Sieht man dieses stolze Haus in Lenzburg, spürt man die Eleganz, die einst hier ein- und ausging. Könige sollen es gewesen sein, aber vor allem Meister der Worte wie Hermann Hesse oder Albert Schweitzer. Diese Zeit ist noch nicht vorbei, immer noch treffen sich im Aargauer Literaturhaus Schriftsteller aus der grossen weiten Welt und der kleinen Schweiz. Ein angegliedertes kleines Haus ist für drei Monate ein Zufluchtsort für Schreibende. Dieses zur Zeit mit Schnee überzuckerte Atelier hat für die kommenden Monate die deutsche Schriftstellerin Marion Poschmann bezogen.

Möchte man diese Frau mit Worten beschreiben, man müsste sich mit einer ganz Grossen messen. Ihre Sprache ist eine Rose im Dornenwald, sie formt Sätze wie «Ich hatte Angst, mich in dieser Küche zu bewegen, ich fürchtete mich, die Töpfe und Teller zu berühren, als könnte ich eine Oberflächenspannung zerstören, die diesen Raum noch eine Weile in seiner Form hielt. Streublümchen, Mehlsuppen, Himbeersaft – was blieb, war die Himbeersafttapete meiner Kindheit, Milch mit Haut, weichgekochte Eier, Zichorienkaffee.» Doch wer ist diese Frau der lyrischen Worte, deren Name – zwar nicht gänzlich unbekannt – lange aber mehr schlecht als recht durch die Literaturkataloge dümpelte?

Lebendige Bücher

Geboren in Essen, wohnhaft in Berlin, 45 Jahre alt, Lyrikerin, so weit die Fakten. Poschmann ist eine zurückhaltende Frau, bei jeder Frage studiert sie lange. Auch ihr Buch «Die Sonnenposition», welches ihr den Durchbruch brachte, ist ein langsames Buch. Es erzählt eine fast nicht zusammenfassbare Geschichte. Ein Arzt in einem zur Psychiatrie umfunktionierten Schloss in der ehemaligen DDR erzählt aus seinem Leben. Die Geschichte startet nach dem nicht restlich geklärten Unfalltod eines Freundes. Er sinniert über seine Patienten, deren Sonne er quasi ist – daher auch der Buchtitel. Er sinniert über sich selbst und wird dabei diesem Freund immer ähnlicher.

«Eigentlich sollte es ein gesellschaftskritisches Buch werden, welches den Narzissmus unserer Zeit anprangert.» Doch dann hat sich Odilo, eine der Hauptfiguren, über seine Schöpferin gestellt und die Handlung verändert. «Diese Figur, die ein Prototyp werden sollte, ist nicht in diese Richtung geraten. Er wurde viel freundlicher und liebenswürdiger, als ich mir das vorgestellt habe.» Entstanden ist ein philosophischer Roman über Freundschaft. Die Kritiker verdankten es ihr, und sie wurde für den deutschen Buchpreis nominiert.

Zurück zu den Anfängen. Begann Poschmann, einfach draufloszuschreiben? «Man beginnt mit einer Anfangsidee, einer inneren Logik, nach der man sich richtet. Es ist hinterher oft ein Glück, wenn die erste Idee nicht ganz so umgesetzt wurde», erklärt sie den Entstehungsprozess. «Meine Bücher haben etwas Organisches, wie eine Pflanze wachsen sie. Sie verselbstständigen sich.»

Vom Vorlesemarathon aufs Land

Die Zeit nach der Buchveröffentlichung – das Werk ist 2013 erschienen – war für sie ein bewegtes Jahr. Eine Lesung jagte die nächste. In Lenzburg beginnt jetzt eine ruhige Phase. «Im Grunde schliesse ich mich hier ein und schreibe. Das ist wenigstens der Plan.» Das ist auch das Ziel des Literaturhauses, welches Poschmann eingeladen hat. «Ich hatte vorher keine Vorstellung von Lenzburg und dachte, ich lasse mich überraschen.» Gänzlich unbekannt war ihr die Gegend jedoch nicht, nach Brugg und Wettingen wurde sie auch schon eingeladen. «Ich hatte so eine vage Vorstellung, wie die Gegend sein wird.» Und gefällt es ihr hier? «Mir gefällt es sehr gut», sagt sie. Übersichtlich sei die Stadt, und man sei mit dem Ort schnell vertraut. «Lenzburg hat eine gewisse Gemütlichkeit und Freundlichkeit, man ist schnell in der Natur, das gefällt mir.»

Auch mit hiesigen Schriftstellern ist sie in Kontakt gekommen – und ist positiv überrascht. «Ich muss sagen, die Schweizer Autoren sind ausgesprochen freundlich und offen», beschreibt sie ihre Treffen im Literaturhaus. «In Deutschland dauert es länger, um mit einem Autor warm zu werden.» In Lenzburg entstehen jetzt auch Teile ihrer neuen Werke. An zwei Projekten arbeitet sie. Der plötzliche Erfolg von «Die Sonnenposition» machte sie zur gefragten Uni-Dozentin. In Essen wird sie Poetik-Vorlesungen halten. Dazu muss sie aber erst mal ein 80-seitiges Skript schreiben. Später geht es nach Pennsylvania, USA, um ein Semester als «writer in residence» zu dozieren.

Lyrischer Gartenbau

Ihre lyrische Seite ausleben wird sie aber in ihrem neuen Gedichtband. «Der Band behandelt weitgefasst das Thema Garten.» Garten? «Ja, bei Garten denkt man immer gleich an den Garten Eden. Ich untersuche bei verschiedenen Gärten im Grunde diese Anspielung an die ideale Landschaft, die Utopie, die in jedem Garten verborgen liegt.» Vor dem Fenster des Ateliers weht der Wind Schnee durcheinander, bedeckt den gepflegten Garten mit einer Puderzuckerschicht Schnee. «Hier, mit diesem wunderschönen Barockgarten, ist es natürlich die ideale Umgebung, um daran zu feilen», sagt die Perfektionistin Poschmann. Sie feilt an ihren Sätzen, verbessert, stellt um, es scheint, als erfinde sie gar eigene Worte.

«Ich denke mir keine eigenen Begriffe aus», verteidigt sie sich. «Pyramidenschweigsamkeit» beschreibt sie einmal das Verhalten einer Person im Buch. Der Duden kennt dies nicht. «Es steht ja nicht alles im Duden, was es gibt. Pyramidenschweigsamkeit ist ein Begriff von Herman Melville.» In «Moby Dick» hat sie diesen Begriff gelesen, und, weil er ihr gut gefiel, aufgeschrieben. «Gedächnispaläste» heisst ein anderes Kapitel, ein Begriff aus der alten Rhetorik, «Glanzapparate» wiederum stammt aus dem Barock.

Wird man in ihrem Gedichtband bald Begriffe aus dem Aargau lesen können? Aarenblau? Fauchilaut? Meist passiere dies nicht so direkt. «Es dauert immer eine ganze Weile, bis Eindrücke verarbeitet werden, sie in einem Gedicht landen.» Alles scheint Zeit zu brauchen. Irgendwann möchte sie auch mal ein Theaterstück schreiben. «Aber das ist jetzt noch nicht in naher Zukunft.» Vielleicht hat sie ihren Aufenthalt in Lenzburg bis dann verdaut, und wir bekommen eine Geschichte von einem alten Schloss auf einem Hügel mit einem Drachen erzählt.