Langsam kreist die Geissel über dem Kopf. Beide Hände umklammern den hölzernen Stock, an dem die zwei Meter lange Hanfschnur angebunden ist. Plötzlich schwenken die Arme zuerst nach rechts, dann nach links: Peng! Und nochmals: Peng!

Wenige Sekunden später knallt es von allen Seiten: Auf dem Pausenplatz von Ammerswil stehen ein Dutzend Kinder und fuchteln mit den Geisseln durch den Nebel. Yannic, Damjan und Ramon wissen bereits, wie die Geissel zu schwingen ist, damit es zünftig knallt. Die sechsjährige Laura hält hingegen die Geissel zum ersten Mal – das Ende wickelt sich immer wieder um ihre Beine. Doch bald schwingt auch sie den Stock im Rhythmus; nur Knallen will die Geissel noch nicht.

Ammerswiler Gemeindeammann Hanspeter Gehrig beim Chlauschlöpfen

Gemeindeammann Hanspeter Gehrig beim Chlauschlöpfen

Rund 20 Schüler üben fürs jährliche Chlausklöpfen, ein Lenzburger Brauch. Durch das Klöpfen der Geisseln wird der Samichlaus aus seiner Höhle gejagt: Er soll den Kindern im Dorf Geschenke mitbringen.

Müttern gefällt die Tradition

Um die Tradition zu wahren, organisierten zwei Ammerswiler Mütter einen Schnupperkurs für Schüler. Normalerweise werde ein Brauch über die Eltern weitergegeben, sagt Initiantin Jacqueline Lehn. Das Problem sei aber, dass viele zugezogene Familien den Brauch nicht kennen. «Wir merkten: Wenn wir jetzt nichts machen, stirbt die Tradition aus.» Jacqueline Lehn gehört selbst zu den Zugezogenen. Weil ihr Sohn klöpfen wollte, nahm Lehn vor drei Jahren selbst eine Geissel in die Hand.

Chlauschlöpfe: Jacqueline Lehn zeigt wie es geht

Jacqueline Lehn zeigt wie es geht

Jetzt will sie zusammen mit Sabine Leimbacher, der Schule und der Gemeinde die Kinder animieren, das Brauchtum zu leben. Nur: «Viele Kinder spielen Fussball oder Hockey. Das Klöpfen hat da keinen Platz», sagt Sabine Leimbacher. «Darum wählten wir die grosse Pause. Da können alle mitmachen.» Wenn es den Kindern Spass macht, begeistern sie bald auch ihre Eltern.

Meister am Werk

Auf dem Pausenhof wickeln die einen Kinder ihre Geissel vom Stock und lassen sie knallen. Die anderen schauen zu, wie die Enden der Geisseln an den Köpfen ihrer Mitschülern vorbeischwirren. «Man darf einfach keine Angst haben, dass die Geissel einen zwickt», sagt der achtjährige Yannic. «Aber es tut schon weh.» Wie Verletzungen vermieden werden können, zeigt Gemeindeammann Hanspeter Gehrig vor. Die Beine breit – ein sicherer Stand ist wichtig. Den Stock hochhalten – die Geissel darf den Boden nicht berühren. Und: Der Knall entstehe nur dann, wenn das Geisselende, der Zwick, Überschallgeschwindigkeit erreicht, sagt Gehrig und zeichnet mit dem Stock eine liegende Acht über seinem Kopf. Peng!

Während die einen fleissig üben, schaufeln am Rande des Pausenplatzes unbeeindruckt vom Geknalle sieben Kinder im Sandkasten. «Wir können nicht alle begeistern», sagt der Gemeindeammann. Aber wenn sie den Zwick einmal zum Knallen bringen, hören sie nicht mehr damit auf.