alles passiert sei – er spricht auf Anschläge wie in London, Paris oder Brüssel an – sei es zwingend nötig, «die Armee neu auszurichten.» 85 Millionen Franken wurden baulich dafür investiert, rechtzeitig zum Ende des Jubiläumsjahrs werden alle Erneuerungs- und Ausbauarbeiten abgeschlossen sein.

Doch damit ist für Tschan der Weg in die Zukunft noch nicht zu Ende. Er sagt auch: «Der Kampf der Talente hat begonnen.» Man will die besten Lernenden haben – Motorgerätemechaniker Philipp Stäuble wurde 2017 beispielsweise Schweizer Meister in seinem Beruf. Der Patron weiss: Ohne gute Mitarbeitende nützt auch das beste Material nicht viel.

Als «mustergültig» lobt Divisionär Thomas Kaiser, als Chef Logistikbasis der Armee Tschans Vorgesetzter, dessen Führungsgrundsätze. Und pflichtet ihm bei: «Ohne jene Menschen ist keine Mobilmachung der Armee möglich und ohne sie würde unsere Truppen im Einsatzfall logistisch rasch einbrechen.»

Seine Priorität sei es, erklärte Kaiser, die Logistikbasis «wieder dorthin zu bringen, wo wir vor 50 Jahren und bis in die 90er-Jahre waren, nämlich die Bereitschaft zu erlangen, praktisch aus dem Stand zu mobilisieren und eine militärische Operation über mehrere Monate unter Zuhilfenahme des zivilen industriellen Potenzials logistisch durchzuhalten».

Das Fundament der Schweizer Armee in Othmarsingen ist bereit.