Insektizide gefährden auch Fische

Bestimmte Pflanzenschutzmittel könnten in Europa erhebliche Auswirkungen auf Fischbestände haben.

Thomas Oswald
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Der Einsatz bestimmter Pestizide in Seen zerstören kleinste Wassertiere – und damit die Nahrung der Fische. Das ergab eine jahrzehntelange Studie an einem japanischen See. Ähnliche Szenarien könnten auch in Europa geschehen sein.

Im Lake Shinji fiel der erstmalige Einsatz bestimmter Pestizide auf nahe gelegenen Reisfeldern mit dem Zusammenbruch ganzer Fischpopulationen zusammen. Die dort eingesetzten Insektizide, sogenannte Neonikotinoide, sind weltweit stark verbreitet. Sie sind in der Kritik, weil sie neben Schädlingen auch nützlichen Insekten wie Bienen schaden.

Japanische Forscher um Masumi Yamamuro von der Universität Tokio untersuchten die Wasserqualität und die Lebewesen im Lake Shinji. Das Team konnte zeigen, dass es seit dem ersten Einsatz der Insektengifte im Jahr 1993 bis zu seiner letzten Wasseranalyse im Jahr 2016 zu erheblichen Veränderungen im Ökosystem des Sees gekommen ist. So waren eine Reihe von kleinsten Wasserlebewesen, die zuvor reichlich vorkamen, entweder ganz verschwunden oder nur noch in geringem Mass zu finden. Dazu gehören zum Beispiel bestimmte Arten von ­Mücken, Asseln, Würmern oder Krebsen. Diese dienen ins- besondere jungen Fischen als Nahrung.

Als eine Folge ihres Nahrungsschwundes brachen die Bestände an Aalen und Stinten ein. Die Ausbeute des gewerblichen Fischfangs bei Stinten verringerte sich im Schnitt von 240 Tonnen pro Jahr vor dem ersten Einsatz der Neonikotinoide auf 22 Tonnen danach.

Bestand an Eisfischen vergrösserte sich sogar

Andere Lebewesen zeigten sich resistenter. So vergrösserte sich während der Studie der Bestand an Eisfischen sogar. Die Wissenschaftler vermuten, dass sich diese stärker von pflanzlichem Plankton, wie Algen, ernähren. Aale und Stinte hingegen würden besonders sensibel auf die veränderte Nahrung reagieren. Andere Faktoren, die sich ebenfalls negativ auf die Fischbestände auswirken könnten, schlossen die Forscher aus. So hatte sich weder der Salzgehalt noch die Sauerstoffkonzentration des Wassers wesentlich verändert.

Die EU-Staaten hatten 2018 für ein Freilandverbot von drei verbreiteten Neonikotinoiden gestimmt. Die Stoffe dürfen nur noch in Gewächshäusern eingesetzt werden. Es gibt aber weitere Neonikotinoide und zudem Ausnahmeregelungen. Für Falko Wagner, Leiter des Instituts für Gewässerökologie und Fischereibiologie im deutschen Jena, bestätigen sich mit der Studie ältere Befürchtungen: «Die negativen Auswirkungen von Neonikotinoiden auf wirbellose Tiere sind durch Laborexperimente eindeutig belegt. Aber dass dies so klar im natürlichen System nachgewiesen wird, ist ein starkes Indiz für die unterschätzte Gefahr durch Pestizide.»

Bisher kein eindeutiger Zusammenhang

Ein eindeutiger Zusammenhang mit Pflanzenschutzmitteln konnte aber bisher nicht festgestellt werden. Langfristig hätte ein solche Entwicklung weitreichende Auswirkungen: «Von den Fischen leben ja wiederum andere Tiere, etwa der Fischotter, aber auch Vögel und andere Landtiere, die auf diese Nahrung zwingend angewiesen sind», so Wagner. (sda)