Ihre Chancen waren minim. Ramona Härdi hat das gewusst und sie wurde auch wiederholt darauf aufmerksam gemacht. Und immer wieder sagte die Eisschnellläuferin aus Möriken: «Solange die geringste Chance besteht, kämpfe ich bis zur letzten Minute dafür, sie zu packen.» Aufgeben kam für die 20-Jährige nicht infrage, und diese Hartnäckigkeit hat sich schliesslich ausgezahlt. Im Dezember schaffte Ramona Härdi im Massenstart die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang.

Um das Olympia-Debüt gebührend zu feiern, veranstalteten Freunde und Angehörige am Samstagvormittag ein Public Viewing in der Bar des Hotel Aarehof in Wildegg. Rund 80 Gäste erschienen. Sie alle blickten mit Vorfreude auf den Rennbeginn um 12 Uhr und hofften auf einen Exploit von Ramona Härdi, der ihr die Finalqualifikation ermöglichen würde.

Mutter ist «ziemlich aufgeregt»

Ramonas Mutter, Jacqueline Caroli, erinnerte sich auch an die Anfänge der Olympia-Träume ihrer Tochter. «Schon als kleines Mädchen hat Ramona die olympischen Spiele mit strahlenden Augen am Fernsehen mitverfolgt». Härdi, die vor Jahren die Inline Skates gegen die Schlittschuhe eingetauscht hat, hat viel investiert, um ihre Ziele im Eisschnelllauf zu erreichen. Im vergangenen August zügelte sie gar von Möriken nach Heerenveen in Holland, um ihre Profikarriere durch optimale Trainingsbedingungen gestalten zu können.

Ihre grosse Willenskraft sei es schon immer gewesen, die Ramona Härdi ausgezeichnet hätte, sagt Jacqueline Caroli. Zwei Tage vor dem Rennen hatte sie ein letztes Mal mit der Tochter telefoniert. Ihre Stimmung vor dem Wettkampf sei sehr gut, berichtete diese. Die Mutter selbst sagt, sie sei innerlich ziemlich aufgeregt. Man sieht, wie stolz sie auf ihre Tochter ist.

Die Ruhe des Grossvaters

Die Ruhe in Person dagegen ist Ramonas Grossvater Hans Härdi. Er hat die Sportkarriere seiner Enkelin stets eng mitverfolgt. «Für mich ist es schon eine Sensation, dass sie es an die Olympischen Spiele geschafft hat. Es ist unwahrscheinlich, was sie dafür alles geleistet hat.»

Banger Blick auf die Leinwand

Und dann sind alle Augen auf die grosse Leinwand in der Hotel-Bar gerichtet. Die Eisschnellläuferinnen im Eisstadion von Pyeongchang begeben sich an die Startlinie.

Massenstartrennen im Eisschnelllauf besitzen ihre ganz eigene Dynamik. Die Ziellinie wirkt nicht, wie gewöhnlich, als unwiderstehlicher Anziehungspunkt. Vielmehr herrscht zumindest in der ersten Rennhälfte ein Hin und Her aus kontrollierter Dauerspannung und explosiven Zwischensprints. Dementsprechend ist sich auch die Stimmung im Aarehof beim Startschuss zu Härdis Olympia-Debüt nicht euphorisch, sondern eher abwartend und gebannt.

Und leider platzen die Olympia-Träume bereits in der vierten von 16 Runden. Die gesundheitlich angeschlagene Ramona Härdi stürzt. Der Frust bei ihr, das zeigt eine Zeitlupenwiederholung auf der Leinwand, ist gross. Die Stimmung in der Bar ist verständlicherweise auch kurzzeitig geknickt. Doch dieses Stimmungstief hält nicht lange an. Die Freude, Teil von Ramona Härdis erstem Olympia-Start gewesen zu sein, überwiegt.

«Natürlich ist es schade für Ramona», sagt ihr Vater Markus Härdi. «Doch so etwas kann passieren.» Und Ramonas Chef, Erhard Luginbühl, ist sich sicher: «Das waren nicht Ramonas letzte Olympische Spiele.»