Lenzburg
In den Ferien giesst der Vermieter die Blumen und leert den Briefkasten

Wenn die Mieter der Überbauung «Check in» verreisen, können sie sich die Pflanzen giessen und den Briefkasten leeren lassen – dank des Ferienservices können sie auch weitere Dienste bestellen. Ist das die Zukunft?

Pascal Meier
Merken
Drucken
Teilen
Trotz Ferienabwesenheit des Mieters sind die Zimmerpflanzen gut versorgt: Ferienservice in der Lenzburger Überbauung «Check in».

Trotz Ferienabwesenheit des Mieters sind die Zimmerpflanzen gut versorgt: Ferienservice in der Lenzburger Überbauung «Check in».

Chris Iseli/AZ

Pflanzen in der Überbauung «Check in» an der Lenzburger Bahnhofstrasse verdursten wohl seltener als ihre Artgenossen in anderen Wohnungen. Verreist einer der 70 Mieter für längere Zeit, kann er bei der Hausverwaltung den professionellen Ferienservice bestellen. Dieser giesst die Pflanzen, leert regelmässig den Briefkasten und lüftet auch mal kräftig durch. Fünf Wochen im Jahr ist der Service in der Miete inklusive. Das sollte reichen, damit die Pflanzen gut über die Runden kommen, während der Besitzer an der Adria die Seele baumeln lässt.

Mit solchen Angeboten reagiert die Immobilienbranche auf gesellschaftliche Veränderungen. Die Haushalte werden kleiner, Frauen arbeiten vermehrt und die Mobilität steigt. Deshalb greifen Immobilienverwaltungen ihren Mietern unter die Arme, damit diese mehr Zeit zum Leben haben. Kino statt Putzen, quasi.

In der Überbauung «Check in» sieht das in etwa so aus: Der alleinstehende Buchhalter lässt sich vom Wäscheservice die Hemden bügeln. Der «Troubleshooter» stellt Mietern mit wenig Zeit den Einkauf in die Küche, baut Schränke zusammen und schraubt Lampen an die Decke. Auf Wunsch wird ein Brunch geliefert. Im Angebot sind auch Umzugsservice, Fensterputz (einmal im Jahr inklusive), IT-Service und Wohnungsreinigung. Letztere gibt es im Abo oder auch nur dann, wenns dringend nötig ist. Die verkaterte Jung-WG kann am Sonntagmorgen auf die «After-Party-Reinigung» zurückgreifen.

Vor allem bei Jungen beliebt

In der Lenzburger Überbauung nutzt jeder fünfte Mieter solche Dienste, die teilweise extra kosten. Beliebt sind nebst dem Ferienservice und der Fensterreinigung der «Troubleshooter» sowie die Wohnungsreinigung. Letztere nehmen Milan Sedlacek und Marija Sakac ab und zu in Anspruch. «Es ist schön, wenn man sich nicht mehr ums Putzen kümmern muss», sagt Milan Sedlacek. Eine Erleichterung sei der Ferienservice («unsere einzige Pflanze hat überlebt») und die jährliche Fensterreinigung. «So werden sie wenigstens einmal im Jahr geputzt», sagt Partnerin Marija Sakac mit einem Lachen.

Es sind eher jüngere Mieter, die solche Angebote nutzen. Das sagt Maja Konrad, Leiterin der Abteilung «Wohnen mit Services» von Wincasa. Der Immobilien-Dienstleister nimmt die Aufträge entgegen, ausgeführt werden sie von anderen Firmen. «Vielen jungen Menschen geht es finanziell gut, sie haben wenig Verpflichtungen und leisten sich solche Dienste», sagt Konrad. Beim Start der Angebote vor etwa acht Jahren seien noch ältere Mieter die Zielgruppe gewesen. «Es zeigte sich aber, dass Senioren lieber selber anpacken, solange es gesundheitlich geht.» In der Zwischenzeit würden auch ältere Menschen die Angebote vermehrt nutzen.

«James» geht mit dem Hund Gassi

Bei Wincasa, die Services rund ums Wohnen bei Liegenschaften von Credit Suisse und anderen Immobilienbesitzern betreut, ist man vom Bedürfnis des Angebots überzeugt. «Die Nachfrage steigt», sagt Maja Konrad. «Der heutige Mieter will nicht nur schön wohnen, sondern auch möglichst viel Zeit haben, die Wohnung und Freizeit zu geniessen. Schweizweit bietet Wincasa in 80 Liegenschaften mit rund 3500 Wohnungen solche Services an, unter anderem im «Käfergrund» Aarau und im Rheinfelder «Augarten». Eine weitere Siedlung ist im Herbst 2014 in Staufen eingeweiht worden.

Für Aufsehen sorgte 2007 die Eröffnung der Überbauung «James» mit 280 Wohnungen im zürcherischen Albisrieden, das der UBS gehört und einen exklusiven Service bietet: Ein Concierge hütet das Telefon, reserviert einen Tisch beim Lieblingsitaliener und reicht den Mietern auch mal den Schirm, wenn es regnet. «James lässt Sie nie im Regen stehen», versprechen die Betreiber. Gegen Aufpreis geht «James» bzw. ein externer Dienstleister mit dem Hund Gassi oder hilft beim Zügeln.

Das Konzept hat sich laut Wincasa etabliert: Inzwischen sind zwei weitere «James»-Siedlungen in Lausanne und Winterthur in Betrieb. Die 114 bzw. 151 Wohnungen sind fast alle vermietet. Die UBS hat sich zum Ziel gesetzt, in jeder grösseren Schweizer Stadt mindestens eine «James»-Wohnüberbauung zu realisieren.

Nur für Gutverdienende

Den grossen Boom werden Siedlungen wie «James» trotz allem in naher Zukunft kaum erleben. 2011 stellten die Immobilienspezialisten der Credit Suisse in ihrer jährlichen Markstudie zwar fest, dass solche «Serviced Apartments» hierzulande eine «aufstrebende Beherbergungsform» sind. Ein Jahr später rechnete die CS aber vor, wie gross der Markt tatsächlich ist: Potenzielle Kunden sind nur Mieter mit höherem Einkommen, also etwa jeder vierte Vollbeschäftigte in der Schweiz. Die Dienste lohnen sich laut CS nur für Mieter, die mehr als netto 42 Franken pro Stunde verdienen. Wegen der zunehmenden Akademisierung wird der Anteil dieser Gutverdiener aber zunehmen, wagen die CS-Experten einen Blick in die Zukunft.

Um auch Mieter mit weniger hohem Einkommen zu erreichen, empfiehlt die Credit Suisse in ihrem Immobilienbericht, die Dienstleistungen so weit wie möglich zu standardisieren und automatisieren. Vor allem die hohen Lohnkosten in der Schweiz seien hier ein Problem: Ein Concierge, der sieben Tage die Woche jeweils von 7 bis 19 Uhr in einer der «James»-Überbauungen arbeitet, kostet den Mieter bei total 100 Wohnungen rund 150 Franken pro Monat.