Gewissensfrage
Ist Pelz tragen nicht mehr eine Gewissensfrage?

Die Gemeindeammann von Birriwl, Barbara Buhofer, trägt an der Eröffnung einer Holzschnitzelanlage einen Pelz. Das empört die einen. Und erinnert an die Debatten, in denen Pelztragen zur Gewissensfrage erhoben wurde.

Claudia Landolt
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Frauen tragen Pelz, um zu zeigen, wie viel ihr Mann verdient, lautet ein nicht eben schmeichelhaftes Bonmot aus den ideologiebesetzten 1990er-Jahren. Es waren auch die Jahre, in denen Anti-Pelz-Kampagnen dank Supermodels wie Cindy Crawford und Tyra Banks als Aushängeschild eine breitere Bevölkerung erreichten, und die Anti-Pelz-Bewegung auf ihrem Höhepunkt in den USA auf Europa überschwappte, und der Tierschutz auf dem Spung war, sich in der geltenden Ethik einen Platz zu sichern.

Plötzlich war der kritische Umgang mit Pelz ein Thema, es wurde an den Tierschutzgedanken appelliert, die Kürschner wehrten sich massiv - das Pelz-Tragen oder Nicht-Tragen war ein, ja beinahe, ein Umweltthema unter vielen. Manche aber stören sich am moralischen Imperativ von Organisationen wie Peta, dass, wer Pelz trägt, automatisch auch ein schlechter Mensch sei. Es sei, so der Ton in Mailand und St. Moriitz, Städten mit einer hohen Quote an luxusgewöhnten Menschen, herrscht vielerorts die Meinung: Es sei Privatsache, wer Pelz trägt und wer nicht. Und: Die Tiere waren schliesslich schon lange tot, also durfte man getrost den Persianer aus Muttis Mottenkiste tragen. Außerdem: Wenn niemand Pelz zu tragen wagt, dann ist nichts schicker, als trotzdem einen zu tragen.

Dass dem nicht unbedingt so ist, zeigt ein Leserbrief, den die Nordwestschweiz erreicht hat. Am Montag wurde von der Einweihung der neuen Holzschnitzelanlage in Birrwil berichtet, ein Fotograf war vor Ort. Auf dem Bild finden sich der Betriebsleiter Hans Härri, zwei Gemeinderäte und die Frau Gemeindeammann Barbara Buhofer. Alle vier präsentieren sich mit Stolz in den Augen - zu Recht, denn mit der Holzschnitzelanlage optimiert Birrwil nicht nur seinen ökologischen Fussabdruck, sondern verfügt so auch über eine Installation für eine unabhängigen Wasserzufuhr und einen Nahwärmeverbund, mit der unter anderem die geplante Überbauung beheizt werden kann.

Zur Eröffnung im Pelz?

Ein optischer Hingucker ist wie immer Barbara Buhofer, Sopranistin, Gemeindeammann, und so attraktiv, dass sie jede politische Runde bereichert. Die Kombination von Schönheit, Exekutive und Musikalität ist nicht nur in Zeiten eine äusserst attraktive. Vielleicht deshalb hat Leserbriefschreiber Giancarlo Zacchia genau hingesehen. Er vermisst eine gewisse moralische Selbstverständlichkeit im Auftreten von Frau Buhofer: «Das Bild zum Artikel, mit dem Birrwiler Gemeinderat und Frau Gemeindeammann Barbara Buhofer, habe ich mir schon zweimal ansehen müssen, bevor ich daran glauben musste. Denn darauf ist Frau Buhofer definitiv mit einer Nerzstola abgebildet. Frau Buhofer mag eine begnadete Sängerin sein, doch in Sachen Moralvorstellungen und Tierethik brauch sie ganz offensichtlich selber Nachhilfeunterricht.»

Die Aargauer Zeitung konforntierte die bekannte Sopranistin und Gemeindammann mit diesem Vorwurf. «Dieser Mantel ist ein Erbstück, und ich habe ihn an diesem Tag getragen, weil es sehr kalt war und ich unterwegs von Deutschland kommend, keine Zeit mehr hatte, mich umzuziehen.» Barbara Buhofer betont, sie würde selbst niemals einen neuen Pelz kaufen. Sie sehe aber auch nicht ein, warum sie ein solches Geschenk nicht tragen soll: «Hätte ich ihn weggeworfen, würde das ja niemandem nützen, und das arme Tier hätte erst recht umsonst gelitten.» Ausserdem, dieser Diskussion über ihre Privatangelegenheit sichtlich müde, fügt sie hinzu: «Es gibt doch Wichtigeres auf dieser Welt, oder?»