Lenzburg
Ist die Altstadt reif für einen Comestibles-Spezialisten?

Gleich zwei Läden an der Rathausgasse wurden in kurzer Zeit geschlossen. «Centrums»-Präsidentin Brigitte Becker optimistisch für die Altstadt-Geschäfte.

Ruth Steiner
Drucken
Teilen
«Haushalt plus» ist zu, «Tischlein Deck Dich» hat Schlussverkauf. Die Ladenstrasse auf der rechten Seite in der Rathausgasse steht vor markanten Veränderungen.PI

«Haushalt plus» ist zu, «Tischlein Deck Dich» hat Schlussverkauf. Die Ladenstrasse auf der rechten Seite in der Rathausgasse steht vor markanten Veränderungen.PI

Pascal Meier

Wie eine schwere Klette hängt das schwarze Eisengitter an der Eingangspforte und versperrt den Zugang zum Haushaltwarengeschäft «Haushalt plus» in der Rathausgasse. Auf der Eingangsstufe brennt eine Kerze, an der Ladentür hängt die Todesanzeige von Edith Hinden, der langjährigen Geschäftsführerin. Vergangene Woche ist sie unerwartet gestorben. Passanten bleiben stehen, sind bestürzt. Unfassbar, sagen sie. Mit der markanten Persönlichkeit Hindens gehe der Rathausgasse so etwas wie ein «Brand» verloren.

Brigitte Becker, Präsidentin Vereinigung Centrum Lenzburg: «In der Rathausgasse ist Potenzial für ein schönes Comestibles-Fachgeschäft.»

Brigitte Becker, Präsidentin Vereinigung Centrum Lenzburg: «In der Rathausgasse ist Potenzial für ein schönes Comestibles-Fachgeschäft.»

Ruth Steiner

Nach der für Frühling angekündigten Schliessung des Porzellan- und Glasfachgeschäftes «Tischlein Deck Dich» müssen die «Lädeler» in der Rathausgasse nun innerhalb kurzer Zeit einen weiteren Verlust verkraften. Frappant ist dabei, dass die beiden Geschäfte direkt nebeneinander liegen. Und beide waren Mitglied in der Vereinigung Centrum Lenzburg (siehe Box).

Deren Präsidentin Brigitte Becker ist von den Ereignissen der vergangenen Wochen ebenfalls betroffen, spricht von einem herben Verlust. «Die zwei Läden waren wichtige Pfeiler in der Rathausgasse und haben einander optimal ergänzt. Im ‹Tischlein Deck Dich› gab es bisher die schönen Dinge zu kaufen und im ‹Haushalt plus› Gegenstände für den alltäglichen Gebrauch.»

Was mit «Haushalt plus» passiert, ist noch nicht bekannt, «Tischlein Deck Dich» schliesst in wenigen Monaten. Beide Läden verfügen über grössere Verkaufsflächen. Diese zu vermieten, dürfte kein einfaches Unterfangen werden, ist sich Brigitte Becker bewusst.

Trotzdem strahlt die «Centrum»-Präsidentin Zuversicht aus, spricht von ihren eigenen Erfahrungen: Vor zehn Jahren hat die Meisterfloristin am Kronenplatz in einem ehemaligen Ausstellungsraum eines Treppenbauunternehmers ein Blumengeschäft eröffnet, das nun floriert. «Geschenkt wird nichts, man muss sich seinen Platz erarbeiten», zieht sie ihre persönliche Bilanz.

Die «Lädeler» machen sich stark für eine lebendige Altstadt

Vor über 35 Jahren haben sich die Läden in der Innenstadt zusammengeschlossen und die Vereinigung Centrum Lenzburg ins Leben gerufen. Sie wurde aus Mitgliedern des Gewerbevereins gebildet, die in der Rathausgasse und der näheren Umgebung ansässig sind.

«Centrum Lenzburg» bündelt speziell die Interessen der Altstadt-Geschäfte und führt gemeinsam Aktivitäten durch. Ziel dieser Aktionen ist die Altstadt besser zu frequentieren und zu beleben. Dazu gehörten in der Vergangenheit Spezialaktionen wie die Sonderwochen «blauer Teppich», die verkaufsoffenen Sonntage im Dezember, die Mitfinanzierung der Altstadtbeleuchtung während der Adventszeit und ein gemeinsamer Auftritt an der letztjährigen Gewerbeausstellung (LEGA) in Lenzburg.

Nach einigen Kontroversen rund um die Einführung einer «Bonus-Card» (die az berichtete) hat im Frühling 2014 ein komplett neuer Vorstand mit Brigitte Becker als «Centrums»-Präsidentin die Zügel in die Hände genommen. Becker führt das Blumengeschäft Verde am Kronenplatz. Dem dreiköpfigen Vorstand gehören zudem Eleonora Serratore, Delikatessen und Geschenkladen s’sächzäni in der Leuengasse, als Kassierin, und Maja Gsell, Boutique am Brunnen, als Aktuarin an. Gleichzeitig mit der Neuorganisation wurden die Strukturen der Vereinigung leicht angepasst. «Centrum Lenzburg» umfasst aktuell 15 Aktiv- und 18 Passivmitglieder. (str)

Die kreative Blumenspezialistin hat sich auch schon Überlegungen zu einer möglichen Neubesetzung der leeren Verkaufsflächen gemacht. Gehen diese konkret in eine Richtung? Die 44-Jährige lacht verschmitzt. Nicht alle Branchen hätten gleich gute Chancen, heutzutage erfolgreich Fuss zu fassen, ist zu überzeugt.

«Denkbar sind diverse Fachspezialisten. Doch ich glaube, dass die Lenzburger Gourmets sind. Deshalb denke ich, dass in der Rathausgasse durchaus Potenzial für ein schönes Comestibles-Geschäft vorhanden ist.» Das würde den bestehenden Ladenmix gut ergänzen. Ins gleiche Horn stösst Roland Frey, Inhaber eines Uhren- und Schmuckgeschäfts in der Gasse. Auch er gibt sich kämpferisch. «Wir glauben an die Zukunft der Fachgeschäfte in der Rathausgasse.»

Der Uhrenfachmann hofft, für das im Frühjahr frei werdende Ladenlokal im Herzen der Rathausgasse «werde ein Detaillist gefunden, das wäre optimal für die regelmässige Belebung der Altstadt.» Weniger erfreut wäre er, wenn die Räume umgenutzt würden, zum Beispiel in eine Galerie mit unregelmässigen Öffnungszeiten oder gar in Büros. Das würde die Gasse zusätzlich schwächen. Frey hat vor acht Jahren die Bijouterie von Roger Clemençon übernommen.

Brigitte Becker wie auch Roland Frey sehen in der Kundennähe die grosse Chance der Altstadt-Ladengeschäfte. «Die Kunden schätzen die persönliche Betreuung und den Service», sagt Frey aus Erfahrung und Becker ergänzt: «Die ‹Lädeler› haben eine ganz spezielle Kultur. Es ist nicht nur der tiefste Preis, der zählt. Ebenso wichtig ist die persönliche Beziehung.» Zwei Attribute, welche auch «Tischlein Deck Dich» und «Haushalt plus» ausgezeichnet hatten.

Aktuelle Nachrichten