Am Schluss sass er am Tisch wie ein Häufchen Elend, den Kopf in die Arme gelegt und bitterlich weinend. Er wolle nur heim, sagte er. Heim zu seiner Mutter, seinem Vater – und zu seiner Frau. Dann hat er sich für seine Drogendealerei in der Schweiz entschuldigt.

Genau deshalb sass der 29-jährige Abedin (Name geändert) am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Lenzburg auf der Anklagebank. Ein kleiner Mann mit jungenhaften Zügen, schwarzen, kurz geschnittenen Haaren und einem unregelmässigen Mehrtagesbart.

Abedins Beine steckten in einer weiten grauen Trainingshose, dazu trug er einfache schwarze Zoccoli. Den verwaschenen blauen Pullover zierte ein Werbelogo.

Vor dem Coop Heroin verkauft

Die Staatsanwaltschaft warf Abedin unter anderem qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz vor. Zwischen dem 28. Mai und 2. Juni vergangenen Jahres hatte Abedin an verschiedenen Orten, so auch vor dem Coop-Supermarkt in Lenzburg, harte Drogen verkauft: Heroin und Kokain. Sein Treiben dauerte nicht lange. Bereits nach wenigen Tagen flog er auf, als er einem Interessenten 4,5 Gramm Heroin übergeben wollte. Hinter dem Käufer versteckte sich ein verdeckter Fahnder.

Laut Anklageschrift hatte der Angeklagte innerhalb weniger als einer Woche 64 bis 80 Gramm Heroin sowie 8 bis 9 Gramm Kokain an verschiedene Personen abgesetzt. In Abedins Auto fand die Polizei zusätzlich 64,5 Gramm Heroin sowie 2,5 Gramm Kokain, beide Stoffe waren in kleinere Portionen aufgeteilt. Zudem trug er 2761 Franken Bargeld auf sich. Die Drogen hatte Abedin von einem ihm unbekannten Händler erhalten mit der Anweisung, diese zu verkaufen. Der Weiterverkauf wurde mit telefonisch vereinbarten Übergaben organisiert.

Vor Gericht gab sich Abedin einsilbig. Die Fragen von Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger liess er sich vom Übersetzer auf Albanisch übersetzen. Während der Befragung reagierte er zunehmend ungehalten. «Ich habe die Aussagen bei der Polizei gemacht. Ich weiss nicht, weshalb wir wieder auf die Geschichte zurückblicken müssen», liess er das Gericht durch den Übersetzer wissen.

Gerichtspräsidentin Sonderegger konterte: «Es wäre wichtig, hier einen guten Eindruck zu machen. Immerhin geht es um Ihr Strafmass.» Er stehe unter grossem Stress, rechtfertigte Abedin sich. Abwechslungsweise verschränkte er während der Verhandlung die Finger ineinander und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

Zehn Monate Untersuchungshaft

Abedin war als Tourist in die Schweiz eingereist. Die Staatsanwaltschaft sprach in diesem Zusammenhang von einem «etwas anderen Fall von Kriminaltourismus», in dem der Angeklagte bewusst in das Land eingereist sei, um sich dem Drogenhandel zuzuwenden. Sie forderte für Abedin eine unbedingte Gefängnisstrafe von 20 Monaten und eine Busse von 300 Franken, umwandelbar in eine 3-tägige Haft. Hinzu verlangte sie einen Landesverweis von 10 Jahren.

Dieses Strafmass kam bei der Verteidigung nicht gut an. Sie zerpflückte das Plädoyer der Staatsanwaltschaft teilweise akribisch und warf ihr vor, «einen Fall zu konstruieren», mit dem die Staatsanwaltschaft ein «Exempel statuieren wolle». Abedin sei ein kleiner Fisch und seine Auftraggeber seien die grossen Drogenhändler. «Der Angeklagte hat sich aus wirtschaftlichen Gründen in der Schweiz als Laufbursche von Drogendealern anbieten müssen», erklärte die Verteidigerin.

Arbeitslos

Die Firma, für die Abedin in Albanien als Marktfahrer unterwegs war, war eingegangen, Abedin seit einiger Zeit arbeitslos. Die Aussicht, als Drogenkurier hier zu Geld zu kommen, hatte den Beschuldigten in die Schweiz getrieben. Die Verteidigerin bezeichnete zudem die lange Untersuchungshaft als fragwürdig. Zehn Monate hatte Abedin im Bezirksgefängnis Kulm auf den Prozess gewartet. Die Verteidigung pochte auf ein massiv milderes Strafmass.

Das Gericht verhängte anschliessend eine Strafe von 15 Monaten bedingt mit einer Probezeit auf drei Jahre. Die zehnmonatige Untersuchungshaft wird dabei angerechnet. Hinzu kommt eine Busse von 300 Franken. Und Abedin darf fünf Jahre lang den gesamten Schengenraum nicht mehr betreten.