Ob ein Take-away, ein Coiffeur-Salon oder eine Unternehmensberatung. Die Zahl an neu im Handelsregister eingetragenen Firmen hat einen Rekordwert erreicht: 2014 wurden schweizweit 41 632 Unternehmen gegründet, fast doppelt so viele wie 1996. Auch im Kanton Aargau ist die Zahl gestiegen, wie die kürzlich publizierten Zahlen des Schweizerischen Gläubigerverbands Creditreform zeigen. 2475 Neueintragungen wurden im vergangenen Jahr registriert, vier Prozent mehr als 2013.

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat auch Stefan Schmid aus Staufen gemacht. Seit vergangener Woche ist er Geschäftsinhaber der team-geist.ch GmbH, einem Netzwerk von Online-Marketing-Profis. Speziell in Schmids Fall: Der 40-Jährige hat den Business-Plan seines Unternehmens im Existenzgründungskurs des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums RAV realisiert.

Wie ist es dazu gekommen? Im Juli 2014 wurde er arbeitslos. Dies, nachdem er während knapp 20 Jahren als Aussendienstmitarbeiter gearbeitet hatte und die letzten zwei Jahre bei einer Online-Marketing-Firma angestellt war. Stefan Schmid kam dort mit der Betriebsphilosophie nicht klar, das Verhältnis zu seinem letzten Vorgesetzten verschärfte sich zunehmend. Nach der Kündigung im gegenseitigen Einvernehmen meldete er sich beim RAV an – mit einer präzisen Job-Vorstellung. «Ich war an einer 50-Prozent-Stelle interessiert», sagt der Familienvater und fügt an: «In der verbliebenden Zeit wollte ich mein eigenes Unternehmen aufbauen.»

Der Kurs steht nicht allen offen

Die angestrebte Teilzeit-Lösung ist nicht zustande gekommen. Hingegen hat sich in den Gesprächen mit den Personalberatern des RAV herausgestellt, dass bei ihm eine 100-prozentige Selbstständigkeit möglich ist.

Nicht alle, die beim RAV angemeldet sind, können den Existenzgründungskurs besuchen. Wie Ingrid Strebel von der Logistik Arbeitsmarktliche Massnahmen, Fachstelle «Förderung der selbstständigen Erwerbstätigkeit», beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) erklärt, dürfen nur diejenigen teilnehmen, die bestimmte Voraussetzungen mitbringen.

Damit der Schritt in die Selbstständigkeit erfolgreich ist, muss eine realisierbare und nachhaltige Geschäftsidee, ein Entwurf des Geschäftskonzepts und eine gesunde finanzielle Basis vorliegen. Stefan Schmid hat die Kriterien erfüllt. Im November 2014 konnte er gemeinsam mit weiteren zehn Erwerbslosen den Existenzgründungskurs bei der Job Fit AG in Buchs besuchen.

«Der Kurs war ausserordentlich intensiv», sagt er. Der Teamgeist unter den Teilnehmern sei gross gewesen, ebenso die Unterstützung der Kursleiter. Während dreier Wochen wurden die verschiedenen Business-Pläne definiert, Geschäftsführungskenntnisse vermittelt, Probleme der selbstständigen Erwerbstätigkeit besprochen und die Erfolgschancen beurteilt.

Der Kurs habe ihm gezeigt, so der Staufner, dass das eigene Vorhaben umsetzbar ist und die Firma wirtschaftlich tragbar sein kann. In diesem Prozess sei man mit der Realität konfrontiert worden: Beispielsweise wiesen ihn die Kursleiter darauf hin, dass es finanziell nicht tragbar wäre, wenn er sich nur auf die Produktion von Web-Filmen konzentrieren würde.

Entgegen Stefan Schmids Erwartungen war die Mehrheit der Teilnehmer älter als er: «Ich gehörte zu den drei Jüngsten.» War das eine Ausnahme oder ist das auch bei den anderen Existenzgründungskursen so? Das sei oft der Fall, sagt die Produkteverantwortliche der AWA-Fachstelle. Denn 50-Jährige und Ältere hätten Erfahrung, viel Know-how und würden über ein grosses Netzwerk verfügen, das sie optimal nutzen könnten. Aus diesem Grund würden viele den Weg in die Selbstständigkeit wählen.

Nun liegt alles in der Waagschale

Das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit bietet den Existenzgründungskurs monatlich an. Zwischen acht und zwölf Personen, so Ingrid Strebel, würden ihn jeweils besuchen. Im Durchschnitt also über 100 Erwerbslose pro Jahr. Wie viele Teilnehmer eine Firma im Handelsregister eintragen lassen und erfolgreich sind, wird vom AWA periodisch überprüft. Die letzte Auswertung hat ergeben, dass nach drei Jahren immer noch 65,4 Prozent selbstständig waren.

Letzte Woche hat Stefan Schmid seine GmbH team-geist.ch lanciert. Obwohl er bereits erste Aufträge hat, ist er nervös, verspürt eine gewisse Unsicherheit. «Der Schritt in die Selbstständigkeit war ein Wagnis», so der Vater einer kleiner Tochter. Schaffe ich es? Wird sich das Geschäft rentieren? Was, wenn nicht? Fragen, die ihm und seiner Frau schlaflose Nächte bereitet haben: «Jetzt liegt alles in der Waagschale.» Trotz allen Zweifeln, Stefan Schmid ist guten Mutes. «Es war mein Wunsch, selbstständig zu werden.». Deshalb werde er mit «Vollgas» auftreten.