Berufs-WM
Janine Biglers «Heimvorteil» in Abu Dhabi: Die Drucktechnologin greift nach der Krone

Als sie zur Berufs-WM eingeladen wurde hüpfte Janine Bigler vor Freude durch ihr Zimmer. Jetzt trainiert die 21-jährige Drucktechnologin für ihr ambitioniertes Ziel in Abu Dhabi. «Gwundernase» und «Perfektionistin» – als solche charakterisiert sich Bigler selbst.

Jakob Weber
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Janine Bigler hat letztes Jahr die Lehre als Drucktechnologin mit Bestnoten abgeschlossen.
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Nach ihrem Lehrabschluss wurde Janine Bigler bei Sprüngli Druck AG übernommen.
Von oben wird neue Farbe in die Druckmaschine geleert.
Janine Bigler
Beim Einspannen eines Gummituchs ist Bigler auch körperlich gefordert.
Die handwerkliche Arbeit macht Bigler sichtlich Spass.
Ihre Ausdauer macht sich Bigler auch auf dem Fussballplatz zu nutze.
Anschliessend programmiert Bigler die Druckmaschine.
Drucken die Farben auch schön übereinander? Mit einer Lupe wird die Qualität des Drucks überprüft.
Stolz präsentiert Bigler einen fertigen Druck.
So sieht Biglers Arbeitsplatz bei Sprüngli Druck AG in Villmergen aus.
Die Druckmaschine aus Villmergen wird auch an der WM in Abu Dhabi verwendet.

Janine Bigler hat letztes Jahr die Lehre als Drucktechnologin mit Bestnoten abgeschlossen.

Sandra Ardizzone

«Packet an», hallt es durch die Druckerei Sprüngli in Villmergen. Mehrere Männer stürzen sich auf die völlig ahnungslose Janine Bigler und sperren sie in einen vergitterten Postwagen. Anschliessend wird die frisch gebackene Lehrabgängerin mit Wasser übergossen und getunkt. Ein solches Gautschen, wie das Taufritual heisst, hat unter Schriftsetzern und Buchdruckern Tradition. Für die Drucktechnologin ist dieser Tag im Juni 2016 der Beginn einer Erfolgsstory:

Erst wird Janine Bigler von ihrem Lehrbetrieb übernommen, wenige Monate später holt sie an den Schweizer Meisterschaften für Drucktechnologen die Goldmedaille. Doch damit nicht genug. Bigler überzeugt auch eine Fachjury, die aus den Top 3 der Schweizer Meisterschaft den geeignetsten Kandidaten für die Weltmeisterschaft in Abu Dhabi auswählt. Noch am Abend klingelt Janine Biglers Telefon. «Ich bin vor lauter Freude wild durch die Wohnung gehüpft», sagt die 21-Jährige.

Worldskills: Die Schweiz ist die Nummer 1 Europas

Die Berufsweltmeisterschaften werden alle zwei Jahre ausgetragen. Die WM findet vom 14. bis 19. Oktober 2017 in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) statt. 51 Wettbewerbe unterschiedlicher Berufe stehen auf dem Programm. 1300 Teilnehmer aus 77 Ländern sind am Start, darunter auch 38 Schweizer. Darunter zwei aus unserem Einzugsgebiet. Am letzten Freitag stellte die az Bäcker-Konditorin Ramona Bolliger aus Gontenschwil vor.

Bigler bezeichnet sich selbst als «Gwundernase» und «Perfektionistin». Sie hat einen enormen Anspruch an mich selbst. «Alles was ich mache, ist eine Visitenkarte des Betriebs. Das muss dann auch gut sein», sagt sie. Biglers Arbeit ist immer ähnlich: Druckauftrag entgegennehmen, Platten belichten, Papier bereitlegen, Platte einspannen, gelegentlich Farbe nachfüllen, Maschine einstellen, Papier durchlaufen lassen, Qualitätskontrolle. Wird einem da nicht langweilig? «Nein. Nicht immer läuft alles nach Plan. Dann muss ich mein Fachwissen einsetzen, um die Ursache zu finden. Zudem sind die Aufträge und Ergebnisse immer anders. So bleibt es immer spannend», sagt Bigler.

Freizeit wird gestrichen

Mit der WM-Nomination beginnt der Stress. Top 3 lautet das gesteckte Ziel. Zwölf Teilnehmer sind am Start. «Sollte es am Ende kein Podestplatz werden, will ich immerhin alles dafür gegeben haben», sagt WM-Teilnehmerin Bigler. Deswegen wird jetzt, wenn immer möglich geübt: Digitaldruck, Offsetdruck, Farbenmischen, Schneiden. Auch die englischen Fachausdrücke wollen gelernt sein. Dazu kommt mentales Training und Programmier-Training am PC. Klar, dass dafür auch viel Freizeit und Ferien drauf gehen.

Unterstützung erhält Bigler von Rolf Wyss, einem Experten von Swiss Skills, der sie regelmässig im Betrieb besucht und berät. Auch eine Trainingswoche in Heidelberg mit anderen europäischen Teilnehmern und der Besuch einer Druckerei in Langenthal, wo die Disziplin Digitaldruck geübt wird, stehen auf dem Programm. Ausserdem hat Bigler gegenüber ihren Konkurrenten ein Ass im Ärmel: Die Druckmaschine, die an der an der WM verwendet wird, ist identisch mit jeder im Werk von Sprüngli. Heimvorteil quasi.

Freie Tage kennt Bigler nur noch vom Hörensagen. Samstags macht sie eine Weiterbildung zur Betriebsfachfrau an der Schule für Gestaltung, sonntags geht es dann für die 3.-Liga-Frauen des SC Schöftland auf den Fussballplatz. Dort spielt Bigler auf dem Flügel. «Das liegt wohl an meiner Ausdauer», sagt Bigler.

Sie ist früh von zu Hause ausgezogen. Sie verlässt Schöftland und ihre Patchworkfamilie mit vier Geschwistern. Erst lebt sie kurze Zeit alleine in Muhen. Anfang 2017 zieht sie mit ihrem Freund zusammen nach Lenzburg. Die beiden sind seit über drei Jahren ein Paar.

Einfamilienhaus als Prämie

Die Familie wird Bigler nach Abu Dhabi an die Weltmeisterschaften begleiten. «Das bedeutet mir sehr viel. Meine Mama ist wirklich stolz und erzählt allen davon», sagt Bigler. Anders als ihre asiatischen Kollegen, wird sie auch im Falle eines WM-Siegs in ihren vier Wänden wohnen bleiben. «In Japan bekommt ein Berufsweltmeister ein Einfamilienhaus, wir nur eine sehr viel kleinere Prämie.», sagt Bigler und lacht. Das Preisgeld spielt für sie nur eine untergeordnete Rolle: «Ich sehe die WM eher als Chance für meine berufliche Zukunft. Ich liebe meinen Beruf und will mein Können unter Beweis stellen.»